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Befristungen

Immerhin gut erklärt

Der Soziologieverband übt Kritik am Befristungsunwesen.

Von Peter Ullrich

Ein Aufwuchs von fast 50 000 befristeten, aus Drittmitteln finanzierten Stellen binnen zehn Jahren steht einem Plus von rund 2800 Professuren gegenüber: Die Personalentwicklung im akademischen Mittelbau Deutschlands beschreitet einen internationalen Sonderweg. An dessen Ende steht nicht nur eine fundamentale Prekarisierung der Wissensarbeit unterhalb der Professur. Es ist auch zu befürchten, dass sich dieser Pfad als zunehmend dysfunktional für wissenschaftlichen Fortschritt erweist.

Der Fachverband derjenigen Wissenschaft, die sich mit sozialem Wandel befasst, wendet sich nun in einer Erklärung an die Öffentlichkeit, die jene prekären Beschäftigungsverhältnisse als Auswuchs eines »akademischen Kapitalismus« nach Jahren von Deregulierung, Aktivierung und Responsibilisierung anprangert: Wenn nur die Professuren unbefristet sind, wenn diese also quasi das einzig mögliche Karriereziel in der Wissenschaft darstellen, während die Zahl der Stellen insgesamt wächst, steigt die Zahl derjenigen, die um die wenigen Plätze mit Langzeitperspektive in einem extremen Wettbewerb konkurrieren. Diese permanente Bewerbungssituation fördert, wie man hinzusetzen möchte, karrieristische Laufbahnstrategien, die der Wissenschaft als solcher nicht immer weiterhelfen.

Mit ihrem aktuellen Papier steht die Deutsche Gesellschaft für Soziologie (DGS) nicht allein. Diverse Fachgesellschaften und hochschulpolitische Organisationen haben sich in jüngerer Zeit zu diesen Exzessen der Ökonomisierung der Unis kritisch positioniert. Dennoch ist die Stellungnahme der DGS nicht selbstverständlich: Hinter ihr steht die jahrelange Kärrnerarbeit vieler Mitglieder in Mittelbaupositionen. Dieses Engagement hat bewirkt, dass sich die Gremien der Gesellschaft langsam für Mitglieder ohne Professur öffnen, dass sich der prekäre Mittelbau regelmäßig auf den Kongressen treffen und austauschen kann, dass die DGS die berufliche Lage ihrer Klientel durch einen ständigen Ausschuss beobachtet - und dass der Verband schon zum zweiten Mal in ähnlichem Sinne öffentlich Stellung bezieht.

In der Vergangenheit hatten diese Bestrebungen auch mit internen Reserviertheiten zu kämpfen. Nämlich bei denjenigen, die sich eher an einem Honoratiorenmodell von Fachgesellschaften orientieren und die Tatsache ihrer eigenen Professur als Beleg dafür fehlinterpretieren, dass man »es ja schaffen« könne: Lehrjahre sind keine Herrenjahre! Für eine verbindliche Festlegung von Beschäftigungsstandards innerhalb der eigenen Community ließ sich in den weiterhin professoral dominierten Gremien der DGS noch keine Mehrheit finden. Eine Änderung des Ethikkodexes der soziologischen Fachgesellschaften hielt vor einigen Jahren nur beschäftigungspolitische Minimalanforderungen fest, die hinter gesetzlichen Regelungen noch zurückbleiben.

Im politischen Raum wird die Erklärung aller Wahrscheinlichkeit nach zunächst nicht mehr sein als ein weiteres Stück Symbolpolitik, das die wissenschaftspolitischen Machtzentren in Bund wie Ländern an sich abprallen lassen wie schon ähnliche Initiativen zuvor. Doch für die Soziologie selbst zeigt das Papier eine wachsende Sensibilisierung für die Situation des akademischen Prekariats und nicht zuletzt dafür, dass Frauen und migrantische Menschen besonders betroffen sind.

Bemerkenswert ist diesbezüglich auch, dass die jetzige Erklärung - anders als das Vorläuferdokument zum Thema aus dem Jahr 2016 - die Mitglieder der Fachgesellschaft selbst moralisch in die Pflicht nimmt: Unter Bezugnahme auf den »Herrschinger Kodex« der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft verweist das Papier auf die Gestaltungsspielräume der Wissenschaftseinrichtungen und der dort leitend Tätigen: Es ist niemand gezwungen, alle vorhandenen Stellenkontingente zu teilen und zu befristen. Das ist ein wichtiger Ansatzpunkt für spürbare Verbesserungen zumindest in der Soziologie. Und macht es schwerer, sich hinter der Borniertheit der immer noch dominant neoliberalen Hochschulpolitik letztlich zu verstecken. Zumal das Dokument Indizien dafür liefert - genaue fach- und institutionenspezifische Zahlen fehlen -, dass sich die Situation in der Soziologie keineswegs positiv von der in anderen Fächern abhebt.

Dr. phil. Dr. rer. med. Peter Ullrich ist Soziologe an der TU Berlin und Referent im Studienwerk der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Er engagiert sich im Netzwerk für Gute Arbeit in der Wissenschaft und ist Mitglied des Konzils der Deutschen Gesellschaft für Soziologie. Die Erklärung der DGS ist unter www.soziologie.de/aktuell einsehbar.

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