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Tagsüber Baustelle, abends Kneipe

Sozial zementiertes Lebenselend: Der Film »Nationalstraße« weiß nichts mit seinem männlichen Antihelden anzufangen

  • Von Benjamin Moldenhauer
  • Lesedauer: 4 Min.

Vandam lebt in einem Prager Plattenbau und haut gerne anderen Menschen eine aufs Maul. Tagsüber auf der Baustelle, abends dann Kneipe, über 50 ist der Mann (Hynek Čermák). Und die Zuschauerin weiß nach fünf Minuten Filmzeit: Das bleibt so, so ein Leben ändert sich nicht mehr. Beziehungsweise wenn, dann nur im Kino.

Das ist dann auch das erste Problem von Štěpán Altrichters Film »Nationalstraße«: Ein Leben, in dem sich nichts mehr ändert, lässt sich schlecht erzählen. Kaum jemand will Zustände, alle wollen Geschichten. Also muss eine Geschichte her. Die geht im Falle dieses Films grob so: Hauptfigur und Zuschauer registrieren eine Ungerechtigkeit, ein Immobilienarschloch will Vandams Stammkneipe mitsamt Besitzerin Lucka (Kateřina Janečková) weggentrifizieren. Für Vandam ist das eine Gelegenheit, die eigene Existenz mit Sinn und Ethos aufzuladen, im Kampf für die gute Sache. Und obendrein Lucka ins Bett zu kriegen. Eine Anti-Heldenreise, während der der Film in kurzen Rückblenden die Kindheit zeigt, um anzudeuten, wie einer so geworden ist.

Das Rezeptionsproblem bei allen Filmen, die sozial zementiertes und historisch gewachsenes Lebenselend zeigen, ist der wohlige Zuschauergrusel. Zwei filmische Auswege liegen nahe, um das wohlfeile Anstieren der Prekären, Abgehängten und Kaputten auf der Arthouse-Leinwand zu unterlaufen, so gut es geht (Mischformen inbegriffen): Entweder man verfährt analytisch und bringt, in welcher Weise auch immer, den gesellschaftlichen Zusammenhang zur Anschauung, der die Menschen auf und - ganz wichtig - auch vor der Leinwand zu dem gemacht hat, was sie sind. Dann sieht man nicht die Anderen, sondern ein Verhältnis. Oder man dreht filmisch so auf, dass sich der Grusel in Entsetzen wandelt, das dann gleichfalls die Saturierten mit einschließt.

Es hat einen guten Grund, dass zum Beispiel Heinz Strunk in seinem Roman »Der goldene Handschuh« nicht nur die Untoten in der Kneipe, sondern auch eine gleichfalls zerstörte Hamburger Reederfamilie porträtiert. Oder dass in Paddy Considines Film »Tyrannosaur« die Lebenswelten des deklassierten Proletariats und des Kleinbürgertums als zwei nur unterschiedlich strukturierte Gewalträume beschrieben werden.

Schade ist, dass sich »Nationalstraße«, die Verfilmung von Jaroslav Rudiš’ Roman gleichen Titels, sich weder das eine noch das andere so richtig traut. Die schicken Vorortgegenden und ihre Bewohner*innen werden zwar einmal vorgeführt, bleiben aber genau so blass wie die depravierte Kneipenmannschaft. Ein Film mit angezogener Handbremse.

Schade vor allem deswegen, weil Rudiš’ Text es dem Leser zutraut, sich in eine Figur einzufühlen, die man nicht mögen, deren Wirklichkeit und Geschichte man aber wahrnehmen soll. Im Roman, der die Vorlage zum Film bildet, zeigt Vandam, der so genannt wird, weil er hundert Liegestütze schafft wie Jean-Claude van Damme, auch mal den Hitlergruß.

Gewalt ist im Roman das, was Vandam zusammenhält, das, was die anderen Männer von ihm erzählen werden, wenn er einmal nicht mehr da ist. Im Film hingegen wird halt ein bisschen gekloppt, meist wird weggeblendet - und diese Ausdünnung bestimmt hier die gesamte Übertragung vom Text ins Bild. Im Film geht Vandam mit Lucka ins Bett, im Buch mit Sylvia. Mit Lucka gibt es Streit, sie geht, Sylvia wird noch in derselben Nacht von ihm geschlagen. Der Antiheld im Kino hat eine harte Schale und einen weichen Kern, im Buch ist Vandam toxisch durch und durch.

Sein geschriebener Monolog ist eine konzentrierte Mischung aus sozialdarwinistischem Kriegerethos, Selbstüberhöhung und dem unterschwelligen Schmerz, der sich einstellt beim Nachdenken über das eigene Leben, und er will nichts vom Leser, außer wahrgenommen und bewundert werden. »Manchmal kommt es mir so vor, als wäre ich bei jedem Feldzug dabei gewesen, als hätte ich überall meine Finger in Blut getunkt.« Die Realität: Man bricht einem Fremden in der Kneipe fix die Nase, um die Frau hinterm Tresen zu beeindrucken.

Für diese Gewalt seiner Figur findet der Film, im Gegensatz zum Buch, keine wirklichen Bilder. Was wiederum damit zu tun hat, dass er nicht genau weiß, was er mit seiner Figur anfangen soll. Ist Vandam Opfer der Verhältnisse, ist der Mann einfach ein Arschloch, oder hat er gar einen tiefen Sinn für Gerechtigkeit, der von der Ungerechtigkeit der Welt, in der lebt, verstellt wird? Der Film (oder auch: das Drehbuch, an dem Jaroslav Rudiš erstaunlicherweise mitgeschrieben hat) meint es gut mit seinem Helden und traut dem Zuschauer weniger zu als das Buch seinen Lesern. »Wie es vibriert. Ganz sanft. Nicht in den Fäusten, sondern irgendwo ganz tief in deinem Körper«, lässt Rudiš seinen Vandam sagen. »In deinen Adern. In deinen Venen. In der Tiefe. Dort, wo dein Vulkan sitzt.« Der Film weiß nicht so recht, was er mit solchen Männern und ihren Körperwirklichkeiten anfangen soll.

»Nationalstraße«, Deutschland/Tschechien 2019. Regie: Štěpán Altrichter; Darsteller: Hynek Čermák, Jan Cina, Kateřina Janečková. 91 Min.

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