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Weiße Selbstgespräche

Deutsche Talkshows sprechen fast ausschließlich mit Menschen über Rassismus, die nicht von ihm betroffen sind, kommentiert Mascha Malburg

  • Von Mascha Malburg
  • Lesedauer: 3 Min.

Markus Lanz beginnt seine Sendung mit einer drängenden Frage: «Was passiert, wenn die Armut und der alltägliche Rassismus existenziell wird?» Die Kamera schwenkt in die Runde: Keine*r der Befragten ist Schwarz. Trotzdem antwortet eine deutsche Expertin für New Yorker Finanzeliten, die «beide Seiten kennt», da sie öfter durch die USA gereist ist.

Audioreportage von USA-Korrespondent Max Böhnel zu den Protesten gegen Polizeigewalt und Rassismus

Am gleichen Tag kündigt Sandra Maischberger den nächsten weißen TV-Monolog an: Morgen wolle sie mit Heiko, Anja, Dirk, Jan und Helga «über die Lage nach dem Tod des Afroamerikaners George Floyd» diskutieren. Immerhin: Der eingeladene Jan Fleischhauer maulte unter dem Hashtag «metwo» einmal, dass er keine Journalistenpreise bekomme, obwohl auch er eine «Migrationsgeschichte» habe, da er «von links nach rechts migriert» sei. Der diskriminierte Hamburger kann uns sicherlich die Wut der Menschen näher bringen, deren Großeltern im eigenen Land keine «weißen» Toiletten oder Hotels betreten durften; die von ihrem Präsident beleidigt und bedroht werden und die fürchten zu sterben, weil sie joggen, ihren Führerschein zu zackig aus dem Handschuhfach ziehen oder für ihre Rechte auf die Straßen gehen.

Deutsche Talkshows haben in der Rassimusdebatte nichts begriffen. Dabei hat man es ihnen häufig genug erklärt: Letztes Jahr verliehen die «Neuen Deutschen Medienmacher*innen» die «Goldene Kartoffel für besonders unterirdische Berichterstattung» an «Politische Talkshows in ARD und ZDF – wo Rassismus auch nur eine Meinung ist». Auch der Journalist Fabian Goldmann hielt den Talkshows bereits mehrfach den Spiegel vor: Seine Recherchen ergaben, dass im vergangenen Jahr nur drei Schwarze Menschen in den Runden der öffentlichen-rechtlichen Sendungen zu Gast waren. Auch andere diskriminierte Gruppen kommen zu selten zu Wort: In deutschen Talkshows begegnet man häufiger einem Peter als einer Person mit türkischem Namen. Und selbst bei internationalen Themen mangelt es an Diversität: Während der Brexit einige britische Expert*innen in die Sendungen spülte, wartete das Publikum das gesamte Jahr vergebens auf einen Gast mit Pass aus einem afrikanischen, südamerikanischen oder asiatischen Land. Über den globalen Süden debattiert man weiterhin mit Menschen, die diese Länder höchstens als priviligierte Gäste kennen.

Dass nach dieser berechtigten Kritik weiterhin sensible Themen wie rassistische Polizeigewalt von nicht betroffenen Personen gedeutet werden, zeugt von der großen Ignoranz der Redaktionen. Denn es gibt in Deutschland eine Menge kompetenter Schwarzer Menschen, die selbst bei den Fragen, die sie direkt angehen, einfach vergessen oder bewusst übersehen werden.

Auch für die aktuellen Besetzungen hagelte es wieder Kritik. Das Maischberger-Team reagierte zunächst abwehrend, twitterte, man solle sich die Sendung doch erstmal ansehen und könne dann diskutieren. Als sich daraufhin etliche bekannte Journalist*innen einschalteten, löschte das Team den Tweet und beschloß kurz vor der Sendung, doch noch die Schwarze Wissenschaftlerin Priscilla Layne dazuzuholen. Nach der kurzfristigen Einladung meldete die sich inzwischen ebenfalls kritisch aus den USA und kündigte an, ihr Bestes zu tun, um bei Maischberger die Stimmen derer zu verstärken, die nicht eingeladen wurden. Am Ende bleibt der bittere Eindruck, dass hier eine Redaktion erst unter immensem öffentlichen Druck dazu bereit war, einer einzigen Person zuzuhören, die von dem Thema der Sendung direkt betroffen ist.

Anmerkung der Autorin: «Schwarze Menschen ist eine Selbstbezeichnung und beschreibt eine von Rassismus betroffene gesellschaftliche Position. »Schwarz wird großgeschrieben, um zu verdeutlichen,dass es sich um ein konstruiertes Zuordnungsmuster handelt und keine reelle‚ Eigenschaft‘, die auf die Farbe der Haut zurückzuführen ist. So ist Schwarz-Sein in diesem Kontext mit der gemeinsamen Rassismuserfahrung verbunden, auf eine bestimmte Art und Weise wahrgenommen zu werden.« (Quelle: Amnesty International)

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