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Heult doch!

Der Filmklassiker »Vom Winde verweht« verschwindet für eine Weile von einer US-amerikanischen Streamingplattform. Die Empörung darüber ist albern.

  • Von Susanne Romanowski
  • Lesedauer: 3 Min.
Foto: Unsplash/Marcos Paulo Prada
Foto: Unsplash/Marcos Paulo Prada

Der Streamingdienst »HBO Max« entfernte das Drama »Vom Winde verweht« am Mittwoch übergangsweise aus seinem Angebot. Der Film zeige »rassistische Vorurteile, die damals schon falsch waren und es bis heute sind«. Damit reagierte die Plattform auf die Proteste nach dem Mord am Afroamerikaner George Floyd und die Forderungen des Drehbuchautors John Ridley. Dieser hatte in einem Artikel in der »Los Angeles Times« von HBO gefordert, das Liebesdrama vorerst aus dem Angebot zu nehmen. Der Film wurde daraufhin umgehend zum Verkaufsschlager auf Amazon. In den Bestsellerlisten des Onlinehändlers lag er am Mittwochabend in der Abteilung »DVD und Blu-Ray« in den Vereinigten Staaten und in Großbritannien auf dem ersten, in Deutschland auf dem zweiten Platz (inzwischen Platz vier). Vielleicht haben einige Spontankäufer*innen ja die entscheidende Information aus der Presseerklärung überlesen: Der Film werde bald wieder verfügbar sein, allerdings eingebettet in eine »Diskussion um seinen historischen Kontext«. Wahrscheinlicher ist, dass viele gerade Weiße genau diese Diskussion vermeiden wollen.

Der 1939 veröffentlichte Film spielt zur Zeit des Amerikanischen Bürgerkriegs, dessen Hauptkonflikt darin bestand, dass die Nordstaaten die Sklaverei abschaffen und die Konföderierten Staaten im Süden sie aufrechterhalten wollten. Nun steht die Protagonistin Scarlett O’Hara, deren komplexe Lebens- und Liebesgeschichte über knapp vier Stunden ausgebreitet wird, auf der falschen Seite der Geschichte. Sie ist die Tochter eines Baumwollplantagenbesitzers. Sklaverei wird jedoch kaum thematisiert, schon gar nicht kritisch, denn - was ein Glück! - die schwarze Haushälterin und ehemalige Sklavin arbeitet freiwillig und loyal weiter für die O’Haras. Für ihre Rolle der »Mammy« - kein Name, sondern eine Bezeichnung für ein schwarzes Kindermädchen - bekam Hattie McDaniel als erste afroamerikanische Person überhaupt einen Oscar. Dass die Geschichte der Gutsherrin Scarlett O’Hara nun wieder auf so breites Interesse stößt, ist wahrscheinlich als Protest zu verstehen. Die zu Warner Media gehörende Streaming-Plattform hätte den Film aus Sicht der Käufer*innen nicht vom Netz nehmen sollen, nein, nicht einmal kurz.

Bloß: Vergessen wird, dass niemand den Film zensieren will, im Gegenteil. Anders als viele der glorifizierenden Statuen von Konföderierten und Kolonialherren, die derzeit weltweit von ihrem hohen Ross heruntergezogen und in Kanäle befördert werden, taugt der Film durchaus zu einer kritischen Auseinandersetzung mit der US-Geschichte. Besser als jeder andere Film, schreibt etwa die afroamerikanische Autorin Angelica Jade Bastién, porträtiere »Vom Winde verweht« den beschönigenden Mythos, den die weiße Mehrheitsgesellschaft in den USA um die Sklaverei heraufbeschworen habe. Würde man diesen Film der Vergangenheit überlassen, so Bastién weiter, könnte vergessen werden, wie viel seines rassistischen Gedankenguts bis heute andauert.

Eine kritische Einordnung von »Vom Winde verweht« läutet also nicht das Ende der Meinungsfreiheit ein, sondern höchstens das Ende der Deutungshoheit einer einzigen gesellschaftlichen Gruppe. Der Reflex, den gesellschaftlichen Wandel mit einer pseudoheroischen Kaufentscheidung aufhalten zu wollen, ist kindisch. Er zeigt aber auch, wie sehr einige Weiße schwarze Stimmen mit banalen Befindlichkeiten klein halten wollen. Der Weg hin zu einer antirassistischen Gesellschaft (übrigens nicht nur in den USA!) bleibt ein langer und beschwerlicher, wenn einige bockige Weiße immer wieder stehen bleiben und anfangen, wegen Nichtigkeiten zu weinen.

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