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Maya-Kultur auf dem Radar

Die Untersuchung jüngst entdeckter Ruinenkomplexe ändert das Bild von der Entstehung der Kulturen in Mesoamerika. Von Andreas Knudsen

Von Andreas Knudsen

Als John Lloyd Stephens und Frederick Catherwood ab 1841 die Ruinen der Maya-Zentren Copán, Palenque, Uxmal und weitere versunkene Städte entdeckten, war das eine Sensation. Endlich waren die Zentren jener sagenhaften Kultur, von der Konquistadoren wie Hernando Cortéz berichtet hatten, wiederentdeckt. Die beiden Männer mussten sich wochenlang durch den Urwald hacken, um Gerüchten über verschollene Städte nachzugehen. So blieb es auch in den folgenden Jahrzehnten, bis im 20. Jahrhundert neue Technologien die Suche wesentlich vereinfachten. LIDAR, eine Art Laser-Scan aus der Luft, der Geländeprofile erstellt und dabei die deckende Vegetation aus dem Bild rechnet, ist so eine. Gleichzeitig registriert das Verfahren die exakten Koordinaten und erspart Archäologen mühevolle Arbeit, um die Eckpunkte von Gebäuden von Bewuchs freizulegen und dann zu vermessen. Anfang 2020 fand beispielsweise eine Forschergruppe mithilfe von LIDAR bisher unbekannte Straßensysteme auf Yukatan, die eine Reihe wohlbekannter Maya-Kultzentren verbanden.

Vor drei Jahren machten Archäologen der Universität von Arizona unter der Leitung von Takeshi Inomata mit Hilfe von LIDAR eine noch größere Entdeckung. Sie fanden 21 bisher unbekannte Maya-Zeremonialzentren im mexikanischen Bundesstaat Tabasco dicht an der Grenze zwischen Guatemala und Mexiko. Die größte Stätte ist Aguada Fénix, dass aus einem künstlich aufgeschütteten, rechteckigen Plateau von 1,4 Kilometern Länge, 400 Metern Breite und 10 bis 15 Metern Höhe besteht. Angeschlossen an den Rändern sind kleinere Plattformen. Diese »E-Gruppe« genannte Bauweise ist als die älteste Form der Zeremonialplattformen der Maya bekannt. Das Volumen der Plattform wird auf 3,2 bis 4,3 Millionen Kubikmeter geschätzt und macht sie in dieser Hinsicht zum größten Maya-Bauwerk überhaupt. In kurzem Abstand von der Plattform auf halber Länge wurde ein pyramidenförmiger Hügel errichtet. Von hier aus konnten die Bewohner von Aguada Fénix beobachten, wann die Sonne an den Ecken der Plattform aufging und damit Frühlings- und Herbstgleiche bestimmen - wichtige Daten für Saat und Ernte. Zur Plattform führen über Rampen insgesamt neun Straßen. Die längste ist 6,3 Kilometer lang. In der weiteren Umgebung liegen andere, kleinere Plattformen sowie Wasserbecken.

Inomatas Gruppe suchte zielgerichtet mit dem LIDAR nach solchen E-Gruppen-Bauten, um eine geografische Lücke zwischen der Olmeken-Kultur weiter westlich und Petén, dem Maya-Herzland östlich von Tabasco, zu schließen. Obwohl zwischen zwei bekannten Kulturzentren gelegen, ist Tabasco von Archäologen in den vergangenen Jahrzehnten eher vernachlässigt worden.

Die vorläufige Datierung des Baubeginnes von Aguada Fénix auf etwa 1200 bis 1000 Jahre v. u. Z. macht die Maya-Kultur auf einen Schlag wenigstens 500 Jahre älter als bisher angenommen. Und nicht genug damit - die Aufstiegsphase der Maya-Kultur fiel zusammen mit der mittleren und Endphase der benachbarten Olmeken-Kultur. Deren älteste Fundstelle San Lorenzo Tenochtitlán, nicht zu verwechseln mit der Hauptstadt der 2400 Jahre später lebenden Azteken, wird auf 1400 bis 1200 v. u. Z. geschätzt. Damit liefert die Datierung von Aguada Fénix neuen Stoff für die alte Diskussion, ob die Olmeken-Kultur die Mutterkultur aller mesoamerikanischen Kulturen war oder ob es Parallelentwicklungen und gegenseitige Beeinflussung gab. Die Plattform-Bauweise hat ihre Wurzeln in der Olmeken-Kultur, während die in Aguada Fénix gefundene Keramik eher auf Maya-Wurzeln deutet. Ähnlich wie die Olmeken importierten auch die Einwohner von Aguada Fénix Obsidiansteine aus dem Bergland von Guatemala, um daraus Werkzeuge herzustellen. Die Theorie der Mutterkultur wurde auf einer Archäologiekonferenz 1942 wohl nur deshalb aufgestellt, weil es außerhalb der Vorstellungswelt der Forscher jener Zeit lag, dass die gleiche Entdeckung mehrfach gemacht worden sein könnte. Thor Heyerdals Theorie, dass der Pyramidenbau durch Seefahrer global bekannt gemacht wurde, ist ein Beispiel für diese Vorstellung.

In einem Punkt unterscheidet sich die Zeremonialstätte Aguada Fénix jedoch wesentlich von der Olmeken-Kultur und den späteren Phasen der Maya-Kultur. Typischer Ausdruck der Olmeken-Kultur sind die riesigen, bis 25 Tonnen schweren Kolossalköpfe, vermutlich Porträts von Priestern. Andere Statuen zeigen Mensch-Jaguar-Figuren, die in Altären oder auf Thronen platziert sind. Die Olmeken waren offensichtlich bereits hierarchisch organisiert, aber in Aguada Fénix konnten keine Anzeichen einer solchen gesellschaftlichen Differenzierung gefunden werden. Üblicherweise wird angenommen, dass der Bau von Kultzentren durch Eliten initiiert wurde, die große Gruppen zur Arbeit inspirieren und organisieren konnten. Im Fall von Aguada Fénix waren 10 bis 13 Millionen Arbeitstage notwendig, um die Plattform zu errichten. Dies ist eine imponierende Arbeitsleistung einer Bevölkerung, die gerade begonnen hatte, sesshaft zu werden und auf jeden Fall periodisch Wohnsitz und Felder wechseln musste, um ihren Lebensunterhalt zu erarbeiten. Zweifellos gab es Personen, die Wissen genug hatten, um die Tag- und Nachtgleiche als wichtige Eckdaten für den Ackerbau mit astronomischen Beobachtungen zu bestimmen. Trotz dieses Spezialwissens und ihrer Fähigkeit, Arbeit im großen Maßstab zu organisieren, konnten sie daraus anscheinend noch keine Privilegien ziehen und sich bessere Wohnsitze bauen zu lassen. Hier könnte es Parallelen zu Stonehenge in England und Göbekli Tepe in der Türkei geben, wo verstreut lebende Bevölkerungsgruppen sich kultische Zentren schufen. Der endgültige Beweis steht aber noch aus.

Die Untersuchungen der nächsten Jahre müssen noch zeigen, ob die Maya-Kultur eher in Tabasco als in Petén entstanden war, wie Inomatas Gruppe glaubt. Nach deren Überzeugung hatte sich dann nach mehreren Hundert Jahren das Zentrum der Maya-Kultur in das Petén-Gebiet verlagert, wo so berühmte Kultzentren wie Palenque und Tikal entstanden.

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