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Der Mord an George Floyd weckt in Frankreich Erinnerungen

Demonstrationen gegen Polizeigewalt und Rassismus sowie Gedenken an den Fall Adama Traoré

  • Von Ralf Klingsieck, Paris
  • Lesedauer: 3 Min.

Während am Dienstagabend vor der Pariser US-Botschaft einige hundert Demonstranten gegen die Ermordung von George Floyd durch einen Polizisten in Minneapolis protestierten, versammelten sich vor dem Justizpalast mehr als 20 000 Menschen zu einem ähnlichen Protest. Beiden Demonstrationen war nicht nur gemeinsam, dass sie wegen des coronabedingten Ausnahmezustands nicht genehmigt waren und von der Polizei unter massivem Tränengaseinsatz beendet wurden. In beiden Fällen ging es um Polizeigewalt und um Rassismus. »Gerechtigkeit für Adama Traoré« war das Motto der Demonstration vor dem Justizpalast, zu der die Familie und das »Komitée Adama gegen Polizeigewalt und Rassismus« aufgerufen hatten und das mit gewalttätigen Ausschreitungen von einigen Radikalen und Schlägern mit der Polizei endete.

Audioreportage von USA-Korrespondent Max Böhnel zu den Protesten gegen Polizeigewalt und Rassismus

Der 24-jährige Adama Traoré, der aus Mali stammt, war 2016 von Gendarmen in Baumont-sur-Oise unweit von Paris verhaftet worden. Er stand unter dem Verdacht, in einen Raubversuch verwickelt zu sein und hatte sich der Verhaftung widersetzt. Dabei ging es »etwas muskulös« zu, wie die Gendarmen hinterher herunterzuspielen versuchten. Tatsächlich kam er dabei mit dem Bauch auf dem Boden zu liegen, während ein Gendarm minutenlang auf seinem Rücken kniete. Trotz seiner akuten Atemnot wurde er nicht ins Krankenhaus, sondern aufs Revier gebracht, wo erst zwei Stunden später medizinische Hilfe gerufen wurde, jedoch nur noch sein Tod festgestellt werden konnte. Der Fall hat seinerzeit zu Unruhen und Ausschreitungen an Traorés Wohnort geführt.

Nach den vom Innenministerium veranlassten Untersuchungen und mehrerer Obduktionen wurden keine Strafverfahren gegen die Gendarmen eingeleitet.

Die medizinischen Gutachter kamen zum Ergebnis, dass Traoré an Herzstillstand gestorben ist, weil er an einer unerkannten Herzkrankheit litt, zu der der Stress der Verhaftung hinzukam. Doch Gegengutachten, die von der Familie veranlasst wurden, brachten zutage, dass die Ursache des Herzstillstands höchstwahrscheinlich die Atemnot durch die gewaltsame Verhaftung war. »Wir sind nicht nur hier, um gegen den gewaltsamen Tod von George Floyd und Adama Traoré zu protestieren, sondern auch und vor allem gegen Polizeigewalt und Rassismus«, sagte eine Demonstrantin. »Wegen meiner Herkunft und meiner Hautfarbe bin ich viel häufiger als meine weißen Freunde Kontrollen, Beleidigungen und Gewalt durch Polizisten ausgesetzt«, ergänzte ein junger Mann. »Frankreich bezeichnet sich als Heimat der Menschenrechte, doch durch so ein Verhalten der ›Ordnungskräfte‹ werden diese Werte täglich mit Füßen getreten.«

Jacques de Maillard, Professor für Politikwissenschaft an der Universität von Versailles, meint, der Sprechchor, wonach es »jedes Jahr Dutzende George Floyds in Frankreich« gebe, entspricht nicht der Realität. In Wirklichkeit liege das Verhältnis zwischen Todesopfern durch Polizeigewalt in Frankreich und den USA bei 1 zu 17. »Aber immerhin sind bis zu 20 Tote jährlich bei uns afrikanischer oder arabischer Herkunft, und das ist im Vergleich zu ihrem Anteil an der Bevölkerung überproportional.«

In einem vor wenigen Tagen vorgelegten Bericht über Polizeigewalt in Frankreich kommt der von der Regierung eingesetzte »Wahrer der Rechte« Jacques Toubon zu dem Schluss, dass man die Polizei in Frankreich nicht pauschal als rassistisch bezeichnen kann, dass sich aber unter ihnen sehr viele Rassisten befinden. »Die sind sich dessen oft gar nicht bewusst«, sagt der ehemalige Minister, »so sehr haben sie den Rassismus verinnerlicht und lassen sich in ihrem alltäglichen Verhalten von ihm leiten.«

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