Werbung

Geschichtsvergessener Bauernprotest

Landwirte in Schleswig-Holstein formierten ihre Schlepper zum Symbol der NS-affinen Landvolkbewegung der Weimarer Republik

  • Von Dieter Hanisch, Husum
  • Lesedauer: 3 Min.

Eine Aktion aufgebrachter Landwirten in Nordfriesland schlägt in Schleswig-Holstein hohe Wellen. Vergangenen Donnerstag waren mehr als 500 Landwirte zusammengekommen und hatten am späten Abend mit rund 330 beleuchteten Schleppern auf einem Feld das Symbol der Landvolkbewegung von 1929 - einen Pflug mit rotem Schwert - dargestellt und aus der Luft fotografiert. Die Landespolitik zeigt sich parteiübergreifend erschüttert, weil die Landvolkbewegung teilweise große Nähe zu den Nazis aufwies und das Erstarken der NSDAP förderte.

In den vergangenen Monaten trafen Bauern mit Protestaktionen durchaus auf Verständnis in der Bevölkerung. Doch die jüngste Aktion war eine solche geschichtspolitische Provokation, dass selbst der konservative schleswig-holsteinische Bauernverband und die Gliederung Schleswig-Holstein/Hamburg der Initiative »Land schafft Verbindung« (LsV) sich davon distanzierten, nachdem CDU, FDP, Grüne und SPD sich empört gezeigt hatten.

Der SPD-Fraktionsvorsitzende im Kieler Landtag, Ralf Stegner, erinnerte am Montag daran, dass die Landvolkbewegung der Weimarer Republik nationalistisch, völkisch und antisemitisch eingestellt war und hinter etlichen Gewaltakten steckte. So wurden unter dem Zeichen von Pflug und Schwert Sprengstoffanschläge auf Landrats- und Finanzämter verübt. Die Verwendung der Symbolik besagter Organisation sei »absolut indiskutabel«, so Stegner.

Der Bauernverband will nicht alle an der Aktion beteiligten Landwirte an den Pranger stellen, lässt also Geschichtsvergessenheit als Ausrede gelten. Initiator der Provokation war Jann Henning Dircks, parteiloser Bürgermeister aus der 50-Einwohner-Gemeinde Norderfriedrichskoog.

Der Mittvierziger betonte, er sehe die Proteste als »letzten Hoffnungsschrei«. Für diese Woche mobilisiert er zur Teilnahme an einer »Berliner Woche«, zu der Landwirte aus der gesamten Bundesrepublik anreisen, um bis zum Freitag Mahnwachen am Brandenburger Tor und am Potsdamer Platz abzuhalten. Sie wollen damit auf ihre Notlage aufmerksam machen. Viele fürchten, dass die von Bundesregierung und Bundesrat beschlossene Verschärfung der Düngeverordnung und damit verbundene Investitionen und Ertragsrückgänge sowie mehr Restriktionen beim Einsatz von Pestiziden ihre Existenz gefährden. Seit Oktober 2019 protestierte LsV wiederholt dagegen und gegen ein Handelsabkommen der EU mit den Mercosur-Staaten.

Der LsV-Vorstand aus Schleswig-Holstein und Hamburg distanzierte sich via Pressetext von Symbolik und Inhalten der früheren Landvolkbewegung und bekannte sich zu Rechtsstaat und Demokratie. Zugleich betont er, man habe nichts mit der »Berliner Woche« zu tun. Allerdings wird auf der LsV-Bundesseite bei Facebook seit Tagen ein Teilnahmeaufruf für den Berlin-Protest veröffentlicht und als Ansprechperson auf Dircks verwiesen wird. Als Veranstalter fungieren »kein Verband, keine Partei, Landwirte und Nichtlandwirte«. Zugleich äußerte der Vorstand von LsV Deutschland Unverständnis über die Aktion im Norden. Man distanziere sich ausdrücklich von der Verwendung der des Symbols mit der »umstrittenen Bedeutung«.

Bis dato hatte man Dircks bei den LsV-Nordlichtern gewähren lassen. Auf der Facebookseite der Gliederung der Bewegung befand sich am Montag immer noch ein Filmclip aus dem Vormonat, in dem Dircks vor zwei Landvolkfahnen eine Rede hält. Die Nord-CDU forderte die Organisatoren der Trecker-Aktion vom 11. Juni derweil auf, sich für ihr Handeln zu entschuldigen.

Reinhard Jung vom Verein »Freie Bauern« sieht dafür keine Notwendigkeit. Jung, Landwirt im brandenburgischen Lennewitz, attestiert der aufgebrachten Landvolkbewegung der 1920er Jahre durchaus berechtigte Forderungen. Dem Fachmagazin »top agrar« (online) sagte er, wenn Bauernverband und LsV meinten, »sie müssten sich von der schwarzen Fahne mit Pflug und Schwert distanzieren, so zeigt das mangelnde historische Kenntnisse«. Zugleich räumte er - verharmlosend - ein, die Bewegung habe »strategische Fehler« gemacht. In Nordfriesland gibt man sich derweil ahnungslos: Der Pflug stehe für »die Verbundenheit zu Grund und Boden«, der »Pfeil« (bzw. das Schwert) für den »Aufstand der Bauern«, heißt es in einem Facebook-Post zur Trecker-Choreografie.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln