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Nach der Stille

Die Berliner Galerien haben wieder geöffnet, kämpfen aber mit den unterschiedlichsten Problemen

Wir brauchen die Kunst - genauso wie die Kunst uns braucht. Als die Berliner Galerien wegen der Corona-Pandemie schließen mussten, fehlte ihnen der Umsatz bei weiterlaufenden Kosten. Doch einfallsreich haben sie ihre Ausstellungen online gezeigt, diese teilweise in Videoschauen vorgeführt. So haben sie mit den Künstlern, Besuchern und Sammlern Kontakt gehalten. Jetzt konnten sie ihre Galerieräume wieder öffnen - unter den gebotenen Vorschriften: nur eine begrenzte Zahl von Besuchern hat mit Mundschutz und bei 1,5 Metern Abstand Zutritt. Eröffnungsveranstaltungen finden gar nicht oder nur im kleinsten Kreise statt. Auch das Online-Programm wird weiterbetrieben, denn in den meisten Fällen sitzen die Galeristen allein, nur wenige Besucher kommen in die Galerien, vor allem fehlen die Touristen, die immer einen Großteil der Besucher ausgemacht haben.

Der Kunsthandel Dr. W. Karger in der Kantstraße hat eine virtuelle Eröffnung der Ausstellung »Werner Stötzer« anlässlich dessen 10. Todesjahres vollzogen, nun ist diese allen zugänglich. In großer Ruhe und von zeitloser Dauer, im lastenden Gewicht des Materials und zugleich in schwebender, flüchtiger Leichtigkeit erscheinen die Skulpturen Stötzers. Ein Gebirge, eine Felsmelodie von menschlicher Figur. Der Bildhauer verwendete die Steine so, wie sie aus dem Bruch kamen, spürte den Flächen nach, ließ Ecken, Kanten, Schnitte stehen. Dann wieder brach er den Stein auf, zerstörte das Vorgegebene. Denn, so Stötzer: »Zerstören ist am Stein nicht vernichten, in dieser Art zerstören liegt neu finden, abschlagen bedeutet Schichten zu erleben, Sprünge zu sehen und Grabungen zu folgen.«

Fehlende Vernissagen lassen direkte Kontakte zu vielen Kunden nicht zu, sagt Wilfried Karger. »Seit Mitte Mai beginnt sich der Umsatz zu erholen, allerdings vorwiegend über das Internet. Aber die direkte Besichtigung der Plastiken ist nun wieder möglich und dem Verkauf förderlich.« Wichtig sei für ihn die Genehmigung, wieder kleinere Veranstaltungen durchzuführen.

Der Meinung, dass es nun wieder bergauf zu gehen scheint, ist man auch in der Galerie Friese in der Meierottostraße, die jetzt ihre bereits für Anfang März angekündigte Ausstellung »Still Leben« mit Werken aus 120 Jahren und in unterschiedlichen Medien präsentieren kann. »Die Wochen seit Anfang März haben eindrucksvoll in unser Leben eingegriffen«, sagt Klaus Gerrit Friese. »Das still gestellte Leben« habe zu dieser Ausstellung angeregt. Das Stillleben, diese so vielgestaltige Bildgattung, die in ihrer Geschichte den Weg vom Sinnbild zur alltäglichen Wirklichkeit gegangen ist, kann hier in immer wieder veränderter Form und anderer Zusammenstellung wunderbar nachvollzogen werden. »Wir haben insofern unseren Weg gefunden«, so Friese, »weil wir als Galerie eine sehr persönliche Bindung an unsere Sammler haben, die auch während der ›stillen‹ Zeit Bestand hatte. Denn es war ja deutlich zu spüren, dass mit dem Mehr an Zeit auch ein Mehr an Kommunikation zum Bedürfnis wurde. Wir haben sozusagen viel analog agiert. Und dann eben diese Ausstellung konzipiert, die den Bezug zu dem Geschehen aufnahm: das stille Leben.«

Die Galerie Art Cru in der Oranienburger Straße, die einzige Berliner Galerie, die sich mit der Kunst von Menschen mit Behinderungen und psychischen Ausnahmeerfahrungen beschäftigt, kann wegen eines schweren Wasserschadens nur eine Online-Ausstellung einer Gruppe von Künstlern unter dem bezeichnenden Titel »Wassertaufe« zeigen. Bei den meisten Arbeiten handelt es sich um durch Wasserschaden beschädigte Werke. Es sind Bilder, die Rätsel und Geheimnisse bergen, verschlüsselte Szenen und Figurenbeziehungen, versteckte Gegenstände. Diese Künstler arbeiten oft lange unentdeckt mit bescheidenen Mitteln und Materialien, ohne sich um Konventionen zu kümmern oder sich nach dem Publikum oder aktuellen Trends zu richten.

Mitunter mögen diese Arbeiten überfüllt und impulsiv erscheinen, aber das machen sie durch die Intensität des Gefühls wieder wett, aus dem sie eruptiv entstanden sind. Außerdem wurde der Instagram-Account der Galerie gestartet, auf dem sich neben Bildern der Ausstellung auch Videos über Erfahrungen der Künstler und Künstlerinnen in der gegenwärtigen Situation finden. Erfreulicherweise, so berichtet der Pressereferent Matthias Hofmann, habe es eine gute Resonanz auf den ersten Online-Verkauf gegeben. Mehr als die Hälfte der Bilder wurde bereits erworben. Und voraussichtlich am 9. Juni werden die Bilder in einer »Strippenausstellung« in Form einer Installation in der Galerie zu sehen sein.

Claudia Wall, Inhaberin der Salongalerie »Die Möwe« in der Auguststraße, erzählt: »Als wir zu Beginn der Covid-19-Pandemie die Galerie schließen mussten, war die aktuelle Ausstellung ›... aus der Luft‹ gerade erst eröffnet worden. Um unseren Besuchern die Kunst von Zuzanna Skiba und Werner Drimecker dennoch nahezubringen und um den Kontakt zu ihnen zu halten, haben wir in wöchentlichen Newslettern mit Video-Tour, Interviews und Tagebuchauszügen virtuell durch die Ausstellung geführt. Dafür erhielten wir viel positive Resonanz.«

Über die Kartografie kam Zuzanna Skiba mit dem vor neun Jahren verstorbenen Werner Drimecker zusammen, der ihr Mentor wurde und mit dem sie jetzt zum ersten Mal ausstellt. Ihr Werkkomplex basiert auf Erinnerungen und Erfahrungen, inneren und äußeren Landschaften. Seit seiner ersten Flugreise gestaltete Drimecker seine »Aerolandschaften« - die Landschaft als Struktur - und in seinen »Kopflandschaften« setzte er sich flächig, blockartig, mehrfarbig und assoziativ mit dem Erlebnisraum Landschaft und dem Denkraum Kopf auseinander.

Rainer Ebert von der Galerie Berlin Küttner & Ebert in der Auguststraße hat noch einige zusätzliche Sorgen auf dem Herzen: »Die Lage der Galerien war auch vor der Coronakrise sehr angespannt. Die Erhöhung der Mehrwertsteuer zum 1. Januar 2014 von 7 auf 19 Prozent belastet bis heute die wirtschaftliche Lage. Erschwerend kommt hinzu, dass für Künstler der Mehrwertsteuersatz bei 7 Prozent geblieben ist. Das bedeutet, dass die Galerien Kunstwerke bei den Künstlern mit 7 Prozent Mehrwertsteuer einkaufen, beim Verkauf werden aber 19 Prozent in Rechnung gestellt. Dies geht eindeutig zulasten der Galerien. Weitere belastende Faktoren sind die Künstlersozialabgabe und steigende Gewerbemieten. Die Umsatzeinbrüche, verursacht durch die Pandemie, sind für viele Kollegen sicherlich die letzten Sargnägel. Aber die Hoffnung stirbt zuletzt.«

Es gibt in Berlin zurzeit ein beeindruckendes Engagement der Galerien, ein erlebnisreiches Ausstellungsprogramm, aber nur wenige Besucher und große finanzielle Sorgen bei den Galeristen. Dennoch kann von einem verhaltenen Optimismus in den Galerien gesprochen werden. Mit Klaus Gerrit Friese bleibt zu hoffen, dass es bald wieder möglich sein wird - das maskenfreie Begegnen vor der Kunst.

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