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Mit Pfeffer zur Schulbildung

Ein Projekt im kambodschanischen Bosjheng sorgt für Einkommen, Touristen und gibt Kindern eine Perspektive

  • Von Sarah Tekath
  • Lesedauer: 7 Min.
Schule in Kampot: Fast die Hälfte der Schüler in Kambodscha geben an, schon einmal für drei Monate oder länger nicht zur Schule gegangen zu sein, um zu arbeiten.
Schule in Kampot: Fast die Hälfte der Schüler in Kambodscha geben an, schon einmal für drei Monate oder länger nicht zur Schule gegangen zu sein, um zu arbeiten.

Der Weg ist weit. Das Ziel liegt zwölf Kilometer von der Hauptstraße entfernt. Jedes Schlagloch auf der nicht asphaltierten Route, über das es in dem ungefederten Tuk-Tuk geht, ist direkt in der Wirbelsäule zu spüren. Vorbei geht es an traditionellen Häusern, die zum Hochwasserschutz auf Stelzen stehen. Darunter dösen Straßenhunde, Männer schlafen in Hängematten, während Pick-up-Trucks und Motorräder immer wieder roten Sand aufwirbeln. Frauen kauern vor den Häusern und waschen das Geschirr in Eimern. Fließendes Wasser ist hier selten, genauso wie Strom. Ein typisches Bild in Kambodscha, wo gut 70 Prozent der Bevölkerung auf dem Land leben. Für Kinder wird dies zum Problem, weil weiterführende Schulen oftmals außer Reichweite liegen.

Pfefferplantage, aus dem Nichts entstanden

Gerade dies will das Sozialprojekt «La Plantation» ändern. Als das französische Ehepaar Nathalie Chaboche und Guy Porré 2013 nach Kampot kam, ganz im Süden, etwa 140 Kilometer von der Hauptstadt Phnom Penh entfernt, sah es hier noch anders aus. «Der Zugang war damals nur mit dem Motorrad möglich», erinnert sich Chaboche. «Es gab kein Wasser, keinen Strom, keine Straßen. Nur einige wenige Bauern, die in Armut lebten.»

Heute befindet sich an dem Ort am sogenannten Versteckten See «La Plantation», eine Pfefferplantage, die sich dem ökologischen Anbau und der Entwicklungshilfe widmet. Auf der 20 Hektar großen Fläche arbeiten 150 Personen aus der Region in Vollzeit. Während der Erntezeit, die knapp fünf Monate dauert, kommen noch 100 bis 150 Tagelöhner hinzu.

In den späten Nachmittagsstunden ist es jedoch ruhig auf dem Gelände. Obwohl die Sonne allmählich untergeht, herrschen immer noch über 30 Grad. Im Haupthaus der Plantage verkosten französische Reisegruppen frischen Kampot-Pfeffer. Auch im Nebengebäude ist es still. Warmer Wind weht vom See in die offenen Räume, wirbelt Papier auf, ein selbst gemaltes Bild segelt von einer Pinnwand zu Boden. Stille ist hier wohl eher die Ausnahme, denn dies ist die Schule der Plantage.

Förderung für Schulen in der nahen Umgebung

Marine Chailloux ist Managerin von «Les Écoles de La Plantation». Seit Beginn des Sozialprojekts unterstützt die Plantage Schulen der Region. Dazu gehören Finanzhilfen für eine Grundschule (in Kambodscha von der 1. bis zur 6. Klasse) sowie eine weiterführende Schule in der Umgebung. Mehrmals wöchentlich gibt es Workshops auf dem Gelände der Plantage. Der Tropang-Kok-Knong-Grundschule im Dorf Bosjheng wurden für das laufende Schuljahr 120 Pakete mit Schulmaterialien im Wert von 250 Euro sowie 20 Fahrräder im Gesamtwert von 800 Euro zur Verfügung gestellt.

«Oftmals scheitert der Schulbesuch einfach daran, dass die Kinder nicht wissen, wie sie den langen Weg zurücklegen sollen», erklärt Chailloux. Während sie erzählt, ordnet die junge Frau die auf einem Tisch gefalteten, in Kambodscha typischen, karierten Krama-Schals. Deren Verkauf dient ebenfalls dem Schulprojekt.

Die Workshops auf der Plantage sollen den Kindern zusätzliche Fähigkeiten vermitteln, etwa im traditionellen kambodschanischen Tanz. Oder beim Englischlernen. Außerdem gibt es kreative Workshops. Für die Zukunft sind auch Computerkurse und Französischunterricht in Planung. «Die Lehrer kommen aus den umliegenden Dörfern von ›La Plantation‹», erklärt Chailloux. «Sie sind offiziell beim Bildungsministerium registriert und erhalten von der Regierung den üblichen Lohn für die Morgenstunden. Für die Stunden am Nachmittag bekommen sie ein Zusatzgehalt von 150 US-Dollar im Monat.»

Mehr als 50 Prozent Schulabbrecher

Vor wenigen Jahrzehnten war Schulbildung im Kambodscha noch lebensgefährlich. In der Zeit von 1975 bis 1979 ermordete das Regime der Roten Khmer mehr als ein Drittel der Bevölkerung. Ziel der Säuberungen waren Künstler, Wissenschaftler, Lehrer, Professoren und andere Intellektuelle. Durch den Versuch der Roten Khmer, eine möglichst homogene, gefügige Arbeitergesellschaft zu schaffen, wuchs nicht nur eine gesamte Generation von Analphabeten heran, auch der Folgegeneration wurde durch fehlende Lehrkräfte die Grundlage einer Schulbildung genommen. Dieses Trauma wirkt bis heute nach. Die Analphabetenrate lag nach der Recherche des Deutschen Akademischen Austauschdienstes im Jahr 2018 bei 24 Prozent. Dabei ist Kambodscha ein Land mit besonders junger Bevölkerung. Nach Angaben des CIA World Factbooks ist ein Drittel der Bevölkerung unter 14 Jahre alt. Das Durchschnittsalter beträgt 25 Jahre.

Obwohl sich die Einschulungsrate in Grundschulen nach Angaben von Unicef verbessert hat - von 82 Prozent im Jahr 1997 auf 97 Prozent im Schuljahr 2017/18 - ist die Qualität des Unterrichts noch immer mangelhaft. Zwar beträgt die offizielle Schulpflicht neun Jahre, aber nach Abschluss der dritten Klassen scheitert ein Viertel der Schüler an einfachen Worten in Diktaten, und spätestens im Alter von 17 Jahren haben gut 55 Prozent der Jugendlichen die Schullaufbahn abgebrochen.

Immerhin verfügen die meisten kambodschanischen Dörfer mittlerweile über eine Grundschule. Weiterführende Schulen sind für die meisten Schüler jedoch unerreichbar, wegen der langen und kostenintensiven Fahrten zu öffentlichen Schulen - und wegen zu hoher Schulgebühren für Privatschulen. Gerade Familien, die auf dem Land leben und selbst nur eine geringe Schulbildung erhalten haben, erscheint es wirtschaftlich sinnvoller, die Kinder bei der Arbeit einzusetzen.

Dies bestätigen auch die Schüler, die für den im Jahr 2018 entstandenen Report der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) befragt wurden. So gaben mehr als 50 Prozent von ihnen an, bereits einmal für einen Zeitraum von drei Monaten nicht zur Schule gegangen zu sein, da sie entweder daheim oder auf dem Land der Familie helfen mussten. «Les Écoles de La Plantation» vergibt jährlich auch Stipendien für weiterführende Schulen an die drei besten Absolventen der Grundschule. Man müsse jedoch oftmals reichlich Überzeugungsarbeit bei den Familien leisten, da sich ihnen der Zweck der Weiterbildung nicht erschließt«, sagt Chailloux.

Mehr Gehalt und längere Lebensarbeitszeit für Lehrer

Um die Situation zu verbessern, gibt die kambodschanische Regierung nach Zahlen des Unesco-Instituts für Statistik seit 2013 rund zwei Prozent des Bruttoinlandsproduktes für Bildung aus. Zum Vergleich: In Deutschland waren es im Jahr 2016 4,8 Prozent. Damit wird unter anderem der Bau von Schulen vorangetrieben, mit einem Anstieg um knapp 1500 Schulen von 2013 bis 2016/17, nach offiziellen Zahlen des Ministeriums für Bildung, Jugend und Sport. Der gleiche Report gibt aber auch an, dass knapp 40 Prozent der neu gebauten Grundschulen und 53 Prozent der weiterführenden Schulen keinen Zugang zu Leitungswasser besitzen. 14 Prozent beziehungsweise 9 Prozent haben keine Toiletten auf dem Schulgelände.

Auch die Qualität des Lehrkörpers steht im Fokus, da mangelnde Motivation den Unterricht vielfach negativ beeinflusst. So konstatiert der Report der OECD beispielsweise, dass mehrfach Unterrichtsstunden ausfallen, weil Lehrer nicht zugegen sind. Für den zweiwöchigen Zeitraum der Untersuchung gaben mehr als 95 Prozent der Schüler an, dass Lehrer während des Unterrichts Telefonanrufe entgegennehmen.

Zudem leidet das öffentliche Schulsystem in Kambodscha unter starker Korruption. »Das Gehalt für Lehrkräfte ist oftmals so niedrig, dass Lehrer von den Schülern Zusatzzahlungen fordern. Anderenfalls verlassen die Lehrer einfach die Klasse«, weiß Projektmanagerin Chailloux. »Gegen Bezahlung gaben Lehrer zu meiner Schulzeit auch die Antworten der Abschlussprüfungen heraus«, erinnert sich eine Englischlehrerin aus der Banan-Provinz, die für diesen Artikel lieber anonym bleiben wollte, da öffentliche Meinungsäußerungen und Kritik an der Regierung in Kambodscha immer noch riskant sind.

2017 gab Premierminister Hun Sen eine Erhöhung des staatlichen Lehrergehalts von 240 auf 250 US-Dollar pro Monat bekannt, erhöhte aber gleichzeitig das Rentenalter von 60 auf 65 Jahre, um einem noch größeren Lehrermangel entgegenzuwirken. Weiter wurden zum Jahr 2020 die Anforderungen an die Lehrerausbildung verschärft. Waren bisher ein Schulabschluss nach neun Jahren plus zwei Jahre Lehrerausbildung ausreichend, sind fortan zwölf Jahre Schule und vier Jahre Ausbildung erforderlich. Bis diese Maßnahmen aber Wirkung zeigen, wird Zeit vergehen. Hilfsprojekte wie die Schule von »La Plantation« werden so bald nicht überflüssig.

Auf der Pfefferplantage ist es indes ruhig geworden. Das zugehörige Restaurant hat bereits geschlossen, die Arbeiter gehen nach Hause, und die Touristen fahren mit Tuk-Tuks davon. Noch einmal heißt es sich durchschütteln lassen auf dem Heimweg. Die Kinder aber, die hier zur Schule gehen, nehmen den Weg täglich in Kauf. Weil sie ihn gewöhnt sind. Doch vielleicht auch, weil sie wissen, dass Schulbildung in Kambodscha eine Chance ist, die nicht jeder bekommt.

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