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Mit dem Rad raus aus dem Heim

In Potsdam fordern rund 400 Menschen die Unterbringung von Flüchtlingen in Wohnungen

  • Von Andreas Fritsche
  • Lesedauer: 3 Min.

»Yallah, yallah«, ruft ein Mann dem kleinen Achmed zu. Das heißt soviel wie: »Los, beeil Dich!« Achmed geht auch gleich aus dem Sattel seines Kinderrads, strampelt ordentlich und schließt zur großen Gruppe auf. Achmed ist Teil der Fahrraddemonstration am Pfingstmontag in Potsdam. Die Teilnehmer fordern, die Asylheime wegen der beengten Verhältnisse sofort zu schließen und die dort lebenden Flüchtlinge in Wohnungen unterzubringen.

Vier verschiedene Routen gibt es, bei denen jeweils mehrere Flüchtlingsunterkünfte angefahren werden. Am Ende will man sich zu zwei Abschlusskundgebungen am Landtag beziehungsweise am Brandenburger Tor treffen. Das wurde so organisiert, da nach der brandenburgischen Corona-Eindämmungsverordnung Demonstrationen unter freiem Himmel nur mit bis zu 150 Teilnehmern erlaubt sind. Durch die Aufteilung auf vier Routen und zwei Kundgebungen soll dem Rechnung getragen werden. Teilnehmer sollten sich vorher im Internet registrieren, damit die Organisatoren abschätzen konnten, mit wie vielen Menschen wo zu rechnen ist. Doch es kommt alles ein bisschen anders.

Die Südroute startet gegen 13.30 mit zunächst 26 Teilnehmern am Flüchtlingsheim am Handelshof 20. Die Adresse liegt mitten in einem Gewerbegebiet. Außer aktuell 103 Flüchtlingen lebt hier niemand. Darum ist die Unterbringung an dieser Stelle umstritten. Kürzlich wurde die Unterkunft wegen des Coronavirus auch noch unter Quarantäne gestellt, was die Bewohner zusätzlich isolierte. Inzwischen dürfen sie aber wieder raus. Das machen auch einige: Drei Männer und zwei Jungs schnappen sich ihre Drahtesel und schließen sich der Demo an. Die Jungs sind begeistert. Erst erlaubten ihnen Beamte, sich die Polizeiautos anzuschauen. Nun dürfen sie wegen der Polizeieskorte sogar bei Rot über Kreuzungen fahren. Fröhlich klingeln sie dabei.

Am nächsten Heim An der Alten Zauche kommen zwei Frauen und ein Mann mit ihren Fahrrädern dazu. Sie wurden über die Aktion informiert und haben schon gewartet. Das hiesige Flüchtlingsheim ist in einem Block in Plattenbauweise untergebracht. Es waren also früher ganz normale Wohnungen, und in die könnte das Heim auch zurückverwandelt werden, erläutert Jibran Khalil vom Bündnis Seebrücke Potsdam. Die Seebrücke und 15 andere Organisationen wie der Flüchtlingsrat Brandenburg und die Selbsthilfegruppe Women in Exile hatten zu der Aktion aufgerufen.

Einer von Khalils Mitstreitern spricht ins Megafon: »Wir fordern, dass alle Gemeinschaftsunterkünfte allgemein, aber besonders in der speziellen Situation, sofort geschlossen werden.« Die Flüchtlinge sollen jetzt nicht einer erhöhten Gefahr der Anstreckung mit dem Coronavirus ausgesetzt werden. Das gelte erst recht für die miserable hygienische Situation in den Flüchtlingslagern auf den griechischen Inseln. Diese Lager sollen ebenfalls geschlossen und die Menschen in der Bundesrepublik aufgenommen werden, fordern die Aktivisten.

Weil es für eine alte Frau zu anstrengend ist, bei der Hitze mit dem Fahrrad von der Alten Zauche bis zum Landtag zu radeln, erkundigt sich ihre Tochter, wie sie mit der Straßenbahn zur Abschlusskundgebung kommen können. Sie sind nicht die einzigen mit dem Ziel. Auch auf der Fahrraddemo wächst die Teilnehmerschar schnell an. An der dritten Station, dem in Containerbauweise errichteten Heim An der Kopfweide 30, sind es bereits 42 Leute. Jetzt wird nicht mehr nur auf Deutsch und Englisch das Anliegen der Demonstration erklärt. Einer der Flüchtlinge, der sich unterwegs angeschlossen hat, übersetzt ins Arabische.

Auf dem Weg zum Landtag stoppt die Polizei die Tour kurz und berät sich mit den Anmeldern. Auf der zweiten Route zum Landtag seien bereits 120 Radler, und am Landtag haben sich schon viele Leute versammelt, bevor überhaupt Radfahrer dort angekommen sind. Schnell wird eine unbürokratische Lösung gefunden. Die Südroute stellt sich ein Stück vom Landtag entfernt am Filmmuseum auf. Einziges Manko: Hier ist nicht immer alles gut zu hören, was drüben gesagt wird. Auch am Brandenburger Tor sind am Ende mehr als 200 Menschen zusammengekommen. Die Veranstalter sind sehr zufrieden.

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