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Opfer des Faschismus vergessen

Von acht neuen Straßen in Oranienburg soll nur eine an einen KZ-Häftling erinnern

  • Von Andreas Fritsche
  • Lesedauer: 4 Min.

Im Aderluch in der Nähe der KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen baut die Bonava Deutschland GmbH 70 Reihen- und 104 Doppelhäuser sowie 13 Einfamilienhäuser. Diese Immobilien werden zu einem Preis zwischen 377 900 und 407 900 Euro verkauft. Ein Werbevideo zeigt, wie sich eine Familie in einem solchen Eigenheim eingerichtet hat. Vater, Mutter, Tochter und Sohn strahlen glücklich. Keine Freude kommt hingegen auf, was die Benennung der acht neuen Straßen in der entstehenden Siedlung betrifft. Es liegen Vorschläge einer Kommission vor, die am 22. Juni vom Oranienburger Stadtparlament beschlossen werden sollen.

Doch Gedenkstättenleiter Axel Drecoll und Andreas Meyer, Vizepräsident des Internationalen Sachsenhausen-Komitees (ISK), appellieren dringend, dies nicht zu tun. Denn auf dem Gelände befand sich ab Oktober 1942 ein Zweigwerk der Luftschiffbau Zeppelin GmbH. Zunächst etwa 150 und später bis zu 700 KZ-Häftlinge eines Außenkommandos von Sachsenhausen mussten hier während des Zweiten Weltkriegs Fesselballons fertigen und reparieren - »unter furchtbaren Bedingungen«, wie Drecoll schildert. Mit den Fesselballons sollten feindliche Bomber behindert werden.

»Uns irritiert, dass es trotz mehrfacher Interventionen der Gedenkstätte und des ISK bisher nicht möglich war, die Straßen im Neubaugebiet Aderluch nach Häftlingen des KZ Sachsenhausen zu benennen«, klagt Drecoll. Für die Überlebenden und ihre Angehörigen wäre dies aber ein »ausgesprochen wichtiges Signal«.

ISK-Vizepräsident Meyer fordert die Stadtverordneten noch einmal auf, »die Chance zu nutzen, den Verfolgten im Konzentrationslager, deren Individualität die Nationalsozialisten auslöschen wollten, durch einen Straßennamen wieder ein Gesicht zu geben«.

Doch die Bemühungen scheinen vergeblich zu sein, wie die Stadtverordnete Elke Kästner (Linke) bedauert, die in der Namenskommission gesessen hat. Dass sich auf dem Gelände ein KZ-Außenkommando befunden hat, sei der Kommission leider nicht bewusst gewesen. Die Linke hatte am Montagabend im Hauptausschuss des Stadtparlaments beantragt, über die Sache noch einmal nachzudenken. Das sei jedoch mit sieben zu eins Stimmen abgelehnt worden. Den Bauherren sei nicht zuzumuten, dass sie noch länger auf ihre Adressen warten müssen - so sei das begründet worden.

Dieses Argument kann Kästner nicht nachvollziehen. Da das Stadtparlament alle sechs Wochen tage, wäre die Verzögerung im Rahmen geblieben, meint sie. Der Aufwand, der dabei getrieben wurde, acht Namen zu finden, die man doch nicht auf die Straßenschilder im Aderluch schreiben würde, wäre nicht umsonst gewesen. Es werde noch viel gebaut in Oranienburg, und man könnte sich diese Namen aufheben für andere neue Adressen, findet Kästner.

Um ein Ungleichgewicht zu beseitigen, sollen in Oranienburg neue Straßen möglichst nach Frauen benannt werden. So fiel die Wahl in der Kommission beispielsweise auf Hildegard Busse, die bis 1990 SED-Bürgermeisterin von Oranienburg war und später Vorsitzende des Stadtparlaments. Zudem sollte eine Straße nach Ida Ihle von der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD) benannt werden. Ihle gehörte zu den ersten drei Frauen, die 1919 ins Stadtparlament von Oranienburg einzogen.

Immerhin ein KZ-Häftling wurde berücksichtigt: Rosa Broghammer. Die Frau aus dem Schwarzwald hatte 1944 ein Kind zur Welt gebracht. Der Vater war ein französischer Kriegsgefangener. Den Kriegsgefangenen erschossen die Faschisten wegen angeblicher Rassenschande, die Frau verschleppten sie erst ins KZ Ravensbrück, dann nach Sachsenhausen. Im Sommer 1945 verstarb Broghammer in Oranienburg an den Folgen ihrer Behandlung im KZ.

Dieser eine Name ist der Gedenkstätte Sachsenhausen jedoch zu wenig. Und dann ist da auch noch die geplante Gisela-Gneist-Straße. Der sowjetische Geheimdienst hatte Gisela Gneist als junge Frau im Verdacht, der faschistischen Sabotagetruppe »Werwolf« anzugehören. Sie wurde ins sowjetische Speziallager Sachsenhausen gebracht, das nach der Befreiung auf dem KZ-Gelände eingerichtet wurde. Dort hat Gneist zweifellos gelitten. Der stalinistische Terror, der besonders in den 1930er Jahren in der Sowjetunion wütete, aber bis zum Tod von Josef Stalin 1953 anhielt, darf nicht verharmlost werden. Die Gefahr besteht bei Gneist jedoch nicht. Bei ihr gibt es ein anderes Problem. Als Vorsitzende der »Arbeitsgemeinschaft Lager Sachsenhausen 1945 bis 1950« - sie war es ab 1994 - relativierte sie die Naziverbrechen, indem sie ihre Erlebnisse in Sachsenhausen mit dem Geschehen vor 1945 quasi gleichsetzte. So soll sie im Widerspruch zur historischen Forschung die hohe Zahl der im KZ Ermordeten angezweifelt und auch behauptet haben, die Sowjets hätten die Häftlinge des Speziallagers gezielt umbringen wollen: »anstatt Zyklon B Wassersuppe«. Tatsache ist, dass die Essensrationen im Lager in den Hungerjahren nach dem Krieg zeitweise extrem gekürzt worden sind. Die Sterblichkeitsrate schoss daraufhin in die Höhe. Eine Mordabsicht lässt sich allerdings nicht nachweisen, zumal die Ernährung wieder verbessert wurde.

Mit dem Holocaust ist das nicht vergleichbar. Gerade deshalb wird in Sachsenhausen an die Phasen vor und nach der Befreiung räumlich getrennt erinnert. Gedenkstätte und ISK lehnen eine Vermischung ab und haben Bedenken gegen eine Gisela-Gneist-Straße. Der Vorschlag stammt von dem Stadtverordneten Michael Ney (CDU). Zur Verteidigung von Gneist wird angeführt, sie habe das Bundesverdienstkreuz erhalten. So schlimm könne sie also nicht gewesen sein.

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