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Es war einmal ein Klassiker

Werder Bremen will die Klasse halten - und dabei dem FC Bayern München die Meisterfeier vermiesen

  • Von Frank Hellmann, Bremen
  • Lesedauer: 4 Min.

Es ist mittlerweile Ritual in Corona-Zeiten, dass Stadionsprecher Arnd Zeigler mit seiner über die Bremer Landesgrenzen vertrauten Stimme bei Geisterspielen des SV Werder 42 100 Zuschauern »fürs zu Hause bleiben« dankt. Die wenigen anwesenden Personen im Stadion nicken bei der Halbzeitkunde allenfalls noch artig, denn inzwischen scheint ein gewisser Gewöhnungseffekt bei allen Beteiligten eingetreten zu sein. Was sich mit der Pandemie überhaupt nicht verändert hat, ist die Bremer Schaffenskrise im inzwischen nach einem Immobilienunternehmen benannten Weserstadion. Schon vor der Unterbrechung war der einst so gefürchtete Spielort am Flussufer zum Selbstbedienungsladen für Besucher verkommen.

Seit dem Wiederbeginn blieb die Ausbeute so karg wie das Ambiente: Vier Heimspiele, zwei Tore, ein einziger Punkt. Der Tabellenvorletzte hat in dieser Saison überhaupt erst ein einziges Heimspiel gewonnen: am 1. September 2019 mit 3:2 gegen den FC Augsburg. Und an diesem Dienstag stellt sich mit dem FC Bayern jene Übermannschaft vor, die im Siegesfall die 30. Deutsche Meisterschaft für die Münchner feiert.

Entsprechend gedämpft beschrieb Bremens Trainer Florian Kohfeldt am Montag die Perspektive: »Es gibt die individuelle Qualität und die Verfassung nicht her, dass wir sagen, wir schlagen die Bayern.« Gleichwohl habe er sehr wohl eine Idee, wie seine Mannschaft »kleine Nadelstiche« setzen könne. »Wir gehen in dieses Spiel, um zu punkten.« Ganz Bremen schöpft seit dem 5:1-Kantersieg am Wochenende in Paderborn, der aufgrund der nebenbei noch aufgebesserten Tordifferenz gefühlt sogar vier Punkte wert war, neue Hoffnung. Rückkehrer Niclas Füllkrug kündigte sogar an, man wolle versuchen, den »Bayern die Meisterfeier irgendwie zu versauen«.

Gleichwohl sind die Fakten vor einem Klassiker ernüchternd, der zum ungleichen Duell mutiert ist: Die Münchner haben die letzten 21 Pflichtspiele gegen Bremen gewonnen, teilweise mit Ergebnissen wie 6:1, 6:0 oder 5:0. Einmal, im Dezember 2013, verlor Werder daheim gar mit 0:7. Das letzte Unentschieden ist zehn Jahre her, der letzte Bremer Heimsieg sogar 14 Jahre. Damals köpfte, im Oktober 2006, Miroslav Klose seine Tore für die Grün-Weißen, und Klaus Allofs konnte Uli Hoeneß einen offenen Kampf um die Meisterschaft ansagen, ohne dafür belächelt zu werden.

Heute sagt Werders neuer Geschäftsführer Frank Baumann, Kapitän jener Meistermannschaft, die im Mai 2004 im alten Olympiastadion mit einem triumphalen 3:1 in München bislang zum letzten Mal die Schale nach Bremen holte: »Bayern ist zwar ganz, ganz klarer Favorit, aber wir werden das Spiel nicht so angehen, dass wir nur auf Schadensbegrenzung aus sind.« Allein aufgrund der alten Rivalität, einst von Bremens Manager Willi Lemke gekonnt befeuert, darf Werder kein Spiel gegen die Bayern abschenken.

Auf der anderen Seite verbietet der Blick in die Zukunft, alle Kräfte in eine Begegnung zu packen, die wenig Erfolgsaussichten bietet. Im Grunde wäre eine knappe Niederlage, so kurios es klingt, bereits ein Erfolg, wenn die Mitkonkurrenten Fortuna Düsseldorf (in Leipzig) und FSV Mainz (in Dortmund) tags darauf ebenfalls verlieren. Viel wichtiger ist für Werder, das nächste Auswärtsspiel in Mainz zu gewinnen. Dann könnte womöglich der letzte Spieltag gegen den 1. FC Köln die direkte Rettung bringen - es wäre eingedenk der Ausgangslage vor wenigen Wochen ein neues Wunder von der Weser.

»Wir werden nicht mit einem halben Auge auf Mainz schauen«, merkte Kohfeldt an, für den es aber auch »kein Automatismus« sei, dass er die Erfolgself aus Paderborn wieder aufstellen wird. Fest steht, dass die Bremer auf der Zielgeraden keinerlei Unterstützung von ihren Fans bekommen. Eine »Green White Wonderwall« mit Feuerwerk schon bei der Busanfahrt über den Osterdeich wie einst 2016 wird es nicht geben. Die positive Grundstimmung muss also von innen heraus kommen, Kohfeldt hat es kürzlich eine »kommunikative Wagenburg« genannt. Ein interessanter Ansatz des 37 Jahre jungen Fußballlehrers, der sich ganz anders artikuliert als seine verschlossenen Vorgänger Thomas Schaaf und Otto Rehhagel, die mit Werder indes so regelmäßig gegen den Rekordmeister reüssierten, dass der Evergreen von ausgezogenen Lederhosen bei jedem Heimspiel gegen die Bayern in Orkanstärke mit der Windrichtung durchs Weserstadion zog. Ein Ritual aus einer anderen Zeit.

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