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Weitreichende Flötentöne

Orchesterkonzerte sind wegen der Corona-Pandemie derzeit nicht möglich. Welche Möglichkeiten zur Öffnung sieht die Wissenschaft?

Von Elke Bunge

Trotz zunehmender Öffnung der Gesellschaft bleiben zahlreiche Einschränkungen. Dies gilt für viele öffentliche Veranstaltungen wie Gottesdienste in Kirchen, Theatervorstellungen oder Konzerte. So ist in Kirchen der Gesang nur in »reduzierter Form« erlaubt. Grund für diese Einschränkungen ist die Befürchtung, dass beim Singen oder exzessivem Sprechen - wie auf der Theaterbühne - Coronaviren in feinsten Aerosolen versprüht werden und so die Zuhörerschaft infiziert könnte. Dass Mund- und Nasenschutz weder beim Sprechen noch beim Singen oder Spielen von Blasinstrumenten getragen werden können, liegt auf der Hand. Die Frage an die Wissenschaft ist: Wie und auf welche Entfernung könnten sich tatsächlich die gefährlichen Sars-CoV-2-Viren verbreiten? In Deutschland haben sich dazu Mediziner und Physiker Gedanken gemacht und ihre Ergebnisse in zwei Studien vorgestellt. Im Ergebnis scheint die Ansteckungsgefahr zwar weniger groß als befürchtet, jedoch nicht ausgeschlossen. Die Experten sind jedenfalls der Auffassung, dass Theateraufführungen und das Musizieren in Orchestern - wenngleich unter strengen Auflagen - möglich sind.

Wie fast alle Armeen dieser Welt besitzt auch die Bundeswehr ein stattliches Musikcorps, in dem die Bläser dominieren. So verwundert nicht, dass sich Wissenschaftler der Universität der Bundeswehr in München auch des Themas »Verbreitung von Viren über Blasinstrumente« annahmen. Die Forscher um Christian J. Kähler, Professor für Strömungsmechanik und Aerodynamik, führten eine Reihe von Experimenten mit Sängern, Sprechern und Blasmusikern durch. Dabei wollten sie ermitteln, wie weit sich beim Spielen von Blasinstrumenten Tröpfchen spuckartig, also ballistisch, bewegen und wie sie sich strömungsbedingt als Aerosol ausbreiten. Zu diesem Zweck wurden die aus Mund und Blasinstrumenten austretenden Speicheltröpfchen sowie die beim Ausatmen bewegte Luft mit einem Laser beleuchtet und mit Kameras aufgenommen. Die so erhaltenen Bildserien wurden mit einem Computerprogramm ausgewertet. Damit konnte man die Bereiche sichtbar machen, die von den Tröpfchen kontaminiert wurden.

Entgegen der Erwartungen zeigte sich, dass die ausgeatmete Luft beim Singen sich etwa im gleichen Bereich wie auch normale Atemluft bewegt. In beiden Fällen endet dieser etwa einen halben Meter vor dem Interpreten. Unterschiede traten auf, wenn die Testperson einen Schrei ausstieß oder sehr intensiv bis exaltiert sprach. Dann ließen sich Luftbewegungen bis zu einem Meter Abstand feststellen - ein Wert, der sich auch in den nachfolgenden Empfehlungen wiederfindet. Nebst dem Laser-Experiment stellten die Wissenschaftler auch Versuche mit einer brennenden Kerze an: Eine im Abstand von einem halben Meter agierende Sängerin brachte die Flamme, gleich ob hohe oder tiefe Töne gesungen wurden, nicht in Bewegung. Anders verhielt es sich bei den Bläsern.

Generell zeigte sich, dass Instrumente mit kleinen Austrittstrichtern (Klarinette, Oboe, Fagott) einen weiteren Luftausstoß aufwiesen als Blechblasinstrumente. Bei den Holzbläsern wurde noch in einem Meter Abstand eine Luftbewegung - und damit im Zweifelsfall auch ein Virenauftritt - gemessen. Blechbläser von Trompete bis Tuba wiesen hingegen nur eine Ausstoßweite bis zu einem halben Meter auf - je größer das Instrument, desto geringer die Entfernung.

Am weitesten entfernt vom Interpreten konnte eine Luftbewegung bei Querflöten gemessen werden. Da beim Flötenspiel die Luft ungebremst über die Mundlochplatte geblasen wird, kann sie noch in Entfernungen von über einem Meter als bewegt gemessen werden.

Bei den Holzblasinstrumenten tritt in der Regel nur wenig Kondenswasser durch ausgeatmeten Speichel auf. Meist verbleibt die Feuchtigkeit im Instrument und wird nach dem Spiel mit einem Reinigungslappen ausgewischt. Aktuell wird empfohlen, Einmal-Wischtücher zu benutzen und diese sachgerecht zu entsorgen.

Deutlich mehr Kondenswasser tritt bei Blechbläsern auf. Trompeten, Posaunen, Hörner oder Tubas haben dafür Ventile, über die auch während des Spielens von Zeit zu Zeit Wasser abgelassen werden kann. Am Boden bilden sich dann kleine Pfützen, die im Falle einer vorhandenen Infektion ebenfalls ansteckend sein können.

Auslöser der Testreihe waren Empfehlungen der Hochschule für Musik in Freiburg, die Musikern einen Mindestabstand von drei bis fünf Metern »verordneten«. Die für den professionellen Musikbetrieb zuständige Berufsgenossenschaft fordert für Sänger einen Mindestabstand von sechs Metern, für Bläser von zwölf Metern.

Die Tests zeigen, dass diese Forderungen wohl überzogen sind. Die Strömungsmechaniker der Bundeswehr-Uni in München wie auch Epidemiologen der Charité in Berlin haben einen übereinstimmenden Katalog von Abstands- und Verhaltensregeln herausgegeben, denen sich auch die Intendanzen der großen Berliner Orchester anschlossen. Streicher, Harfen und Schlagwerke wie Tasteninstrumente sollen einen Stuhlabstand von 1,5 Metern einhalten, Bläser einen Abstand von zwei Metern. Bei Proben soll der Dirigent einen Abstand von mindestens zwei Metern - bei Konzerten von 1,5 Metern - einhalten. Die persönliche Hygiene ist unbedingt einzuhalten, Notenständer sowie der Podiumsfußboden - wo sich die Tropfen der Bläser sammeln - sind regelmäßig zu desinfizieren. Es wird zudem empfohlen, zwischen den Blechbläsern Plexiglas-Schutzwände aufzustellen.

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