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Schichtbetrieb am Limit

Die aktuelle Teilzeitlösung bringt Grundschüler, Eltern und Lehrer an ihre Grenzen

  • Von Rainer Rutz
  • Lesedauer: 4 Min.

»Die aktuelle Teilzeitbeschulung der Grundschüler ist für die Eltern keine Entlastung«, sagt Norman Heise, Versitzender des Berliner Landeselternausschusses. Wie auch, fragt Heise: Manche Kinder würden pro Woche kaum mehr als drei Stunden Präsenzunterricht bekommen und ansonsten wie gehabt auf die Daheimbeschulung angewiesen sein. Daher sei es wenig verwunderlich, dass etliche Eltern nach nun bereits zweieinhalb Monaten Homeschooling »auf dem Zahnfleisch gehen«.

Dabei sollte genau dieser Leidensdruck eigentlich genommen werden, als die Senatsbildungsverwaltung Ende April bekanntgab, dass Berlin nach den coronabedingten Schließungen schrittweise wieder zum Präsenzunterricht an den Schulen übergehen werde. Die über 430 Grundschulen der Hauptstadt hatten bis zum vergangenen Freitag Zeit, auch die letzten Jahrgangsstufen wieder in die Klassenräume zurückzuholen. Somit gibt es nun für alle Schüler in den verbleibenden dreieinhalb Wochen bis zu den Sommerferien wieder Schulstoff vor Ort. Von einem Normalbetrieb kann aber nicht die Rede sein.

An der Rosa-Parks-Grundschule in Kreuzberg etwa sind die Klassen halbiert, der Präsenzunterricht ist auf wenige Stunden an wenigen festgelegten Wochentagen reduziert. Etwas mehr als ein Viertel der fast 600 Kinder bekommt zwar zusätzlichen Förderunterricht vor oder nach der »regulären« Schulzeit, berichtet Schulleiter Holger Hänel. Der Großteil muss aber den restlichen Schulstoff weiterhin von zu Hause aus bewältigen. »Viele Kinder sind einfach nur sehr froh, überhaupt wieder zur Schule gehen zu können«, berichtet Hänel. Für die Eltern sei auch die Teilzeitlösung eine »riesige Herausforderung«.

Im Vorfeld der im Wochentakt vollzogenen Schulöffnungen wurde viel gewarnt. Zu den bekannten Problemen - Mangel an Personal, Räumen, Hygiene - kam die Sorge, dass insbesondere kleine Kinder Abstandsregeln nicht einhalten könnten. Ein Musterhygieneplan sollte es richten, nicht wenige Schulleiter zweifelten an dessen Umsetzbarkeit.

Zumindest an seiner Schule sei »das große Chaos ausgeblieben«, sagt Peter Dersch, Grundschullehrer an der Martin-Niemöller-Schule im Lichtenberger Ortsteil Neu-Hohenschönhausen. »Letztlich war es nicht leicht, aber es läuft gut«, erklärt Dersch. Auch an seiner Grundschule arbeitet man seit einem Monat mit komplizierten Schichtplänen. Die rund 650 Kinder werden ebenfalls in halbierten Klassen unterrichtet. Alle zwei Werktage gibt es bis zu fünf verkürzte Unterrichtsstunden vor Ort mit nach Jahrgangsstufen zeitversetztem Beginn.

»Durch den gestaffelten Beginn, aber auch die räumlichen Gegebenheiten inklusive dem großen Schulhof ist die Gefahr, dass sich Kinder aus unterschiedlichen Gruppen begegnen, sehr gering«, so Dersch. In gewisser Weise habe die aktuelle Kleingruppenregelung auch ihre Vorteile, sagt der Lehrer. »Zum einen ermöglicht es ein viel ruhigeres und diszipliniertes Arbeiten. Zum anderen hat der einzelne Lehrer sehr viel mehr Zeit, um auf die einzelnen Schüler einzugehen.« Denn selbstverständlich seien bei einigen während der Zeit der Schulschließungen Lernrückstände entstanden, die nun mit Hilfe des Lehrers direkt im Klassenraum wieder aufgeholt werden können. »Das bringt Eltern ja durchaus auch Entlastung.«

Dass »das derzeitige Lernen in kleinen Klassen weitaus entspannter« ist, will Elternvertreter Norman Heise gar nicht abstreiten. Heise, selbst Vater eines Grundschülers, sagt: »Die Kinder sind natürlich total froh, wieder eine Lehrperson vor sich zu haben.« Zugleich bleibt er aber dabei, dass das Teilzeitmodell zahlreiche Eltern »massiv nervt«. Wohl auch vor diesem Hintergrund wurde zuletzt häufiger der Vorwurf laut, Lehrkräfte würden es sich gerade sehr bequem machen, während die Eltern zusätzlich zu ihrem Job zu Hause auch noch den Lehrer geben müssten.

Heise hält nichts von derart pauschalem Pädagogen-Bashing. Ja, es gebe sicher auch Lehrer, die nach wie vor nicht greifbar sind. Was aber andere angesichts der Doppelbelastung aus Fern- und Präsenzunterricht leisteten - das sei »schon ein ziemlicher Hammer«.

Wann dieses Arbeiten, Betreuen und Lernen am Limit ein Ende hat, ist unklar. Der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) sagte laut »Tagesspiegel«, dass der Senat den »Anspruch« habe, die Schulen »möglichst schnell wieder in den Normalbetrieb zu führen«, um die »Ausnahmesituation« für Eltern, Kinder und Lehrer »hoffentlich bald beenden« zu können. Was »möglichst schnell« meint, ließ Müller allerdings offen.

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