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Antifa

Es begann in Minneapolis

Trump will »die Antifa« verbieten - doch wer verbirgt sich in den USA dahinter?

Von Florian Schmid

Neuerdings ist sie auch in den USA allgegenwärtig, die »Antifa«. Zumindest in der Welt von Donald Trump. Der US-Präsident hat angesichts der militanten George-Floyd-Proteste nicht nur angekündigt, »die Antifa« als Terrororganisation bekämpfen zu wollen. Er hat ihr nun auch ein vermeintliches Gesicht gegeben: das von Martin Gugino, eines 75-jährigen Demonstranten, den Polizisten in Buffalo jüngst brutal zu Boden stießen. Der Mann, twitterte Trump, sei wohl ein Kader der »Antifa« in geheimer Mission. Er sei »härter gefallen, als er gestoßen wurde« - Zeichen einer »Inszenierung«?

Dass dem so nicht war, sondern es sich nur um einen langjährig engagierten Bürger handelte, der überdies zu friedlichen Protesten aufrief, versteht sich zwar fast von selbst, wenn der Absender der Verdächtigung Donald Trump heißt. Dennoch kann man sich fragen, wer eigentlich die amerikanische Antifa sein soll. Gibt es die wirklich? Seit wann? Funktioniert sie ähnlich wie hierzulande? Ließe sich eine solche dezentral organisierte, subkulturell funktionierende Bewegung überhaupt verbieten?

Politimport aus Deutschland

Während in Westdeutschland erste überregionale Antifa-Organisierungen bis in die späten 1970er Jahre zurückreichen, gibt es das Label Antifa für linksradikale Politgruppen in den USA erst seit 2007. Laut dem Historiker Mark Bray von der Rutgers University, der selbst als Aktivist an Occupy Wall Street beteiligt war, gründete sich 2007 mit der »Rose City Antifa« (RCA) in Portland - der »Stadt der Rosen« - die erste amerikanische Gruppe, die explizit Antifa im Namen trägt. Bray hat 2017 mit »Antifa: The Anti-Fascist Handbook« ein in den USA auch von bürgerlichen Medien besprochenes Sachbuch veröffentlicht. Dieses Antifahandbuch ist immerhin real - und nicht zu verwechseln mit der derzeit durch rechte Medien geisternden Legende von einem geheimen »Antifa-Manual«, das ein Aktivist aus Oregon verloren haben soll und das angeblich den vielfach mythisierten Milliardär George Soros als Hintermann der Antifa outet.

Brays Buch bietet nicht nur einen Überblick der internationalen Antifabewegung der vergangenen Jahrzehnte, sondern plaudert in anonymisierter Form auch einige interessante Szeneinterna aus. So zitiert Bray einen Aktivisten jener Pionier-Gruppe aus Portland mit den Worten, der Antifa-Ansatz sei »von den meisten Linken« in den USA lange als »durchgeknalltes Nischenhobby und Zeitverschwendung« gesehen worden. Dass »Antifa« dergestalt lange als exotisch galt, mag auch damit zu tun gehabt haben, dass laut Bray eine nicht unerhebliche Zahl der Mitglieder dieser Gruppe aus Europa stammte oder europäische Erfahrungen hatte.

Demnach trugen besonders die Proteste gegen das Treffen der G8-Staaten in Heiligendamm 2007 maßgeblich zu einer Orientierung an bundesdeutschen Antifastrukturen bei. Ausgehend von dem Nukleus in Portland bildeten sich um 2010 auch andernorts in den USA explizite Antifagruppen, etwa die »NYC Antifa« in New York oder das »Hoosier Anti-Racist Movement« (HARM), das auch als »Indiana Antifa« firmiert - und 2012 mit knapp zwanzig Personen in einer Kommandoaktion eine Versammlung der rassistischen »Illinois European Heritage Association« in einem Restaurant mit Baseballschlägern attackiert haben soll. Diese Aktion wird auch in einem Kongresspapier von 2018 erwähnt, das auf Expertise der Bundespolizei FBI basiert und eine Übersicht zu militanten Antifa-Aktionen bietet. Demnach überwacht das FBI diese Gruppen wegen des Verdachts auf »domestic terrorism«. Eine abschließende Bewertung steht aus.

Zu einem Gründungsboom lokaler »Antifas« kam es ab 2015. Doch sind diese in der Regel von derart spektakulären, breit wahrgenommenen Aktionen wie jenem Angriff auf die Rassistenversammlung weit entfernt. Meist werden Nazis auf Webseiten geoutet, Plakate und Flyer geklebt, Demonstrationen gegen rechte Treffen und Aufmärsche organisiert, deren Zahl in den USA seit der Obama-Administration deutlich gewachsen ist. Es finden aber auch überregionale Vernetzungen und Konferenzen statt.

Diese jüngst sprunghafte Ausbreitung der Antifa hat natürlich mit Trump zu tun. Doch gibt es Vorläufer: Gerade von der Punk- und Hardcoreszene von Minneapolis - der nun im Zusammenhang mit der Tötung George Floyds im Fokus stehenden Metropole von Minnesota - ging in den späteren 1980er Jahren der Impuls zur Gründung des Netzwerks »Antiracist Action« (ARA) aus, das formal bis 2013 existierte. Ein weiterer Ausgangspunkt dieses Bewegungsformats war Chicago - sowie Portland, wo Anfang der 1990er eine ARA-Gruppe entstand, die 2007 in die erwähnte Rose City Antifa mündete.

Ähnlich wie bei vielen deutschen und europäischen Antifagruppen dieser Zeit ging es zunächst um subkulturellen Selbstschutz vor zugleich aufkommenden Neonazi-Skinhead-Gruppierungen. Die ARA, die auch nach Kanada expandierte - wo ihre Aktivisten um 2005 an den Mobilisierungen zur Auslieferung des Holocaustleugners Ernst Zündel in die Bundesrepublik mitwirkten -, wird auch in jenem Kongressbericht als Vorläufer der Antifa bezeichnet. 1997 nahmen Vertreter der ARA Minneapolis sogar an einem großen Antifakongress in London teil, wo sie auch auf die damals hierzulande für ihre Militanzästhetik bekannte »Antifa (M)« aus Göttingen trafen. Doch fand das Label Antifa in den USA lange keine Verwendung, womöglich aus historischen Gründen.

2013 aber entstand aus der ARA das »Torch Network« (Fackelnetzwerk), das jährlich Konferenzen abhält und unter anderem Gruppen wie die »Philly Antifa« aus Philadelphia, die »Rocky Mountain Antifa«, die »South Side Chicago Anti-Racist Action« und die »Antifa Seven Hill« aus Richmond organisiert. Andere Gruppierungen, etwa die erwähnte »NYC Antifa« oder die laut Mark Bray vor allem aus Schwarzen und Latinos bestehende Gruppe »Smash Racism DC« in der Hauptstadt stehen mit »Torch« in Verbindung, sind aber formal nicht involviert.

Jene Washingtoner Gruppe sorgte für Furore, als sie am Vorabend von Trumps Inauguration eine Feier der Alt-Right-Bewegung förmlich belagerte; Neofaschisten im Smoking wurden mit Eiern beworfen und Trump-Devotionalien verbrannt. Bei den Demos rund um die Vereidigung am Folgetag agierte auch ein mehrere Hundert Köpfe zählender »Schwarzer Block«, der die Scheiben von McDonalds-, Starbucks- und von Filialen der Bank of America einwarf sowie eine teure Limousine in Brand steckte. Dabei wurde der Neofaschist Richard Spencer, der den Begriff »Alt-Right« für die neue Rechte in den USA prägte, von Vermummten attackiert. Bilder davon verbreiteten sich rasend im Netz. Mehr als 230 Menschen wurden festgenommen, aber nicht einer gemäß der hohen Strafforderung der Staatsanwaltschaft (»felony rioting«) verurteilt.

Behelmt, bewaffnet, vermummt

Danach kam es vielerorts zu abendlichen Spontandemos vor allem jüngerer Menschen, die Parolen wie »No Trump, no KKK, no fascist USA« riefen. Wieder verbreiteten sich Aufnahmen davon Netz und trugen zum erwähnten Antifaboom bei - wie auch ein mehrstündiger Krawall, mit dem militante Antifas zwei Wochen nach der Vereidigung einen Auftritt des damaligen »Breitbart«-Redakteurs Milo Yiannopoulos an der kalifornischen Uni Berkeley verhinderten. Rund um diese traditionell linke Hochschule kam es 2017 immer wieder zu Antifa-Aktionen.

Zum household name wurde die Antifa indes nach den weltweit beachteten Geschehnissen in Charlottesville (Virginia). Dort kam es im Juni 2017 bei Protesten gegen einen rechten Sammlungsmarsch zu schweren Zusammenstößen; viele Demonstranten wurden teils schwer verletzt und die 32-jährige Heather Heyer getötet, als ein Alt-Right-Aktivist mit seinem Auto in die Gegendemonstration raste. Danach thematisierten US-Medien ausführlich die Antifa - der noch zehn Jahre zuvor selbst in der Linken marginale Begriff wurde zur landesweiten Marke.

Charlottesville zeigte freilich auch, dass die Antifa in den USA keine Massenbewegung ist. Zur rechtsradikalen Demo waren etwa 500 Personen erschienen, zu den Gegenprotesten etwa 1000 - obwohl neben Antifas auch Akteure wie Black Lives Matter, die Democratic Socialists of America sowie Gewerkschaften und andere linke Gruppen aufgerufen hatten. Zum Vergleich: Auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzungen um das Andenken der Bombardierung Dresdens kamen 2011 etwa 5000 Rechtsradikale, 20 000 protestierten dagegen.

So sind die Aktionen der US-Antifa bisher quantitativ eher bescheiden. Allerdings erreichen sie oft eine Qualität, die wiederum hierzulande selten geworden ist. So zeigten Anti-Nazi-Demos 2017 in Oakland und 2016 in der kalifornischen Hauptstadt Sacramento eine teils drastische Straßenmilitanz. Zudem erlaubt das Versammlungsrecht in den USA eine ganz andere Demosymbolik als in Deutschland: Es marschierten jüngst nicht nur schwer bewaffnete Rechte gegen Corona-Maßnahmen auf. Auch Antifas ziehen teils vermummt in Schwarzen Blöcken mit Helmen und Schlagstöcken umher, was hierzulande inzwischen undenkbar ist.

Am Ende zeigt sich ein Körnchen Wahrheit in Trumps »Theorie«, die George-Floyd-Riots gingen auf »die Antifa« zurück: Minneapolis ist nicht nur Ausgangspunkt der jetzigen Proteste, sondern auch der US-Antifa - und wies laut Bray 2017 eine 140-köpfige Abteilung des »General Defense Committee« der traditionsreichen Basisgewerkschaft IWW (»Industrial Workers of the World«) auf, in der auch ein Antifaausschuss operiert. Diese »Wobblies« besetzten schon 2015 mit lokalen Aktiven von Black Lives Matter 18 Tage den Platz vor einem Polizeirevier, nachdem der Afroamerikaner Jamar Clarke bei einer Kontrolle erschossen worden war.

Dennoch können nun die aufstandsartigen Proteste gegen strukturellen Rassismus und Polizeigewalt insgesamt kaum auf »die Antifa« zurückgehen, die auch das FBI für einen dezentralen, losen Zusammenschluss eigenständiger Gruppen hält. So bleiben Trumps Attacken vor allem ein Ablenkmanöver - das freilich zeigt, wie sehr Amerikas Rechte jene wachsende antifaschistische Organisierung inzwischen fürchtet.

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