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Die Füße der Elefanten

Ines Schmidt über die Probleme von Frauen in der Coronakrise und wie sie überwunden werden können

  • Von Ines Schmidt
  • Lesedauer: 3 Min.

In den vergangenen Wochen richtete sich der Blick häufiger auf das Thema häusliche Gewalt. Das ist auch richtig und dabei notwendig, denn es gibt auch hierzulande Hinweise, dass diese unter den Bedingungen der Covid-19-Pandemie derzeit zunimmt.

Wir dürfen dabei aber nicht übersehen, dass Frauen und vor allem Frauen mit Familie in der Coronakrise auch anderweitig unter Druck geraten. Was für die sozialen Unterschiede zutrifft, gilt auch für die patriarchalen Verhältnisse in der Gesellschaft: Sie verschwinden nicht in der Pandemie, sondern treten vielmehr noch deutlicher zutage. Schon bevor sich das Virus ausbreitete, arbeiteten Frauen häufiger in Teilzeit oder Minijobs, kümmerten sich mehr um Haushalt, Kinder und Familie und wurden schlechter bezahlt als Männer. Dementsprechend geringer ist nun ihr Kurzarbeiterinnen- oder Arbeitslosengeld. Und angesichts des eingeschränkten Betriebs von Kita und Schule sind es oft vor allem sie, die nun im Homeoffice Kinderbetreuung und Beruf unter einen Hut zu bringen haben.

Von der Mehrbelastung sind Alleinerziehende am schlimmsten betroffen und davon sind in Berlin rund 90 Prozent weiblich. Schon vor der Pandemie waren sie überdurchschnittlich häufig auf Hartz-IV-Zahlungen angewiesen. Es ist zu befürchten, dass ihre Zahl in der wirtschaftlichen Krise weiter ansteigt und damit auch die Armut von Kindern und Jugendlichen, deren Anzahl schon vor der Krise drei Millionen betrug. Angesichts dieser Entwicklungen halte ich es für fatal, wenn die Einrichtung weiterer Koordinierungsstellen zur Unterstützung Alleinerziehender aufgeschoben werden würde. Wir brauchen gerade jetzt nicht weniger, sondern mehr Projekte zur Förderung der Gleichstellung von Frauen!

Die Coronakrise macht auch deutlich, dass es in erster Linie Frauen sind, die mit 75 Prozent Frauenanteil in den systemrelevanten Berufsgruppen, 76 Prozent in den Krankenhäusern, 72 Prozent im Lebensmitteleinzelhandel und 92 Prozent in den Kindertageseinrichtungen, maßgeblich dafür sorgen, dass das Leben trotz Coronakrise weitergeht. Dafür verdienen sie mehr als Klatschen und Hochachtung, sie brauchen eine Anpassung ihrer Einkommen entsprechend ihrer großen Verantwortung!

Mir fällt da ein Spruch ein, der seit 20 Jahren in meinem Büro hängt und bis heute nichts an Relevanz verloren hat: »Frauen sind wie die Füße eines Elefanten, sie tragen die Last der Gesellschaft, aber sie bestimmen nicht die Richtung«. Wenn es jetzt darum geht, die Menschen aus der Krise zu holen, steht die Wirtschaft wieder einmal im Mittelpunkt. Und Konzerne, die ihren Aktionären Dividenden auszahlen wollen, fordern vom Steuerzahler Unterstützung. Dagegen sollen sich die Frauen, die unter schwierigsten Bedingungen für die Gesellschaft da sind, mit abendlichem Klatschen abfinden?

Was in der Coronakrise auch extrem sichtbar ist: die Stellen der Fachleute zu Corona sind vorwiegend männlich besetzt. Egal ob es der Virologe, der Chef der Kassenärztlichen Vereinigung oder der Chef des Robert-Koch-Instituts ist. Unsere »Männer« sind derzeit in ihrem Element, Medien berichten über die Selbstinszenierungen und Duelle unserer Herren, überall wird vermittelt »Männer haben alles im Griff«. Es reicht!

Wir werden uns kontinuierlich dafür einsetzen, dass die Vorgaben der Istanbul-Konvention umgesetzt werden. Statt der derzeitigen 374 Schutzplätze in Frauenhäusern, heißt das, für Berlin 946 Plätze zu schaffen. Des Weiteren unterstützen wir die Forderungen der Frauenhausmitarbeiterinnen, ebenfalls für ihre besondere Leistung in der Coronakrise mitbedacht zu werden.

Wir, die Linksfraktion im Berliner Abgeordnetenhaus, fordern nachdrücklich die Umsetzung des Corona-Zuschlags auf Hartz IV und damit die Zahlung von zusätzlich 100 Euro monatlich für Leistungsberechtigte. Zurzeit reicht der Regelsatz für die steigenden Lebenshaltungskosten, durch den Wegfall des kostenlosen Schulessens und angesichts geschlossener Tafeln nicht aus.

Wir fordern, endlich die anhaltenden Benachteiligungen der Frauen gegenüber den Männern abzubauen, wie zum Beispiel das Ehegattensplitting, den Gender-Pay-Gap und die Abschiebung in die Teilzeitfalle und somit ungebremst, ohne finanzielle Rücklagen, in die dabei zwangsläufige Altersarmut.

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