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Wenn Zähne zerbröseln

Mineralisationsstörungen machen vielen Kindern zu schaffen - Experten rätseln über Ursachen

Gelb-bräunliche Zahnstummel im Kindergebiss: Manche Fotos von Kreidezähnen sehen erschreckend aus. Tatsächlich können solche Zähne im Extremfall regelrecht zerbröseln. Dahinter steckt eine Fehlbildung des Zahnschmelzes, die sich meist erst an den bleibenden Zähnen zeigt. Die Störung ist inzwischen so verbreitet, dass sie als »neue Volkskrankheit« bezeichnet wird. Allerdings weichen die Angaben zur Häufigkeit stark voneinander ab. »Im Schnitt sind um die 15 Prozent der Kinder betroffen«, sagt Katrin Bekes, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Kinderzahnheilkunde. Viele der jungen Patienten haben aber nur verfärbte Stellen an den Zähnen und keine schweren Defekte.

Hinter der Erscheiung, die in der Fachsprache Molaren-Inzisiven-Hypomineralisation (MIH) heißt, steckt eine unzureichende Mineralisation des Zahnschmelzes: Der Gehalt an Kalzium und Phosphat ist niedriger als normal. In der Folge wird der Schmelz - eigentlich die härteste Substanz des ganzen Körpers - weich und angreifbar. »Kreidezähne bringen zwei Pro-bleme mit sich: Zum einen können sie einbrechen, zum anderen sind sie oft überempfindlich«, erklärt die Kinderzahnärztin. Dabei können die Zähne auch schmerzen, wenn sie nicht brüchig sind. Schwerere Formen sind anfälliger für Karies. »Sie haben eine rauere Oberfläche, zeigen eventuell Überempfindlichkeiten und lassen sich daher schlechter reinigen«, sagt Bekes. Hinzu kommt, dass Kinder die Zähne nicht putzen wollen, wenn sie wehtun.

Das Phänomen MIH wurde vor rund 40 Jahren in Schweden beobachtet. Das heißt aber nicht, dass es erst seitdem aufgetreten ist. »Es kann auch sein, dass die Kreidezähne früher nicht als solche erkannt wurden, weil mehr Karies vorkam und die Befunde davon überdeckt wurden«, erklärt Johanna Kant, Vorsitzende des Bundesverbands der Kinderzahnärzte. Inzwischen wurde die Störung bei Kindern auf der ganzen Welt beobachtet.

Was hinter dem Phänomen steckt, ist unklar. Wissenschaftler gehen davon aus, dass äußere Einflüsse in der Phase, in der Schneide- und Backenzähne mineralisieren, verantwortlich sind. Das Zeitfenster dafür reicht laut der Zahnärztekammer Nordrhein von der späten Schwangerschaft bis ins vierte Lebensjahr - daher kommen viele Ursachen infrage. Entdeckt wird die Störung meist erst viel später, nämlich um das sechste Lebensjahr herum, wenn die bleibenden Zähne durchbrechen. Befragungen von Eltern sind daher häufig unergiebig: Oft erinnern sich diese nicht mehr an Details, die Jahre zurückliegen. »Viele berichten, dass ihr Kind im ersten Lebensjahr krank war. Auf andere trifft das wiederum nicht zu«, sagt Bekes.

Neben Infektionskrankheiten in den ersten Lebensjahren kommen Antibiotika, Chemikalien wie Bisphenol A in Alltagsgegenständen, Vitamin-D-Mangel, Umweltgifte oder Probleme in der Schwangerschaft als Auslöser infrage. Möglicherweise spielen auch mehrere Ursachen zusammen. »Derzeit wissen wir es einfach nicht. Es wird noch mehrere Jahre dauern, bis wir Genaueres sagen können«, erklärt die Expertin. »Wir brauchen große prospektive Studien.« Schwangere und ihre Kinder sollten dazu mehrere Jahre lang begleitend untersucht, nicht erst rückblickend befragt werden.

Da die Ursache unklar ist, können Eltern ihre Kinder auch nicht schützen. Vorwürfe braucht sich niemand zu machen: Auch eine noch so gute Zahnpflege kann Kreidezähne nicht verhindern. Eltern können aber dazu beitragen, das Problem in den Griff zu bekommen. So empfiehlt die Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung, mit einem Baby bereits dann zum Zahnarzt zu gehen, wenn die Milchzähne durchbrechen - also mit etwa sechs Monaten. Frühe, regelmäßige Zahnarztbesuche sind wichtig, um Mineralisationsstörungen so bald wie möglich zu erkennen. In manchen Fällen kann man bereits an den Milchzähnen Defekte beobachten, die einer MIH ähneln. Meist fällt die Störung aber erst an den bleibenden Zähnen auf. »Die Behandlung hängt vom Schweregrad ab«, sagt Bekes. Insgesamt gehe es darum, die Zähne zu stabilisieren, vor Karies zu schützen und Schmerzen zu lindern.

In leichteren Fällen empfehlen Zahnärzte meist eine »Intensivprophylaxe«, die zum Beispiel eine Behandlung mit Fluoridlack und eine Versiegelung betroffener Zähne vorsieht. Auch häufige Kontrollen, etwa im Abstand von drei Monaten, gehören dazu. »Zu Hause kann mit speziellen Zahnpasten geputzt werden, die - so nimmt man heute an - helfen können, den Zahnschmelz zu verbessern«, erklärt Kant. So gibt es remineralisierende Zahncremes, die sich offenbar positiv auf die Schmelzstruktur auswirken. Abgesehen davon empfiehlt die Zahnärztin Eltern, bei Kindern bis etwa zum neunten Lebensjahr nachzuputzen.

Sind die Zähne bereits brüchig, kommen unter anderem Kunststofffüllungen oder in schweren Fällen auch Stahlkronen infrage. Manchmal kann es sogar sinnvoll sein, einen kaputten Zahn nach Absprache mit dem Kieferorthopäden zu ziehen: Oft können die anderen Zähne so wandern, dass sich die Lücke später schließt.

Bei den meisten Patienten sind derlei große Eingriffe jedoch nicht nötig. Sie haben bloß verfärbte Stellen an den Zähnen. Das ist aus medizinischer Sicht weniger dramatisch, kann aber dennoch ästhetische Probleme mit sich bringen: Gerade an den Schneidezähnen sehen Verfärbungen nicht schön aus. »Auch da gibt es Möglichkeiten, diese Stellen zu versorgen«, sagt Bekes. »Aber das stellen wir häufig zurück, bis die Kinder älter sind.«

Sollte man eine Zahnschmelzstörung besser gleich von einem Kinderzahnarzt behandeln lassen? »Das muss nicht unbedingt sein«, meint Bekes. Allerdings sollte sich der Zahnarzt mit Kreidezähnen auskennen. Ganz wichtig ist neben der fachlichen Kompetenz, dass sich der junge Patient bei ihm wohlfühlt: »Vertrauen spielt bei MIH eine ganz große Rolle.« Da betroffene Kinder oft Schmerzen haben, lassen sie sich nämlich nicht gerne im Mund untersuchen.

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