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Volkswirtschaften am Tourismus-Tropf

Massentourismus gehört zu den wichtigsten Wirtschaftszweigen nicht nur in Europa. Tiefe Einbrüche infolge der Coronakrise bedrohen weltweit Millionen Arbeitsplätze

  • Von Hermannus Pfeiffer
  • Lesedauer: 4 Min.
Grenzöffnungen in Europa: Volkswirtschaften am Tourismus-Tropf

Keine Branche dürfte über eine längere Wertschöpfungskette verfügen als der Tourismus. Damit aus der Pauschalreise nach Kroatien, die jemand in Berlin bucht, ein mehr oder weniger angenehmer Sommerurlaub wird, müssen unzählige Menschen mitwirken: von der Fachfrau im Reisebüro über den Lokführer im ICE bis zum Hotelmanager am Zielort in Kroatien. Das Hotel kauft im lokalen Handel, seine Gäste essen in benachbarten Restaurants, beschäftigen Stadtführer, Eisverkäufer und Eseltreiber.

Im Hintergrund arbeiten Tellerwäscher, IT-Experten und Reinigungskräfte. Studierende finanzieren mit Ferienjobs ihre Ausbildung. Einen großen Teil der Arbeit, vor allem am hinteren Ende der grenzüberschreitenden Wertschöpfungskette, verrichten Wanderarbeiter, die für eine Saison anreisen. Von deren Geldüberweisungen in die Heimat profitiert wiederum der Einzelhandel in Montenegro oder Rumänien.

Diese Kaskade wurde Mitte März durch die Anti-Corona-Maßnahmen abrupt unterbrochen. Was bis vor kurzem vielerorts einfach zu viel war, Kritiker sprachen von »Overtourism«, war plötzlich viel, viel zu wenig. Millionen Menschen verloren ihre Beschäftigung - mit, meist aber ohne Kurzarbeitergeld.

Hart traf es Volkswirtschaften, die besonders stark auf Tourismus ausgerichtet sind, wie diejenige Kroatiens. Kein anderes EU-Land ist so abhängig von Reiselustigen. 11,4 Prozent beträgt der direkte Anteil des Tourismus am Bruttoinlandprodukt (BIP) des Landes. Damit ist die Urlaubsindustrie für Kroatien wichtiger als die Autobranche für Deutschland. Dies ist keine Ausnahme: Auch die Wirtschaft von Island, Portugal, Griechenland und Ungarn hängt am Tourismus-Tropf.

Mittlerweile werden in Island jedes Jahr rund 4400 Euro pro Kopf direkt durch den Tourismus erwirtschaftet, hat das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) ermittelt. Aus Zahlen der Industriestaatenorganisation OECD geht zugleich aber hervor, dass Urlaub vielerorts weiterhin mit Dumpinglöhnen verbunden bleibt. So arbeiten 12,4 Prozent aller Spanier im Massentourismusgeschäft, doch beträgt der Anteil an der Wirtschaftsleistung des Landes »nur« 6,4 Prozent. In Frankreich, ein weiteres großes EU-Land mit hohem, wenngleich hochpreisigem Tourismusanteil, ist das Verhältnis zwischen wirtschaftlicher Leistung und Entlohnung dagegen ausgeglichen. Aber auch Frankreichs Wirtschaft leidet in der Coronakrise unter der besonderen Abhängigkeit vom Fremdenverkehr. Mit 7,5 Prozent des BIP ist der Sektor doppelt so bedeutend wie in Deutschland.

Auf dem Höhepunkt der Coronakrise im Mai klagten Lobbyorganisationen und Gewerkschaften in Europa besonders laut ihr Leid. Selbst die insgesamt finanzstarke Urlaubsindustrie in Deutschland fürchtete eine »existenzbedrohende Situation«, so Norbert Fiebig, Präsident des Deutschen Reiseverbandes (DRV). Es fehlten nicht nur Neubuchungen. Hinzu kamen die enormen Belastungen der Branche durch Rückholaktionen und vor allem die Rückabwicklung bereits gebuchter Reisen. Das im Juni von der Bundesregierung beschlossene Konjunktur- und Krisenbewältigungspaket enttäuscht Fiebig: »Die politisch Verantwortlichen haben offenkundig noch immer nicht Ausmaß und Dramatik der Krise in der Reisewirtschaft verstanden.«

Das letzte Wort dürfte da allerdings noch längst nicht gesprochen sein. So trifft sich der niedersächsische Wirtschaftsminister Bernd Althusmann (CDU) diesen Montag mit der Konzernspitze von TUI zu »einem ersten Gespräch«. Der weltgrößte Reisekonzern ist in Hannover zu Hause.

Offenbar schon eingepreist wurde der Tourismusfaktor von der Europäischen Kommission. Im EU-Konjunkturpaket schneiden besonders wirtschaftsschwache Länder mit besonders hoher Arbeitslosigkeit - und das sind häufig besonders beliebte Urlaubsziele - unterm Strich besser ab.

Vergleichsweise besonders groß könnte die EU-Hilfe für Kroatien ausfallen. Das jüngste Unionsmitglied hat die Ratspräsidentschaft inne und koordiniert die Gespräche zwischen den Staaten. Nach dem Vorschlag der Kommission kann das Land mit Darlehen und Transfers in Höhe von zwölf Milliarden Euro rechnen. Das entspricht stattlichen 22 Prozent der kroatischen Wirtschaftsleistung im vergangenen Jahr.

Über die finanzielle Feuerkraft der EU verfügen Entwicklungs- und Schwellenländer nicht. Die Welttourismusorganisation UNWTO rechnet mit einem Einbruch der zweitgrößten Industrie in diesem Jahr um 70 Prozent. Weltweit seien dadurch über 100 Millionen Jobs gefährdet. Besonders schwierig ist die Situation daher für ein Dutzend ärmere Länder, die noch weit stärker als Kroatien vom Tourismus abhängen.

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