Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Wie man über die Menschen spricht

Stuart Hall begründete die Cultural Studies. In seiner Autobiografie schildert er die feinen Unterschiede der Unterdrückung

  • Von Thomas Wagner
  • Lesedauer: 6 Min.
Politisch über Kultur sprechen und kulturell über Politik: Stuart Hall in den 60er Jahren.
Politisch über Kultur sprechen und kulturell über Politik: Stuart Hall in den 60er Jahren.

Das erste gemeinsame Essen mit den Eltern des Partners kann gehörig schiefgehen. Diese Erfahrung machte auch der auf Jamaika geborene, aber seit Langem in England lebende Stuart Hall, als er in Begleitung seiner Frau Catherine seiner Mutter in Kingston Mitte der 60er Jahre einen Besuch abstattete.

In seiner posthum erschienenen Autobiografie »Vertrauter Fremder. Ein Leben zwischen zwei Inseln«, die auf Gesprächen basiert, die der 2014 verstorbene Soziologe mit seinem Freund, dem Historiker Bill Schwarz, geführt hat, schildert Hall eine Szene bei Tisch: Die mit weißer Schürze und Haube ausstaffierte Hausangestellte wartet hinter einem Stuhl, bis sie gebraucht wird. Plötzlich beginnt die Mutter, sich äußerst abschätzig über Hausbedienstete zu äußern - bis es der Schwiegertochter zu viel wird: »Sie können doch so nicht über Menschen sprechen, die direkt hinter Ihnen stehen, Sie bedienen und zuhören müssen, wie Sie über sie reden!«

Seine Mutter, erinnert sich Hall, habe zuvor nie erlebt, dass in ihrem eigenen Haus so zu ihr gesprochen wurde - noch dazu von einer 19-jährigen Tochter eines weißen Baptistenpfarrers.

Anhand dieser Anekdote zeigt der 1932 als Sohn eines Buchhalters der United Fruit Company geborene Wissenschaftler, wie sehr Rassismus und Klassengesellschaft in den Köpfen der Jamaikaner miteinander verschränkt sind. An der Spitze der Hierarchie befinden sich die Weißen oder nahezu Weißen, ihnen folgen die kreolischen Mittelschichten, zu denen die Halls sich zählen. »Ganz unten war die breite Masse der überwiegend schwarzen, armen Vertreterinnen der Klasse der Arbeiterinnen oder Bauern und Bäuerinnen, die in der Stadt oder auf dem Land lebten oder ständig dazwischen hin- und herpendelten.«

Halls Mutter hängt noch den Überresten einer von Gutsbesitzern dominierten Kultur an, die dem Sklavenhalterregime der weißen Pflanzer folgte und in der jeder seinen angestammten Platz hatte. Den Armen gegenüber zeigt sie eine herablassende Gönnerhaftigkeit. Jedes Gerede über eine grundsätzliche Veränderung der Ordnung ist ihr zutiefst zuwider. In ihrer Haltung zeigt sich die koloniale Deformation einer Gesellschaft, die von einer tiefen Identifikation mit der britischen Herrschaftszentrale geprägt ist. Deren Nachahmung ziehe sich »wie ein Spannung führender Stromleiter« durch das Leben der Jamaikaner. Bis 1962 war Jamaika eine britische Kolonie.

Zu Hause wird der kleine Stuart von der Dienerschaft mit dem Zusatz »Mas« angesprochen, der Abkürzung für »Master«. Einmal, als er als Schüler mit den Eltern ein Hotel besucht, spielt er mit dem Sohn eines weißen Auslandsbriten und ist sich unsicher, wie dieser anzureden sei. Obwohl die Elternpaare an der Bar sitzen, scheinen die Weißen einer höherstehenden Klasse anzugehören. Als er seine Mutter fragt, ob er den andern Jungen als »Mas Peter« ansprechen soll, antwortet sie brüsk: »Natürlich nicht, sie sind doch genau wie wir!« Ihm ist jedoch klar, dass das nicht stimmt.

Als aus dem Unmut der überwiegend schwarzen Unterschicht eine Bewegung wird, die auch die Vorherrschaft des Mutterlandes infrage stellt, ist der überwiegende Teil der Mittelschicht entsetzt. Stuart und viele seiner Mitschüler, die das von der Kolonialmacht installierte Erziehungssystem absolvieren und die Widersprüche des Systems zumindest erahnen, fühlen sich vom wachsenden Selbstbewusstsein der Unterdrückten angezogen.

Als er 1951 ein Stipendium erhält, reist Hall nach England, um in Oxford zu studieren. Dort stellt er fest, dass seine nach englischem Vorbild gestaltete Schulausbildung nicht ausreicht, um die Feinheiten des gesellschaftlichen Lebens zu verstehen: Es geht auch um Doppeldeutigkeiten, Ironie, Schweigemomente und Ausweichmanöver. »Diese Dinge waren eingebettet in alltäglichen Winzigkeiten wie auch im Gesichtsausdruck oder in der Körpersprache, im Unausgesprochenen wie auch in dem, was gesagt wurde. Sie waren Belege der stillschweigenden Übereinkünfte, die kulturelle Praktiken untermauern, der gemeinsamen Codes für Bedeutungen, die Zugehörige unbewusst einsetzen und deuten, um die Welt zu entschlüsseln.«

Das Dechiffrieren verborgener Codes wird für Hall, der zunächst Schriftsteller werden wollte, zu einer Lebensaufgabe, die er als Soziologe professionalisiert. Hilfreich sind seine breit gestreuten Interessen, die sich auch auf die Musik erstrecken. Aufgewachsen mit der jamaikanischen Musik der 40er Jahre spielt er seit seiner Schulzeit Piano in Amateur-Jazzbands. Daneben hört er klassische Musik, erfreut sich später aber auch an James Brown, Grace Jones, Gladys Knight, Ray Charles, Stevie Wonder, George Benson, den Supremes und Dionne Warwick. Dazu kommen High Life, Ska, Reggae sowie die Beatles, Rolling Stones, The Clash und schließlich auch HipHop, Drum ’n’ Bass und House.

Das Jahr 1956 ist seine politische Initialzündung. Das hat mit der Verurteilung Stalins durch Chruschtschow zu tun. Vor allem aber mit dem Einmarsch sowjetischer Truppen in Ungarn und der Niederschlagung der aufständischen Arbeiterräte sowie mit der Suez-Krise und der Invasion von Briten, Franzosen und Israelis in Ägypten.

Hall hofft, Politiker der »Dritten Welt« wie Jawaharlal Nehru, Kwame Nkrumah, Sukarno und Gamal Abdel Nasser könnten eine »dritte Kraft« im Machtgefüge zwischen der Nato und den Staaten des Warschauer Vertrages etablieren. »Gemeinsam bildeten wir in Oxford einen engagierten Verbund von Westindern, die erwartungsvoll und ein bisschen berauscht der baldigen Unabhängigkeit entgegenfieberten, aufgeregt Pläne für eine selbstverwaltete Regierung schmiedeten, ungeduldig über den uns schneckenlangsam erscheinenden Prozess der Entkolonisierung, wachsam und kritisch gegenüber den Manövern des Colonial Office, häufig verzweifelt über den Zustand der offiziellen Politik auf den Inseln.«

Wie viele junge Akademiker aus der Karibik ist auch Hall ein glühender Anhänger der 1958 gegründeten Westindischen Föderation, die er nach seinem Studienabschluss an der University of West Indies hätte unterstützen wollen. Als der Zusammenschluss aufgrund der Rivalitäten zwischen den Inseln scheitert, ist er zutiefst deprimiert und beschließt, nicht mehr zurückzukehren.

Nun engagiert er sich in der Kampagne für die atomare Abrüstung. Vor allem aber hilft er beim Aufbau der Neuen Linken, die eine massentaugliche Politik anstrebt, die sich gegen beide Machtblöcke richtet. Er ist beteiligt an der Gründung der New Left Clubs und gibt ab 1960 die einflussreiche »New Left Review« heraus. Die Untersuchung der Klassenverhältnisse, so ist man nun überzeugt, sei notwendig, aber reiche nicht hin, um den Hebel für eine Veränderung der Gesellschaft zu finden. »Wir sprachen kulturell über Politik und politisch über Kultur. Gleichzeitig versuchten wir die neuen Formen der Klassengesellschaft zu begreifen.«

Die Cultural Studies setzen genau an diesem Punkt an. Hall wird zum führenden Kopf dieses neuen Fachs. 1964 ziehen er und Catherine nach Birmingham, wo an der dortigen Universität das Centre for Contemporary Cultural Studies entsteht.

Stuart Hall: Vertrauter Fremder. Ein Leben zwischen zwei Inseln. A. d. Engl. v. Ronald Gutberlet. Argument, 304 S., geb., 36 €.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln