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Wagenplatzgruppe im Umzugsmarathon

Die Wagenbewohner von »DieselA« beziehen neue Brache - diesmal nur für ein paar Stunden

  • Von Yannic Walther
  • Lesedauer: 3 Min.

Eigentlich hatten sie sich bereits eingelebt in Karlshorst. Am 26. Mai ist die Wagengruppe »DieselA« auf eine Brache in der Nähe des Betriebsbahnhofs Rummelsburg gezogen. Nur eine Woche habe es gedauert bis der Eigentümer, die Verwaltung des Bundeseisenbahnvermögens, sie zur Räumung aufgefordert hat, sagen die Bewohner*innen. Ein Nachbarschaftsfest konnten sie noch organisieren. Doch bevor die Räumung dann am Freitag vollstreckt werden sollte, ist die Wagenplatzgruppe wieder umgezogen. Ein paar hundert Meter weiter versuchen sie erneut, sich einzurichten. »Ein fester Wagenplatz wäre schon schön«, sagt Anna, eine der aktuell zwölf Bewohner*innen der Brache.

Das Grundstück gehört den Berliner Wasserbetrieben, wie schnell klar wird. Deren Sprecher, Stephan Natz, erklärt gegenüber »nd«, dass sich auf dem Gelände unterirdisch Abwasserdruckleitungen befinden. Diese würden nächstes Jahr gewechselt, sagt er. »Die Brache wird deshalb umgeackert«, so Natz. Außerdem werde das benachbarte Ausbildungszentrum der Wasserbetriebe in den kommenden Jahren neugebaut. Zwischenzeitlich komme dann ein Container-Dorf als Ausweichquartier dorthin, wo sich jetzt die Wohnwagengruppe einrichtet. Ein Mitarbeiter der Berliner Wasserbetriebe hat die Gruppe deshalb am Freitagnachmittag aufgefordert, den Platz binnen zwei Stunden zu räumen. Sie fügt sich.

Das war mittlerweile der vierte Standort, den »DieselA« versucht, zu beziehen. Vor einem Jahr besetzten sie erstmals eine Brache an der Rummelsburger Bucht. Nach der Räumung ging es dann weiter nach Marzahn. Als auch dort die Polizei mit 250 Beamten und einem Hubschrauber räumte »DieselA« wieder zurück im Bezirk Lichtenberg. Wagenplatzbewohnerin Martha hoffte zunächst, dass sie diesmal länger bleiben können. Alternativen zu einem eigenen Wagenplatz kommen für sie nicht infrage. »Auf der Straße zu stehen ist keine Alternative, dort kann man sich nicht zurückziehen«, sagt sie. Anna ergänzt: »Andere Wagenplätze platzen aus allen Nähten, außerdem wollen wir als Gruppe zusammen bleiben.«

Von anderen Wagenplätzen würde sich »DieselA« auch durch ihren queerfeministischen Ansatz unterscheiden. »Die Rollen sind bei uns anders verteilt«, sagt Anna. Als Beispiel nennt sie, wie mehrere Frauen gemeinsam die Küche aufgebaut haben, während ein Mann für die Gruppe gekocht habe. »Wir arbeiten gemeinsam, ohne dass es bei uns ein Obermacker-Gehabe gibt«, meint Martha.

Im rot-rot-grünen Koalitionsvertrag heißt es: »Die Koalition sucht nach Lösungen, um für Menschen auf sogenannten Wagenplätzen Sicherheit für ihre Lebensform zu schaffen und den derzeitigen Zustand der Duldung zu beseitigen.« Bloß, »DieselA« ist eine Wagengruppe ohne festen Wagenplatz. Martha wünscht sich deshalb, dass es für neue Wagenplatzgruppen erleichtert wird, brach liegende Grundstücke in Landesbesitz zu nutzen. Mit dem Weiterbau der Autobahn 100 seien darüber hinaus mehrere Wagenplätze bedroht, für die es Ausweichstandorte bräuchte, sagt sie. »Die Leute lösen sich ja nicht in Luft auf.« Die Aktivisten von »DieselA« hätten sich gut vorstellen können, dass noch eine andere Wagenplatzgruppe mit auf die Brache am Betriebsbahnhof Rummelsburg zieht. Der Platz wäre groß genug gewesen.

Doch dafür müssten sie erst einmal eine längerfristige Bleibeperspektive haben. Dass »DieselA« schon wieder von einer Brache rollen muss, scheint Anna und den anderen Wagenplatzbewohner nicht allzu viel Angst zu machen. »Wenn man auf einer Brache wohnt, fährt man mit einem anderen Blick durch Berlin und hält natürlich immer Ausschau nach anderen Wiesen«, sagt sie. Mal sehen, wo sie als nächstes landen.

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