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Walbeobachter auf Sylt

Auf Deutschlands nördlichster Insel kann man die Meeressäuger von Land aus erspähen

Von Steven Hille

Wochenlang hat die Sonne die Insel verwöhnt, doch nun das: In heftigen Böen pfeift der Wind durch die Sylter Friedrichstraße und stäubt den kühlen Regen in die Gesichter der neugierigen Walbeobachter. Gegen den Wind gebeugt bahnen sie sich ihren Weg in Richtung Strand: Wer Natur erleben will, muss das aushalten können. Die Nordsee ist eh nicht als Schönwettermeer verschrien. Doch das Tosen heute übersteigt das, was der Norddeutsche gewohnt ist: Schietwetter, in Reinform!

Walforscher Fabian Ritter führt die Gruppe an. Er hat bereits erzählt, dass eigentlich glatte See und klare Sicht nötig sind, um die Schweinswale zu erspähen, die sich rund um die Insel in großer Zahl tummeln. Er selbst hat die kleinsten Wale der Erde hier schon häufig sehen können. Zuletzt bei einer Kajaktour vor der Küstenlinie. Davon hat er am Vorabend begeistert berichtet, Fotos und Videos auf dem Smartphone gezeigt und vor Zufriedenheit gestrahlt, was interessant war zu sehen - bei einem Mann, der sein Leben dem Schutz der Meere widmet und mehrere Monate im Jahr zwischen Azoren und Brasilien die Meeressäuger beobachtet. Die kleinen Wale der Nordsee bereiten Fabian Ritter sichtlich Freude.

Sylt ist vor allem deshalb ein guter Ort für Walbeobachtungen, weil man die Meeressäuger hier gut vom Land aus erkennen kann. »Die Hauptzeit ist März bis Juli bzw. August, da sind die meisten Mütter mit Jungtieren unterwegs, sodass man sie auch vom Strand sehen kann«, sagt Ritter. Die Beobachtung von festem Boden aus ist unter Umweltschutzaspekten die beste: Die Tiere werden dabei kein bisschen gestört. Wenn die Schaulustigen hingegen in Booten kommen, gibt es häufig das Problem, dass es unter Wasser zu laut wird. Zudem kommen die Boote den Tieren oft viel zu nahe, trotz aller Verbote.

Zwischen den Wellenbergen

Spätestens als die Gruppe den Zugang Westerland-Hauptstrand erreicht, wird die Vermutung angesichts des unvorteilhaften Wetters zur Gewissheit. Nordwestwind in Stärke sechs tobt sich ordentlich aus. Die milchig-grauen Wassermassen türmen sich zu Wellenbergen auf und branden schäumend ans Ufer. Die Sicht ist eigentlich in Ordnung, doch im Auf und Ab der Wellen ist ein Entdecken der kleinen Rückenflossen unmöglich.

Schweinswale werden nur anderthalb bis zwei Meter groß. Ihre dunklen Rückenflossen machen das Erkennen nicht unbedingt leichter. Zehn, fünfzehn, zwanzig Minuten wird Ausschau gehalten. Aber nichts: Auch intensives Starren durchs Fernglas bringt keinen Erfolg. Keine Chance.

»330 000 Schweinswale gibt es in der Nordsee, davon 40 000 in deutschen Gewässern«, erzählt Ritter, der als Kampagnenleiter »Meere schützen« bei der gemeinnützigen Arten- und Tierschutzorganisation, Whale and Dolphin Conservation (WDC) arbeitet. Er hat zudem mit Meer e.V. einen Verein zum Schutz der Meere gegründet und unterstützt die Internationale Walfangkommission IWC als wissenschaftlicher Berater.

Das Meer vor Sylt ist das einzige Schweinswal-Schutzgebiet der Nordsee. Bei seiner Gründung 1999 war es das erste Walschutzgebiet Europas. Hier wird versucht, Stellnetzfang zu verhindern und langfristig die Geschwindigkeit der Schifffahrt zu reduzieren. Sorgen bereitet Umweltschützern vor allem die schrumpfende Population in der zentralen Ostsee. Nur noch 450 Schweinswale leben nach aktuellen Schätzungen östlich vom Darß. Und das, obwohl Schweinswale quasi ununterbrochen Nachwuchs produzieren: Jedes Jahr wird ein Jungtier geboren. Während es gesäugt wird, wächst schon der nächste Jungwal im Mutterleib heran. Doch der Bestand in der Ostsee sinkt.

Inzwischen haben die Wal-Touristen vorerst aufgegeben. Sie sitzen in einem Café. Aufwärmen, Regenjacken trocknen, es gibt Waffeln und Kuchen. Plötzlich deutet Fabian Ritter hektisch nach oben. »Dort, ein Schweinswal!« ruft er. Alle drehen sich um. Der Walexperte zeigt auf die Speisekarte an der Wand. Dort prangt eine Walsilhouette über den Tagesangeboten. Zählt das? Gelächter. Natürlich nicht. Aber alle wünschen sich so sehr, einen echten Schweinswal zu sehen. Seltene Tierarten locken Menschen zu Safaris in afrikanischen Savannen oder die Regenwälder Asiens. Schön, auch in Deutschland die Möglichkeit zur Walbeobachtung zu haben - theoretisch.

Währenddessen betritt eine Rangerin vom Nationalpark Wattenmeer der Insel Sylt das Café. Sie wird die Gruppe auf einem Rundweg an der Küste entlangführen - vorbei an den Schweinswaltafeln, die man überall auf Sylt findet. Die Tafeln klären über den heimischen Wal auf, machen seine Bedrohung verständlich und regen zum Nachdenken an.

Kein Happy End

Es ist Zeit aufzubrechen. Dann plötzlich ein Anruf. Ritter presst sein Telefon ans Ohr. Als er auflegt, blickt er ernst: Ein toter Schweinswal sei am Strandabschnitt Samoa entdeckt worden, sagt er leise. Das komme in der Nordsee leider immer wieder vor. »Wir fahren hin!«, sagt er. Auch das gehört zum Job. Rings um Sylt schrumpft der Walbestand. Viele Tiere verenden in Stellnetzen. Dort verfangen sie sich und kommen nicht mehr zum Atmen an die Oberfläche. Sie ertrinken.

Auch der Unterwasserlärm der Boote ist eine Plage für die Tiere. Unter Stress können sich nicht mehr orientieren. Der Lärm vertreibt sie aus ihren Lebensräumen. Ab 160 Dezibel erleiden Schweinswale irreparable Hördefekte. Ein gewöhnlicher Tanker produziert Lärm in Höhe von 169 Dezibel.

Eigentlich fressen Schweinswale den ganzen Tag. Ihre kleinen Körper verbrauchen bei einer verhältnismäßig großen Oberfläche permanent Energie, um die Körpertemperatur zu halten. Doch die menschengemachte Verschmutzung der Meere mit Abfällen und Chemikalien setzt den Tümmlern zu. Was in den Städten achtlos auf der Straße landet, gelangt über Bäche und Flüsse ins Meer. Mikroplastik lagert sich massenhaft in den Mägen der Tiere ab. Sie sterben qualvoll.

Dem Tod ins Auge blicken

Im Café herrscht gedrückte Stimmung. Einen toten Wal zu beobachten, hatte niemand vorgehabt. Mit dem Bus geht es an den Strand südlich der Ortschaft Rantum. Dort haben sich die Wolken düster zusammengezogen - als wollte der Himmel Abschied nehmen. Wir halten wieder Ausschau. Nördlich der Bushaltestelle erspäht Ritter mit dem Fernglas ein graues Häufchen. Das muss der tote Wal sein. Unbeachtet von den Strandspaziergängern liegt der Kadaver im Sand. Nur einige Möwen zeigen Interesse an dem Tier. Aasfresser. Sie haben Zunge, Augen und Wangen bereits verzehrt. Kein schöner Anblick. Aber so ist die Natur. Nichts geht verloren, alles ist ein Kreislauf.

Woran der Wal gestorben ist, kann Ritter nicht erkennen. Es gebe keine offensichtlichen Anzeichen, sagt er. Aber er erkennt sofort, dass es sich um ein weibliches Jungtier handelt. Vermutlich im letzten Jahr geboren, weniger als einen Meter groß. Ein kurzes Leben: Zwölf Jahre oder mehr hätte dieses Walkalb noch vor sich gehabt.

Es ist schwer, den Blick von dem toten Kalb zu lösen. Man sieht die kleinen Zahnreihen und den von Möwen freigepickten Kiefer, der dem Schweinswal via Echolot Orientierung verschafft. Eine dicke Fettschicht ist erkennbar. Und man erahnt am Unterleib die kleinen Falten, hinter denen sich die Zitzen verbergen, mit denen Schweinswale unter Wasser säugen können. Was für ein beeindruckendes Tier. Ein Tier, das unbedingt mehr Schutz benötigt, damit auch in Zukunft noch Schweinswale in Nord- und Ostsee leben.

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