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»Ich hatte ein krasses Monsterbild von mir«

Die meisten Männer wissen, dass sie sexistisch sind. Nur wenige reden darüber, warum sie sich so verhalten

  • Von Marion Bergermann
  • Lesedauer: 6 Min.

Immer wieder, wenn über Sexismus geredet wird, teilen Frauen ihre Erlebnisse in Medien und Hashtagkampagnen. Dabei könnten sich auch die Hauptverantwortlichen äußern. Drei reflektierte Männer erzählten, warum sie sich frauenfeindlich benommen haben.

Jochen König, 38, Autor und Blogger zu kritischer Männlichkeit

Gab es Situationen, in denen dir klar war, dass du dich sexistisch verhältst?

Das finde ich gar nicht so einfach zu beantworten. Nicht, weil es keine Situationen gab, in denen ich mich sexistisch verhalten hätte. Sondern weil es eben selten die offensichtlichsten Momente sind. Weil ich als Mann gelernt habe, dass mein potenziell sexistisches Verhalten ganz normal ist. Manchmal braucht es eine umfassendere Analyse, um zu verstehen, warum es eben doch sexistisch war, wie ich mich etwa beim Flirt im Club oder bei der Verteilung von Sorgearbeit in einer Liebesbeziehung verhalten habe. Und nur weil ich das erkannt habe, klappt das auch nicht sofort besser.

Hat sich mal ein Freund sexistisch gegenüber Frauen* benommen und du bist nicht eingeschritten?

Früher war das Alltag, heute habe ich kaum mehr männliche Freunde. Ich bin früher oft nicht eingeschritten, wenn Freunde blöde Sprüche gemacht und über ihre Ex-Freundinnen oder über Angela Merkels Frisur gelästert haben. Als ich angefangen habe, etwas dagegen zu sagen, ist mein Freundeskreis schnell geschrumpft. Auch wenn ich es mir anders vornehme, gibt es heute noch Situationen, in denen ich manchmal eher unsicher vor mich hin lächle, statt einzuschreiten.

Warum hast du dich so verhalten?

Ich habe als Mann gelernt, in einen Club zu gehen, um anschließend mit einer Frau nach Hause zu gehen. Ich habe als Mann gelernt, mich gegenüber Kolleginnen in der Teamsitzung in den Vordergrund zu drängen. Ich habe als Mann gelernt, mein Engagement danach auszurichten, dass es sich möglichst positiv auf meinen Kontostand oder meine Muskelmasse auswirkt und nicht so sehr danach, für Menschen in meinem Umfeld ein kümmernder und unterstützender Freund zu sein. Sich davon zu befreien und neue Wege im Umgang mit anderen zu finden, ist ein lebenslanger Prozess.

Um Sexismus zu bekämpfen... müssen wir uns mit Männlichkeit beschäftigen und mit den vielen problematischen Sprüchen, Verhaltensweisen sowie Ausreden, die Männern in unserer Gesellschaft noch immer zugestanden werden, ohne dass sie Konsequenzen befürchten müssen.

Anıl Altintaş, 28, freier Autor und Botschafter der Solikampagne #HeforShe von UN Women Deutschland

Gab es Situationen, in denen dir klar war, dass du dich sexistisch verhältst?

Vor etwa einem Jahr, als ich mit meiner Freundin über Autos geredet habe. Ich bin kein Autoexperte, aber ich weiß ungefähr Bescheid über Modelle und Marken. Meine Freundin sagte über ein spezielles Auto, »ist es nicht dieses Modell und von dieser Marke« und ich sagte völlig abschätzig, »nein glaube ich nicht«. Ich habe ihr Wissen total in Frage gestellt. Als sie mir gesagt hat, das sei absolut sexistisch von mir gewesen und was das solle, habe ich es erst verstanden.

Hat sich mal ein Freund frauenfeindlich benommen und du bist nicht eingeschritten?

Als ich so 13, 14 Jahre alt war und auf Partys ging. Da wusste ich nicht, dass es Sexismus war, aber ich wusste, dass Frauen gerade bedrängt werden. Weil die Jungs mit den Mädels rummachen wollten nach dem Prinzip ›Warum denn nicht‹. Oder sexistische Witze wie Blondinenwitze zu tolerieren, in der WG und unter Freunden.

Warum hast du dich so verhalten?

Gruppendruck, ich wollte dazu gehören. Ich wollte mich in meiner Männlichkeit nicht in Frage stellen lassen. Männer machen auf extrem hart. Es geht darum, wer noch männlicher ist, wer bestimmen darf, über was gelacht wird. Und sie fühlen sich Frauen sowieso überlegen. Männer sind immer Sexisten. Sie können sich davon gar nicht lösen, weil die Gesellschaft extrem darauf ausgerichtet ist, Frauenfeindlichkeit zu reproduzieren. Und männliche Personen sind sehr stark darin, sich gegenseitig in ihrem Schweigen zu schützen. Ich habe das dank einer Beziehung erkannt, in der ich war. Das ist Teil des Problems, dass eine Frau mich darauf aufmerksam machen musste. Meine Selbstverständlichkeiten waren für andere schon direkte Grenzüberschreitung.

Um Sexismus zu bekämpfen… sollten Männer sich über ihre Vorstellung von Männlichkeit unterhalten, einfach mal zuhören und nicht so viel Raum einnehmen.

Sebastian, 25, Aktivist

Gab es Situationen, in denen dir klar war, dass du dich sexistisch verhältst?

Ja. Ich habe relativ schnell in meiner Pubertät verstanden, dass ich Genugtuung daraus ziehe, Weiblichkeit abzuwerten. Der Wechsel aufs Gymnasium war entscheidend. Ich hatte die Chance, in der Coolness aufzusteigen, indem ich mich als männlich profiliere. Das ging darüber, Frauen und auch Frauenkörper abzuwerten und natürlich auch zu sexualisieren. Zeitgleich habe ich da angefangen, gewaltvolle Pornografie zu schauen. Mir ist aufgefallen, dass ich Frauen immer weniger ernst nehmen konnte, beim Sport oder in Diskussionen. Dass mir deren Meinungen nicht mehr wichtig waren, oder ich Sachen belächelt habe.

Hat sich mal ein Freund frauenfeindlich benommen und du bist nicht eingeschritten?

Ich kenne so viele Typen, mich eingeschlossen, die, wenn sie mit Frauen abhängen, ihre Sprache gendern und sobald sie unter Männern sind das nicht mehr tun. Genauso ambivalent ist es, wenn ein Kumpel einen sexistischen Witz macht und ich eher sage »hey, das geht nicht«, wenn von Sexismus Betroffene dabei sind. Männerbünde sind fast nur durch Abwehr von Weiblichkeit definiert. Ich würde mich gegen diesen ganzen Männerbund richten, wenn ich diesen Sexismus benenne.

Warum hast du dich so verhalten?

Früher habe ich mich viel geschämt, weil ich unsportlich war und mich generell unwohl in meinem Körper fühlte. Es hat sich bei mir eine Frauenfeindlichkeit aufgestaut, die ich dann gut abladen konnte. Ich konnte mich sehr leicht sehr viel besser fühlen, wenn ich mich über jemanden stelle, in dem Fall Frauen. Ich war da auch Profiteur, nicht nur Opfer meiner Umstände.Erst als mir während meiner Studienzeit gesagt wurde, du hast dich da und da scheiße verhalten, habe ich das verstanden. Anfangs hatte ich ein krasses Monsterbild von mir, das hat ganz schön mein Selbstwertgefühl gemindert. Irgendwie bereut man es, wenn man sexistisch war oder übergriffig. Aber man möchte nicht darüber nachdenken, weil es so unangenehm ist. Und Männer reden sowieso nicht öffentlich darüber. Es ist natürlich ein Irrglaube, dass sich sexistisches Verhalten auflöst, nur indem man darüber redet. Die Dynamik von Männerbünden ist sehr stark. Und wenn ich Sexismus benenne, richte ich mich eben gegen diese Männerbunde und dieses Schweigen.

Um Sexismus zu bekämpfen… müssen Männer eigenständig über ihre Täterschaften und Betroffenheiten reden. Wir können uns nicht darauf ausruhen, dass von Sexismus Betroffene das für uns tun. Redet nicht mit so einer entschuldigenden Absicht über euren Sexismus, sondern versucht wirklich, daraus zu lernen.

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