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Die Verdrängung des Todes ist potenziell tödlich

Best of Menschheit, Folge 24: Alkohol und Drogen

  • Von Tim Wolff
  • Lesedauer: 3 Min.

Der Mensch lebte die meiste seiner Zeit im Filmriss. Was immer er so angestellt hat, nackt in der Steppe - ein paar Hunderttausend Jahre lang wusste er hinterher nicht, was vorher war. Dann begann er, sich Notizen zu machen, an Höhlenwände Krakelzeichnungen zu setzen, die heute noch überdurchschnittliche Bierdeckelillustrationen abgäben. Später wurden aus den Tier- und Menschenabbildungen Symbole mit halbwegs konstanter Bedeutung, damit die prahlerischen Geschichten von Kerlen über den Tag hinaus Bestand finden konnten. Wahrheit und Fiktion gingen dabei wild durcheinander, aber es lag wohl so viel Spaß und Bedeutung darin, dass der Aufwand, Schrift zu entwickeln und zu verbreiten, sich lohnte.

Die menschliche Spezies in ihrer Gesamtheit hinterlässt bis heute, da die letzte Runde naht, den Eindruck einer weit über den Durst alkoholisierten Kneipenfigur - auf sich selbst fixiert, im Wechsel aggressiv und weinerlich, im Zweifel rassistisch und übergriffig, und herzlich nur, wenn es sentimental oder rudelbildend wird -, ist also stets auf dem Sprung zur nächsten Aggression.

Da ist es nur konsequent, dass der Homo sapiens Alkohol zu seiner erfolgreichsten Droge gemacht hat, entspricht dieser doch auch der individuellen menschlichen Entwicklung. Der Weg vom Säugling zum produktiven Mitglied der Gesellschaft ist der umgekehrte Vollsuff: Erst liegt der Mensch kaum bei Sinnen und zappelnd in seinen Körperausscheidungen, dann kann er, nicht zu kohärenter Sprache fähig, Unwohlsein deutlich mitteilen, darauf lallt er einzelne Worte, krabbelt und sabbert, später wird getorkelt und vom Rad gefallen. Kurz: Mindestens 16 Jahre braucht ein Mensch, um einigermaßen fahrtüchtig zu sein. Um dann wiederum zur Feier dieser sich mittels Drogenkonsum zurück in den Anfangszustand zu jagen.

Natürlich weiß der Mensch genau um die Gefahren seiner legalen wie illegalen Drogen, um die Flüchtigkeit des Glücks der Regression. Aber er will halt so gut es geht vergessen, dass er mal wird sterben müssen. Und weil ihm die Illusion, die wilde Mischung aus Wahrheit und Fiktion, stets näher geblieben ist als die Kälte der nüchternen Erkenntnis, stört er sich nur punktuell am Paradox, dass die Mittel zur Verdrängung des Todes potenziell tödlich sind.

Die Rituale, die dabei den Rausch zur akzeptablen Alltagserscheinung machen, sind so ulkig, dass sie zu den sympathischeren Kulturleistungen der Menschheitsgeschichte gehören. Schon zu verstehen, welche Alkoholgabe zu welchem Essen, zu welcher Tageszeit, Region, zu welchem Geschlecht, welcher Sozialisation gehört, ist ein Tanz über das dünne Eis des Zivilisatorischen. Seit Jahrzehnten - beliebiges Beispiel - lecken sich Mitteleuropäer immer wieder Salz von der Hand und beißen in eine Zitrone, um einen mittelamerikanischen Schnaps zu trinken - welch Quatsch. Wenn auch kein so großer wie das durchschnittliche Bohei der reichsten Sapiens um gegorene Trauben.

Der Mensch teilt sich seine Rauschmittel in leistungsfördernde und realitätsflüchtende, wobei oft Dosis, Konsumzeitpunkt und Regelmäßigkeit den Unterschied ausmachen, zu welcher Kategorie eine Substanz gerade gehört. Zur Droge, also zum Problem, wird sie erst, wenn sie Arbeitsleistung erheblich mindert, wobei die Konsequenzen, die von Tod, Obdachlosigkeit bis zu schnuckeligem Reha-Aufenthalten reichen, stets stark davon abhängen, ob der eigene Körper oder Besitz gewöhnlich für einen arbeiten.

Und so ist es mit Alkohol und Drogen wie mit fast allem, was der Mensch angefasst hat: Der Teil, der Schönheit verspricht, ist gegen Hässlichkeit erkauft und führt meist wieder in sie. Beides wird aufwendig verbrämt, zur nächsten wilden Mischung aus Fiktion und Wahrheit, weil rabiate Unvernunft als kurze Auszeit von der Last der Vernunft nur funktionierte, wenn Vernunft tatsächlich regieren würde. Tat es aber nie. Deshalb sind die zum Teil wunderbaren Drogen rabiate Unvernunft als Auszeit von der permanenten.

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