Brasilien

Kommunist in Uniform

Alexandre Felix Campos ist links und Polizist. Wie passt das zusammen? Zu Besuch bei einem der Gründer der antifaschistischen Polizei in Brasilien.

Von Niklas Franzen, São Paulo

Fast hätte das System auch ihn ausgelöscht. Fast wäre auch er unter die Räder gekommen. »Das Ziel der Polizei ist es, deine Persönlichkeit auszulöschen«, sagt Alexandre Felix Campos und denkt kurz nach. »Doch irgendwann bin ich aufgewacht.«

Campos, 44, gräulicher Bart, stämmige Statur, sitzt in einem dunkeln Wohnzimmer im Osten von São Paulo und erzählt von einer eigentlich zum Scheitern verurteilten Mission: Wie er und ein paar andere eine Antifa-Gruppe in der wohl reaktionärsten Institution Brasiliens gründeten.

Aufgewachsen ist Campos in einer armen, schwarzen Familie am Stadtrand der Megametropole São Paulo. In einer dieser Gegenden, wo bis heute kaum einer eine Postadresse oder Kanalisation hat. Damals zählten die Randgebiete São Paulos zu den gewalttätigsten Gebieten der Welt. Die Mordraten waren so hoch wie in Kriegsgebieten. Barstreits wurden nicht selten mit der Waffe gelöst. Wenn die Polizei sich blicken ließ, dann häufig zum Töten. Auch Campos wurde als Jugendlicher regelmäßig verhaftet und von Beamten belästigt.

Das konnte ihn aber nicht von seinem großen Traum abbringen: Polizeibeamter zu werden. »Um Dinge zu verändern«, wie er betont. Mit 20 trat Campos in die Zivilpolizei ein, vergleichbar mit der deutschen Kriminalpolizei. In seinem Viertel wurde er fortan misstrauisch beäugt, Freund*innen wendeten sich ab, bis heute wollen seine Eltern nicht über seinen Beruf sprechen. »Ab diesem Zeitpunkt stand ich für viele auf der anderen Seite.«

Campos stürzte sich in die Arbeit, durch spektakuläre Festnahmen gelang es ihm, aufzusteigen. Der Junge aus der Vorstadt machte Karriere. Zwar wollte der junge Polizist vieles anders machen, hatte schon immer ein politisches Bewusstsein. Doch irgendwann stieß auch er an die Grenzen des Systems. Schwäche wird in der brasilianischen Polizei nicht geduldet, Abweichungen hart bestraft, Moral oft ausgeblendet. »Alle Gefühle werden unterdrückt«, meint Campos. »Als Polizist bist du der Staat«. Erst kamen die Depressionen, dann die körperlichen Symptome. Als Campos ganz unten war, wusste er, dass sich etwas ändern muss. Das war vor sechs Jahren. Lange spielte er mit dem Gedanken, alles hinzuschmeißen. Sich einen anderen Job zu suchen. Seinen Lebenstraum aufzugeben. Doch der Vater einer Tochter entschied sich für einen anderen Weg, der zu einer waghalsigen Mission wurde: die Polizei von innen zu reformieren.

Im Internet stieß Campos auf andere Polizist*innen. Sie einte die Unzufriedenheit, aber auch der Wille, etwas zu verändern. Es entstand die Idee, sich zu vernetzen. Das erste Treffen fand 2017 mit einer Handvoll Polizist*innen in Rio de Janeiro statt. Dass daraus, eine landesweite Bewegung wachsen würde, glaubte zu diesem Zeitpunkt kaum jemand. Lange wurde über den Namen diskutiert. Einigen ging der Begriff »antifaschistisch« zu weit. Campos, der sich selbst als Kommunist bezeichnet und einen roten Stern auf dem muskulösen Oberarm tätowiert hat, war dafür. »Man muss die Dinge beim Namen nennen.« Heute heißt die Gruppe »Polizisten Antifaschismus«. Das Logo ziert das Zeichen der antifaschistischen Aktion auf einer Polizeimarke. Mittlerweile hat die Gruppe mehr als 1000 Mitglieder, ist in fast allen Bundesstaaten aktiv, Zehntausende folgen in sozialen Medien. Das Interesse an dem Zusammenschluss ist groß.

Denn die Polizei in Brasilien ist eigentlich als stramm rechts bekannt. Die Militärpolizei wurde zur Kolonialzeit als Schutztruppe für die Gouverneure gegründet. Die Ausbildung ist seit jeher militärisch, das System hierarchisch, Brutalität Teil ihrer Logik. Zur Zeit der Diktatur wurde in ihren Zellen gefoltert, bis heute gilt sie als gewalttätig, korrupt und teils faschistisch. Während die Militärpolizei für die Bekämpfung der Kriminalität zuständig ist, kümmert sich die Zivilpolizei um die Aufklärung von Straftaten. Zwar gelten Zivilpolizist*innen als weniger brutal und sind besser ausgebildet, aber explizit linke Tendenzen gab es auch dort nicht. Im Gegenteil.

Campos schluckt und beginnt zu erzählen, was passierte, als er sich als Linker »outete«. Im Wahlkampf hatte er auf Facebook ein Bild gegen den damaligen rechtsradikalen Präsidentschaftskandidaten Jair Bolsonaro gepostet. Unverzüglich hagelte es Morddrohungen, sein Chef rief ihn an und schrie ins Telefon: »Komm nicht zurück, die bringen dich um.« Sogar ein Prozess wurde eingeleitet. »Reine Schikane«, meint Campos. Ein anderes Mal gab er einer linken Zeitung ein Interview und sparte nicht mit Kritik am Zustand der Polizei. Wieder folgten Drohungen. Am nächsten Tag wurde Campos in eine andere Abteilung strafversetzt. »Es ist hart, aber unsere Arbeit ist notwendig.«

Auch wegen solcher Zahlen: Im Jahr 2019 tötete die brasilianische Polizei 5804 Menschen. Alleine in Rio de Janeiro wurden in diesem Zeitraum 1810 Menschen durch Polizeikugeln getötet. Zum Vergleich: Die Polizei der USA tötete im gleichen Zeitraum 993 Menschen - die Vereinigten Staaten haben 20-mal so viele Einwohner*innen wie Rio de Janeiro. Unter dem Vorwand die Drogenkriminalität zu bekämpfen, haben sich viele arme Viertel in Schlachtfelder verwandelt. Die Polizei rückt an, um einen Feind zu vernichten. In den Favelas sind das junge Männer, oft noch Kinder, die mit Flip Flops und Fußballtrikots gekleidet an Straßenecken herumlungern und fette Gewehre umgeschnallt haben. In diesem Krieg, der eigentlich kein Krieg ist, stirbt eine ganze Generation armer, schwarzer Jugendlicher. Aber auch viele Unbeteiligte lassen im Kugelhagel ihr Leben - und ebenso Polizist*innen. Nirgendwo auf der Welt sterben so viele Polizeibeamt*innen bei Einsätzen wie in Brasilien.

Sind sie also bloß Opfer? »Natürlich ist die Polizei rassistisch, sexistisch und homophob. Und ihre Aufgabe ist es, einen Teil der Bevölkerung zu unterdrücken«, meint Campos. »Aber Schuld daran haben die dort oben.« Die Polizei sei ein Ausdruck der brasilianischen Elite, ein Instrument zur Kontrolle. Reiche Weiße geben die Befehle. Arme Schwarze sterben. »Es ist pervers: auf beiden Seiten sterben Arbeiter. Aber die, die entscheiden, haben noch nie einen Fuß in eine Favela gesetzt.«

Campos und seine Mitstreiter*innen kämpfen für tief gehende Veränderungen. Weg von Auge um Auge. Weg von der Kriegslogik. Aber auch für eine Entkriminalisierung aller Drogen und eine Demilitarisierung der Polizei. Campos ist überzeugt: Die Polizei braucht eine Generalüberholung. Das wollen viele nicht hören.

Von den meisten Rechten werden Polizist*innen als Helden betrachtet. Auf Demonstrationen beklatscht, im Netz verehrt, im Parlament mit Orden geschmückt. Doch wenn es darauf ankommt, sagt Campos, werden sie allein gelassen. Vor einigen Wochen hatte er einen Autounfall. »Niemand kümmert sich um mich«, sagt er und klopft auf das hochgelegte Gipsbein. Über Probleme wie niedrige Bezahlung, fehlende Ausrüstung oder die hohe Belastung wolle kaum jemand sprechen. Militärpolizist*innen werden bei Befehlsverweigerung direkt verhaftet, es gibt weder Streikrecht noch die Möglichkeit zur gewerkschaftlichen Organisierung. Ein Großteil der Polizist*innen leidet unter Depressionen, die Selbstmordrate ist fünfmal so hoch wie der Durchschnitt.

Am katastrophalen Zustand der Polizei habe auch die Linke Mitschuld. »Die sehen uns als Feinde und wollen nichts mit uns zu tun haben. Kein Wunder, dass sich viele Kollegen daher den Rechten zuwenden.« Einige linke Politiker*innen hätten sich in letzter Zeit zwar angenähert. Viele Positionen seien aber utopisch und der Hass auf die Polizei kontraproduktiv. »Kritik ist notwendig. Aber in unserem Kampf für eine andere Polizei werden wir alleine gelassen«, polterte es aus Campos heraus.

Der linke Polizist ist kein Mann, der ein Blatt vor den Mund nimmt. Mit seinen Positionen eckt Campos an. Auch in sozialen Medien teilt er heftig aus. Seine These: Die Mittelschichts-Linke habe Mitschuld am Aufstieg des Neofaschismus in Brasilien, weil sie die Armen vergessen habe. Und weil sie im Wahlkampf 2018 das Thema öffentliche Sicherheit gemieden habe. Dadurch habe sie die Wahl von Präsident Jair Bolsonaro überhaupt erst möglich gemacht. Denn mit seinen Rufen nach einer harten Hand konnte der cholerische Ex-Militär und fanatische Waffennarr bei einer verängstigten Bevölkerung punkten. Als Ende Februar im nordöstlichen Bundesstaat Ceará Polizist*innen rebellierten und einen Politiker anschossen, nahm Campos sie in Schutz - auch als sich herausstellte, dass viele Rechtsradikale und Bolsonaro-Anhänger waren. Bei vielen Linken, die Aufstände von Sicherheitskräften als ersten Schritt eines Putsches betrachten, machte er sich unbeliebt. Einen Satz wiederholt Campos in diesem Zusammenhang immer wieder: »Wir sind weder Helden noch Verbrecher - sondern Arbeiter.«

Zweifel an seiner Arbeit habe er dennoch weiterhin. Auch noch nach mehr als 20 Jahren bei der Polizei. Dann, wenn er mal wieder eine Person ins Gefängnis schicken muss - »in die Hölle«, wie er die völlig überfüllten Haftanstalten bezeichnet. Was ihn antreibt, ist der Glaube nach Veränderungen. Mit seiner Gruppe will er Brücken zwischen der Gesellschaft und Polizei bauen. Aber auch Debatten in die Polizei tragen und gegen reaktionäre Tendenzen ankämpfen. Dies gelinge, ist sich Campos sicher, wenn man bei den Alltagssorgen seiner Kolleg*innen ansetze. Tarifstreits, Konflikte mit Vorgesetzten, emotionale Gesundheit.

Als Campos nach einer Auseinandersetzung mal wieder strafversetzt wurde, habe er einen neuen Kollegen bekommen. Harter Hund, stramm rechts. Nach einigen Monaten sei trotz der politischen Differenzen so etwas wie eine Beziehung zwischen den beiden Männern entstanden. »In einer Mittagspause sagte er zu mir: ›Du bist verrückt - hast mit vielen Dingen aber Recht.‹«

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