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Polizeigewalt in den USA

Bei Schweinereien schweigen

Polizeigewalt löste die gegenwärtigen Proteste in den USA aus. Das tiefe Unbehagen des Landes mit dem eigenen Justizwesen spiegelt sich auch im Filmtopos des «Bad Cop».

Von Georg Leisten

Wie läuft’s eigentlich so mit dem Foltern von Niggern, Dixon?« - »›Foltern von Farbigen‹ heißt das heutzutage!« Dieser Dialog aus einer Szene des Oscar-gekrönten Spielfilms »Three Billboards outside Ebbing, Missouri«, in der die robuste Mutter eines ermordeten Mädchens den dümmlichen Kleinstadtpolizisten Jason Dixon provoziert, mag zynisch klingen, aber er bringt eine bitterböse US-amerikanische Realität auf den Punkt: Obwohl das Land auf dem Papier schon vor langer Zeit die sogenannte Rassentrennung abgeschafft hat, bleibt sie in der Praxis bestehen. Vielerorts gelten Afroamerikaner immer noch als Menschen zweiter Klasse. Insbesondere bei Polizei und Justiz, also dort, wo eigentlich alle gleich sein müssten. Die Ereignisse um die Tötung von George Floyd haben es wieder einmal verdeutlicht. Der Afroamerikaner starb nach einem Polizeieinsatz, bei dem einer der beteiligten Beamten dem 46-Jährigen minutenlang das Knie in den Nacken gepresst hielt. Die brutale Aktion löste die schwersten Proteste in den USA seit über einem halben Jahrhundert aus.

Gewiss, polizeiliches Fehlverhalten und Polizeigewalt werden auch in Deutschland regelmäßig beklagt. Man denke nur an den G-20-Gipfel in Hamburg oder die nebulöse Rolle der Ermittlungsbehörden im NSU-Skandal. Dennoch ist der »Bad Cop«, der gewalttätige, rassistische und korrupte Gesetzeshüter, jenseits des Atlantiks eine wesentlich tiefer im kulturellen Unterbewusstsein verankerte Figur. Das lehrt nicht zuletzt ein Vergleich deutscher Kriminalfilme und -serien mit US-amerikanischen. Vom emotional unterkühlten Oberinspektor »Derrick« über »Tatort«-Veteranen wie Ballauf/Schenk oder Lena Odenthal bis zu den Jungkommissaren der diversen Vorabend-Sokos - wer hierzulande Gangster jagt, mag ein paar Ecken und Kanten besitzen, verhält sich aber doch meist so, wie man es von einem pflichttreuen Beamten erwartet. Ein Freund und Helfer, auf den sich (zumindest auf der Mattscheibe) auch die Schwachen stets verlassen dürfen.

Anders dagegen in den USA. Hier bildete der Drecksack-Cop schon immer einen festen Bestandteil des Krimigenres. Angefangen bei einem Klassiker wie Raymond Chandler. Nicht selten sind es Polizistenfäuste, die dem Privatdetektiv Philip Marlowe die traditionelle Halt-dich-da-raus-Botschaft überbringen. Bereits im Trenchcoat-Kosmos der 1930er und 40er Jahre sind Polizeireviere zu Zweigstellen eines korrupten Gesamtsystems verkommen. Gegen dessen großräumig vernetzte Machenschaften fallen die kleinen unsauberen Tricks von Marlowe moralisch kaum ins Gewicht. Amerika hat das Vertrauen in sein Rechtssystem offenbar schon vor langer Zeit aufgegeben. Auch das gehört zur Erklärung für die Ladenplünderungen und die Barrikadenbrände, die die gegenwärtigen Proteste begleiten, dazu.

Überblickt man die US-amerikanische Spielfilmproduktion seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs, sind fast alle besseren Thriller Sittengemälde aus einem innerlich zerfressenen Justizwesen. Dessen Führungskräfte (Polizeichefs und Staatsanwälte) werden in vielen Staaten auf Zeit gewählt, weshalb es sich für sie auszahlt, Sicherheitspolitik im Sinne der weißen Eliten zu betreiben. Polizisten mit einem unterschwelligen Hass auf Minderheiten sind da willkommene Männer fürs Grobe, die bei internen Ermittlungen zuverlässig auf Gnade hoffen dürfen. Auch gegen den Peiniger von Floyd blieben frühere Anzeigen wegen dienstlicher Vergehen offenbar folgenlos.

Im Topos des »Bad Cop« hat Hollywood einen gesellschaftlichen Phänotyp zur Kenntlichkeit entstellt. Seine klischeehafteste Ausprägung ist der breitbeinige Provinzbulle aus dem mittleren Westen. An der Brust blitzt der Stern, an der Hüfte baumelt wie ein zweites Gemächt die Revolvertasche. Ein etwas differenzierterer Typus des »Bad Cop« bevölkert das in den 80ern entstandene Genre des Neo-Noir: der urbane Detective mit ausgebeultem Jackett und schmierigen Haaren. Oft ist er ein durch Liebesfrust oder Midlife Crisis gebrochener Typ, der sich das beschlagnahmte Kokain in die eigene Nase zieht. Mustergültig verkörpert der großartige Harvey Keitel in Abel Ferraras »Bad Lieutenant« (1992) diese Variante. Der düstere Film ist eine psychologische Milieustudie darüber, wie ein kriminelles Umfeld auf diejenigen abzufärben droht, die sich als angebliche Ordnungshüter darin bewegen.

Denn machen wir uns nichts vor: Der Bullenjob zwischen Los Angeles und Manhattan ist noch ein bisschen härter als in Alteuropa. Dank lascher Waffengesetze könnte jeder kontrollierte Autofahrer ein vollautomatisches Mordwerkzeug auf dem Beifahrersitz liegen haben.

Dieser Alltag schweißt Polizisten zu einer Gemeinschaft zusammen. Ihr Denken verläuft in Freund-Feind-Kategorien, orientiert sich an falschen Männlichkeitsidealen wie »Härte« und körperliche Stärke, wie der Sozialwissenschaftler und Ex-Polizist Rafael Behr in dem Buch »Cop Culture« feststellt.

Auch James Ellroy, der Krimiautor, den viele für den besten seiner Generation halten, schildert in seinem 1987 erschienenen Roman »Die schwarze Dahlie« - im Jahr 2006 von Brian De Palma verfilmt - diesen polizeilichen Initiationsweg. Aus dem maskulinen Ehrenkodex resultiert unter anderem eine Art Schweigegelübde, was die Schweinereien der Kollegen betrifft.

Die wenigen Aufrechten geraten durch diese Konstellation in einen schweren Konflikt zwischen Gruppendruck und eigenem Gewissen. Darauf basieren die Plots vieler Cop-Filme, etwa das New-Orleans-Epos »The Big Easy« (1986) oder »Cop Land« (1997) mit Sylvester Stallone und Robert de Niro. Während die bösen Bullen zumindest in diesen filmpoetischen Werken der Gerechtigkeit nicht entgehen, kommen sie in der Wirklichkeit nur allzu oft ungeschoren davon. Amerikas weiße Männerseele will gar keine anderen Polizisten. Das begründete den (häufig kopierten) Erfolg der »Dirty Harry«-Filmreihe (1971 - 1988), die den »Bad Cop« so radikal wie nie zuvor heroisiert hat. Inspektor Harry Callahan (Clint Eastwood) kümmert sich einen Scheißdreck um die Rechte der Angeklagten. Stattdessen macht er kurzen Prozess mit seiner 44er Magnum. Die ihn bremsenden Vorgesetzten hingegen erscheinen als linksliberale Weicheier, die Law and Order den Bach runtergehen lassen. Dass die Reihe um den Selbstjustiz übenden Cop mit dem Aufstieg des US-amerikanischen Neokonservativismus zusammenfällt, ist kein Zufall.

Und da der amtierende US-Präsident meist sehr genau weiß, welche Trivialmythen seinen Wählern gefallen, hat er angesichts der jüngsten Proteste auf Twitter ebenfalls die 44er gezückt und mit Erschießungen, Bluthunden und Militäreinsatz gedroht.

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