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Ein David ohne Steinschleuder

Aus der Traum: Regionalligist Saarbrücken verpasst den Einzug ins Pokalfinale gegen Bayer Leverkusen

  • Von Christoph Ruf, Völklingen
  • Lesedauer: 4 Min.

Rudi Völler erinnerte ein wenig an einen Urlaubsreisenden, wie er da mit seinem Rollköfferchen vom urigen Völklinger Stadion Richtung Auto ging. Aber natürlich wurde er von einem Rudel Journalisten erkannt, setzte brav seine Mund-Nasen-Maske auf und gab seine völlig zutreffende Sicht auf das ungleiche Duell zwischen Saarbrücken und seinen Leverkusenern zum Besten, das 0:3 geendet hatte: »Wir haben so gespielt, wie man das in einem DFB-Pokal-Halbfinale tun muss. Ich hatte schon früh das Gefühl, dass heute nichts anbrennt.«

Fürs Finale im Berliner Olympiastadion, bei dem Bayer zum zweiten Mal seit 1993 den Pokal gewinnen will, hatte Völler dann auch noch einen überraschenden Wunsch parat: »Ich habe die Hoffnung nicht aufgegeben, dass man in solch ein Riesenstadion vielleicht doch ein paar Zuschauer hineinlässt und ein Zeichen setzen will.«

Neun Wochen zuvor, am 3. März, hatte Saarbrücken noch an gleicher Stelle die ebenfalls drei Spielklassen höher angesiedelten Düsseldorfer nach Elfmeterschießen aus dem Wettbewerb geworfen.

Es war ein Spiel mit Zuschauern gewesen und wer miterlebt hat, wie ein 120-minütiger Dezibel-Orkan den Regionalligisten beflügelt hatte, musste sich am Dienstag zwangsläufig fragen, ob nicht vielleicht doch ein klein bisschen mehr als nichts für den Underdog drin gewesen wäre, wenn diesmal Besucher erlaubt gewesen wären.

So aber hätte es nicht einmal die beiden frühen Tore von Moussa Diaby (11.) und Lucas Alario (19.) gebraucht, um zu verdeutlichen, dass für Saarbrücken an diesem Abend nichts gehen würde. David war ohne Steinschleuder gegen Goliath angetreten. Dementsprechend krass war der Unterschied zwischen einer Mannschaft, die zuvor 94 Tage ohne Spielpraxis gewesen war und den Leverkusenern, die sich noch am Samstag mit dem FC Bayern gemessen hatten und ihre individuelle Überlegenheit hochkonzentriert ausspielten.

Der FCS, man muss das so pietätlos sagen, hatte nicht den Hauch einer Chance. Meistens hatte er nicht einmal die Chance, an den Ball zu kommen. In 73 der 92 gespielten Minuten hatte den der Bundesligist. Dass der es im zweiten Durchgang etwas ruhiger angehen ließ und nur noch zu einem weiteren Treffer von Karim Bellarabi kam (58.), ersparte den Saarländern eine echte Demütigung.

Leverkusens Trainer Peter Bosz analysierte dementsprechend treffend, er sei »zufrieden, weil wir das Spiel seriös angegangen haben.« Allenfalls hätte man »das eine oder andere Tor mehr schießen können.«

Lukas Kwasniok, sein hoch energetischer Saarbrücker Kollege, war dennoch sichtlich enttäuscht und blaffte einen ARD-Reporter entsprechend angesäuert an (»geistiger Dünnpfiff«), als der fragte, ob die anfängliche taktische Ausrichtung falsch gewesen sei. Das war sie nicht, aber schon die Spieleröffnung war misslungen. Der Plan hatte vorgesehen, den Ball bei eigenem Anstoß tief in der Leverkusener Hälfte ins Seitenaus zu schießen und bei Einwurf der Werkself schon nach wenigen Sekunden hoch zu pressen. Doch stattdessen landete der Ball im Toraus - es gab also Abschlag für Leverkusen. »Die erste Halbzeit war eine einzige Enttäuschung«, sagte Kwasniok. »Du hast schon gespürt, wir kommen nicht ganz hin.«

Kwasniok ist allerdings niemand, der solch eine krasse Unterlegenheit als Schicksalsschlag sehen würde. Oder eben als logische Konsequenz der Tatsache, dass bei Leverkusen doch der eine oder andere Großkönner wie der am Dienstag überragende Kerem Demirbay beschäftigt ist. »Wenn man jetzt nicht enttäuscht sein darf, dann wäre ja alles, was man vorher gesagt hat, nur eine Worthülse gewesen«, widersprach der 37-Jährige, der mit seinem Team in der kommenden Spielzeit in der Dritten Liga spielt. Doch bevor es so weit ist, wäre ein Pokalfinale eben so ganz nach seinem Geschmack gewesen: »Es war halt nur noch ein Step zu gehen bis zu einem Wunder.«

Am Mittwoch sah Kwasniok den Pokalabend schon etwas versöhnlicher. Gleich am Morgen rief er den ARD-Reporter an. »Ich habe heute Morgen direkt zum Hörer gegriffen, um Thomas Braml zu sagen, dass ich es absolut nicht persönlich gemeint habe. Zwischen uns ist da nichts hängengeblieben«, sagte Kwasniok am Mittwoch gegenüber dpa.

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