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Pflegebedürftige am Rand der Gesellschaft

Die Deutsche Stiftung Patientenschutz sieht ältere Menschen während der Coronakrise als diskriminiert an

  • Von Lisa Ecke
  • Lesedauer: 3 Min.

Wie ergeht es Corona-Risikopatienten jetzt nach den Lockerungen?

In den Pflegeeinrichtungen lebt die Hochrisikogruppe auf engstem Raum zusammen. Für die 800 000 Menschen dort hat sich infolge der Lockerungen kaum etwas verändert. Selbst dann nicht, als Betretungsverbote für die 11 200 Heime aufgehoben wurden. Ohne Zweifel ist das Virus für die Bewohner hochgefährlich. Doch Einrichtungen zu Hochsicherheitszonen auszubauen, kann keine Lösung sein.

Welche Forderungen haben Sie an die Politik?

Die Bundesländer müssen den Pflegeeinrichtungen einheitliche Vorgaben machen. Das ist aktuell nicht der Fall. Es braucht daher dringend ein Konzept, das den Menschen in den Heimen mehr Teilhabe am öffentlichen Leben ermöglicht und nicht weiter einschränkt.

Dazu gehören systematische, wöchentliche Testungen von Pflegebedürftigen und Altenpflegekräften. Diese sind aber kein Ersatz für einen sicheren Infektionsgrundschutz. Außerdem ein Monitoring, das zeigt, wer mit wem wann in der Einrichtung Kontakt hatte. Vorgeschrieben werden muss zudem eine klare Trennung von Infizierten, Nichtinfizierten und Menschen, deren Testergebnis noch nicht vorliegt. Derzeit werden alle Heimbewohner in der Regel gleichermaßen beschränkt. Doch das ist vollkommen unverhältnismäßig.

Ein Öffnungskonzept kann nur mit einer geringeren Bettenauslastung in den Heimen realisiert werden. Seit Beginn der Pandemie ist das geübte Praxis in den Krankenhäusern. Diese Flexibilität fehlt in den Pflegeeinrichtungen. Aktuell wird eher zugemacht, auch wenn es keine Infektionen gibt. Das ist keine Lösung.

Ist das auch nach den Lockerungen jetzt so? Viele Heime bundesweit sind inzwischen wieder offen für Besucher.

Ja, das ist auch jetzt noch so. Am bundesweiten Patientenschutztelefon erreichen uns aktuell dramatische Schilderungen von Angehörigen. Kurze Spaziergänge in der Umgebung und spontane Besuche bleiben in den Heimen die Ausnahme. Auch notwendige Therapien oder Dienstleistungen wie die Fußpflege können wegen den strengen Hygieneregelungen kaum erfolgen. Die Konsequenzen sind Vereinsamung und Isolation. Das hat mit Lebensfreude, Selbstbestimmung oder Menschenwürde nichts zu tun. Oft erleben wir auch Frust. Pflegebedürftige schauen aus dem Fenster, sehen dort die Pflegekräfte ohne Mundschutz eng zusammenstehen. So gelangt das Virus durch die Hintertür in die Heime. Warum Angehörigen der Zugang erschwert wird, ist für die Betroffenen nicht nachvollziehbar.

Sollte bei den Leitlinien zwischen Menschen differenziert werden, die das Coronariskio einschätzen können und Menschen, die dazu krankheitsbedingt nicht in der Lage sind? Die etwa nicht verstehen, dass sie sich oft die Hände waschen sollten?

Mit einer Aufteilung in drei Bereiche in jeder Pflegeeinrichtung wird jeder in den Blick genommen. Es darf nicht vergessen werden, dass 70 Prozent der Pflegeheimbewohner dementiell erkrankt sind. Diese Menschen müssen besonders gestützt und geschützt werden.

Besteht überhaupt ein Weg, über die föderale Zersplitterung hinauszukommen, sodass Gesundheitsämter beziehungsweise Bundesländer nicht mehr individuell über Lockerungen entscheiden?

Die Möglichkeit besteht, wenn die Gesundheitsminister der Länder endlich verbindliche Richtlinien erlassen. Momentan gibt es für jedes Heim ein individuelles Konzept. Angehörigen dieses Vorgehen begreiflich zu machen, ist schier unmöglich. Hinzu kommt, dass das Verhältnis zwischen den Gesundheitsämtern, Heimbetreibern, Sozialämtern und der Heimaufsicht sehr angespannt ist. Aus Angst vor den Konsequenzen bei einem Virusausbruch handeln Pflegeheimbetreiber bisher eher restriktiv.

Werden ältere Menschen durch die Regelungen diskriminiert?

Ja, eindeutig. Wir erleben, dass selbst ehemalige Bischöfinnen mit geistreichen Vorschlägen zum Thema vollkommen an der Realität vorbeidiskutieren. In Pflegeheimen leben schließlich keine Luxusrentner. Aktuell werden Pflegebedürftige an den Rand der Gesellschaft gedrängt.

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