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Fortwährende Geschichte ans Licht holen

Archäologen gelten als Spurensucher vergangener Zeiten - Attila Dézsih erforscht die Republik Freies Wendland

  • Von Gaston Kirsche
  • Lesedauer: 7 Min.

Was, Herr Dézsi, ist neuzeitliche Archäologie?

Der Großteil der Kolleg*innen in den archäologischen Wissenschaften beschäftigt sich mit materiellen Hinterlassenschaften der Menschen, um Rückschlüsse auf gesellschaftliche Zusammenhänge und Prozesse zu ziehen - und dabei bestenfalls auch etwas über unsere gegenwärtige Zeit zu lernen. Nun gibt es seit ein paar Jahrzehnten eine Fachrichtung innerhalb der Archäologie, die Neuzeitarchäologie, die sich auch mit den Prozessen der Moderne beschäftigt, wie etwa dem Aufkommen des globalen Kolonialismus, der Industrialisierung und des Kapitalismus. Ich hatte die Gelegenheit, in meinem Studium der zeitgeschichtlichen Archäologie zu begegnen, welche die zeitliche Grenze nochmals näher an unsere Gegenwart heranrückt.

Auch mit Ausgrabungen?

An der Uni Wien konnte ich auf Forschungsgrabungen am ehemaligen Standort des Konzentrationslagers Mauthausen und anderen Ortes des nationalsozialistischen Terrors erste Erfahrungen in dieser Fachrichtung machen. Ich habe dort erfahren, dass die Archäologie auch in der nahen Vergangenheit Orte und Geschichte aufdecken beziehungsweise dokumentieren kann, die als verdrängt, vergessen gelten und unabsichtlich oder absichtlich übersehen werden.

Sie verhindern, dass Gras über die Geschichte wächst?

Genau. Zeitgeschichtliche Archäologie kann neben der forensischen Dokumentierung der materiellen Überreste den Alltag in Lagern, den Terror und den Überlebenswillen von Menschen nachweisen, begreifbar machen und zu einer Beschäftigung anregen. Ich würde sogar soweit gehen zu sagen, dass die Praxis der Archäologie selbst zu einer Plattform werden kann, um erneut über diese Ereignisse zu sprechen. Durch den Prozess der Grabung kann die Vergangenheit in die Gegenwart zurückgeholt werden. Man könnte im Benjaminschen Geschichtssinne auch von einer Vergegenwärtigung von Ereignissen sprechen - Archäologie kann zu Diskussionen und zu einer Beschäftigung mit verdrängter Geschichte anregen. Und dies mit einem neuen Blickwinkel, ergänzend zu anderen Forschungsrichtungen und zur bestehenden Erinnerungsarbeit.

Das klingt nach einem sehr gegenwärtigen Ansatz von Geschichtsverständnis.

Naja, dieses Potenzial fand ich ziemlich faszinierend. Das wollte ich in einem eigenen Forschungsprojekt in meiner Dissertationsarbeit verwirklichen. In der zeitgeschichtlichen Archäologie liegt derzeit ein immenser Fokus auf der Aufklärung und dem Nachweisen von Terror und unbeschreiblichem Leid: Lagersysteme, Massengräber der jüngsten Zeit, Kriegsverbrechen; oder auch der Zerstörung durch Umweltkatastrophen, Industrieunfälle. Es ist auch weiterhin wichtig, diese Vernichtung von Leben und Umwelt nachzuzeichnen und uns vor Augen zu führen, dass dies innerhalb des Kapitalismus auch nicht aufhören wird.

Deshalb die Ausgrabung am früheren Standort des Hüttendorfs 1004?

Innerhalb dieser Situation des Fachdiskurses wollte ich bewusst einen Ort untersuchen, wo sich Menschen gegen Kapitalismus und Umweltzerstörung wehrten. Nicht nur wie im Sinne des Engels der Geschichte entsetzt die sich auftürmenden Trümmer des Kapitalismus betrachten, sondern diese Beobachtung zum Anlass nehmen, um zu einer Praxis zu kommen, die ein weiteres Auftürmen verhindert. Sich an die Hoffnung erinnern, dass es auch anders sein könnte.

Und die Freie Republik Wendland war so ein Ort?

Sie schien mir ein Ort zu sein, wo nicht nur protestiert, sondern auch Alternativen aufgezeigt wurden und erfahrbar waren. Wo sich Menschen abseits von Lohnarbeit begegneten und neue Formen des Gestaltens und Zusammenlebens ausprobierten. Das Ganze würde der Politologe John Holloway als Doing statt Working bezeichnen - kleine Zeitfenster, wo Menschen sich daran erinnern können, dass eine Form der gesellschaftlichen Organisierung möglich sind, dass noch andere Formen als Lohnarbeit - Kleinfamilie - Nation möglich wären.

Ausgrabungen für eine bessere Zukunft?

Ich habe letztens mit Lou Ann Wurst von der Michigan Technological University, sie ist Professorin für marxistische Archäologie, eine Tagung organisiert, wo wir mit mehreren Kolleg*innen Fundorte dieser Art des Aufbruchs versammelt haben. Orte wie die Freie Republik Wendland können als Inspiration und kulturelles Erbe gesehen werden. Klar sind diese Orte des Aufbruchs alle immer auch offen für Internalisierung und Inwertsetzung. Aber es sind dennoch Knotenpunkte konkreter Erfahrungen, die Menschen in ihrer Entwicklung eines kritischen politischen Bewusstseins geprägt haben.

Geschichte spielt sich in Geschichten ab.

Ja, daher ist dieser Ort so spannend - ein Ort der Utopie, der Hoffnung und des Widerstands - auch wenn der nur von kurzer Dauer war. Und er bietet auch eine gute Möglichkeit darauf hinzuweisen, dass der Konflikt ja nicht Geschichte ist - die Forderung der Platzbesetzer*innen, den Standort in Gorleben nicht als Endlager zu nutzen, ist ja weiterhin aktuell. So ist es eigentlich keine Ausgrabung einer vergangenen Geschichte, sondern einer fortwährenden.

War der Standort des Hüttendorfs leicht zu finden?

Für die ehemaligen Zeitzeug*innen war es schwer. Nach der Räumung wurde eine temporäre Tiefbohranlage mit einer Hochsicherheitsanlage auf den Trümmern des Dorfes errichtet. Und nachdem die Anlage abgebaut wurde, kam es zu vielen weiteren Veränderungen des Areals.

Das ehemalige Hüttendorf war vor lauter Bäumen nicht zu sehen?

Genau, aber durch eine Fernerkundung, also mit einer Analyse historischer Luftbilder des Camps, durch Satellitenbilder und 3D-Geländemodelle konnte ich die Lage des Ortes feststellen. Danach haben wir eine Prospektion, also eine systematische Oberflächenbegehung des Geländes durchgeführt, die die Ergebnisse der Fernerkundung bestätigt hat. Vor Ort finden sich die baulichen Überreste der Tiefbohranlage und zahlreiche Funde und Befunde, die im Kontext der Platzbesetzung dort entstanden oder hingelangt sind.

Das klingt nach erheblichem Aufwand.

Also, leicht war es nicht, es war schon mit viel Arbeit verbunden, den Ort und seine Ausbreitung im Gelände zu lokalisieren und die materiellen Überreste zu dokumentieren.

Was haben Sie schließlich gefunden?

Dokumentieren konnten wir zahlreiche Befunde und Artefakte aus den Jahren 1980 bis 1981, die sich im Zuge der Platzbesetzung und der Nachnutzung des Geländes dort überliefert haben. Dazu gehörte unter anderen eine Hütte des Camps samt Inneneinrichtung, Alltagsgegenständen und Nahrungsmittelzubehör. Darunter war auch eine Sitzgelegenheit aus Polstern und eine Ausgabe des Satiremagazins »Titanic« vom Mai 1980. Diese Hütte wurde mit großem Gerät zertrümmert und in mehreren Schritten aufgefüllt und versiegelt - zwischen den Auffüllschichten fanden sich auch die Spuren der Planierraupen und gewaltvoll zerbrochener Schutt anderer Hütten.

Alltagsgegenstände bleiben bei der Räumung zurück, aber vieles wurde während der Räumung von Treckern auf Anhängern abgeholt?

Was wir nicht gefunden haben, ist jegliche materielle Kultur des Protests oder Widerstandes. Man hatte sich nur wohnlich mitten im Nichts, im Gorlebener Wald, eingerichtet und das Leben genossen. Das ist eine spannende Erkenntnis für die Materialität solcher Brüche im Kapitalismus. Aber das zu erörtern würde jetzt zu weit führen.

Also waren die Funde eher ernüchternd alltäglich?

Sie lassen tiefere Schlüsse zu. In einen anderen Grabungsschnitt konnten wir eine Abfallgrube dokumentieren, die ich eher den Polizeieinsatzkräften zuweise. Hier fanden sich Hunderte im Wald entsorgte Coladosen, Einweg-Konservenrationen und auch Kabelbinder und verbrauchte Atemschutzfilter.

Wie war die Resonanz auf die Ausgrabung?

Überwältigend. Bisher gab es über 80 Medienanfragen und viel Berichterstattung im Fernsehen, Radio und in der Presse. Das zwang mich, viele unbezahlte Arbeitsstunden zu leisten, was teilweise ziemlich belastend für mich und meine Familie war. Ich habe zudem mehrere Informationsveranstaltungen und eine Ausstellung der Grabungsergebnisse organisiert, die auch viele Dutzend Menschen interessiert haben. Es gab einige Leser*innenbriefe und auch Drohbriefe aus der rechten Ecke. Innerhalb des Faches kam es einigermaßen gut an - ich habe viel Support von meinen englischsprachigen Kolleg*innen bekommen.

Gibt es denn auch Unterstützung von Zeitzeug*innen?

Ja, Zeitzeug*innen waren von Anfang des Projektes an beteiligt. Das Gorleben Archiv, organisiert von weiterhin aktiven Zeitzeug*innen, hat mir mit der Recherche der historischen Dokumente und Fotografien weitergeholfen. Ich habe viele Zeitzeug*innen interviewt, deren Erinnerungen ich den Grabungsergebnissen gegenüberstelle.

Und direkt bei den Ausgrabungen im Trebeler Wald?

Auch bei den Feldarbeiten selbst waren Zeitzeug*innen dabei, um ihre beziehungsweise unsere Geschichte zu untersuchen. Sie haben die Grabungen teilweise ehrenamtlich unterstützt, es gab auch Essensspenden. Anwohner*innen und die Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg haben uns bei der Logistik geholfen. Während der Feldarbeiten und den Interviews hat mich ein Filmteam aus Zeitzeug*innen unterstützt - sie haben damals Dokumentationen über das Camp gedreht und uns nun bei den Untersuchungen filmisch begleitet. Auch wenn meine Dissertation noch nicht abgeschlossen ist - der Film ist bereits fertig.

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