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Vielen droht Schicht im Schacht

In der »Volksrepublik Lugansk« streikten Bergarbeiter für die Auszahlung ihrer Löhne

  • Von Ute Weinmann, Moskau
  • Lesedauer: 3 Min.

Über eine Woche lang streikten 119 Bergarbeiter in der ostukrainischen Stadt Antrazyt. Am 5. Juni weigerten sie sich, den Schacht nach Schichtende zu verlassen. Bereits im April hatten die Arbeiter ausstehende Lohnzahlungen eingefordert. Als Zugeständnis erhielten sie eine erste Rate, der Rest, so die Abmachung, sollte Mitte Mai ausgezahlt werden. Stattdessen sahen sich die Kumpel mit einem kurzfristig zu ihren Ungunsten neu kalkulierten Lohnsystem konfrontiert. Um ihren Ansprüchen Nachdruck zu verleihen, traten sie daraufhin in den Streik, den sie erst am 13. Juni einstellten.

Bei der dortigen Komsomolskaja-Zeche handelt es sich um die größte in der Gegend und beim Vorgehen gegen die Streikenden um eine besonders skandalöse Aktion in der 2014 selbst proklamierten Lugansker Volksrepublik. Zunächst versuchte die Unternehmensleitung zu beschwichtigen, dann kamen Polizei, Militär, Staatsanwaltschaft und die Staatssicherheit zum Einsatz. Weitere Bergarbeiter waren im Begriff, sich dem Streik anzuschließen, als in den umliegenden Ortschaften erste Verhaftungen erfolgten. Unter den Festgenommenen befanden sich mehrere Ehefrauen der Streikenden, darunter eine Schwangere.

Ab dem 7. Juni galt eine nächtliche Ausgangssperre. Die Corona-Epidemie musste als Begründung herhalten, um Busverbindungen einzustellen und die Zufahrtswege in und aus der Stadt streng zu kontrollieren. Damit nicht genug ließen die Behörden den Mobilfunk und das soziale Netzwerk Vkontakte blockieren. Anstatt auf diese Weise den Nachrichtenfluss zu unterbinden, erhielt der jüngste Arbeitsausstand deutlich mehr kritische mediale Aufmerksamkeit als vorangegangene, darunter auf diversen mit dem »russischen Frühling« sympathisierenden Webportalen. Neben Lohnzahlungen verlangten die Streikenden die Zusage des Chefs der Lugansker Volksrepublik Leonid Pasetschnik, alle Festgenommenen freizulassen und niemanden der Beteiligten strafrechtlich zu belangen. Damit immerhin konnten sie sich nach einer Streikwoche durchsetzen.

Schon vor Beginn der militärischen Auseinandersetzungen in der Ostukraine war das Komsomolskaja-Bergwerk in staatlicher Hand. Für andere änderte sich ihr Status erst mit der Nationalisierung der Unternehmen durch die Führung der Donezker und Lugansker Volksrepubliken im Jahr 2017. Die zum Firmenkonglomerat des in der Region dominierenden ukrainischen Oligarchen Rinat Achmetow zählenden Bergbauanlagen gingen in die Verwaltung der in Südossetien registrierten geschlossenen Aktiengesellschaft Wneschtorgserwis über. Ukrainische Medien bringen diese mit dem Unternehmer Sergej Kurtschenko in Verbindung. Dieser hatte sich mit dem ehemaligen ukrainischen Präsidenten Wiktor Janukowitsch 2014 nach Russland abgesetzt. Wneschtorgserwis hatte bis November 2019 ein Monopol beim Export von Kohle aus dem Donbass in die Ukraine, die nach wie vor Hauptabnehmerin für die dort geförderte Kohle ist. Der jüngste Streik fällt in die laufende Umstrukturierung des Lugansker Bergbaus. Wegen unrentabler Produktion drohen massenhaft Entlassungen.

Vier Jahre lang hat der Gewerkschafter Dmitrij als Ingenieur im Sasjadko-Bergwerk in Donezk gearbeitet, bevor er nach Kiew zog. Gegenüber »nd« kritisiert er, dass strukturelle Probleme auf Kosten der Beschäftigten gelöst werden sollen: »Die Kohle geht zum Spottpreis an Vermittler aus Russland, die am Weiterverkauf ebenso kräftig verdienen wie ukrainische Oligarchen.« Ersatzteile aus dem von Kiew kontrollierten Teil der Ukraine könnten nicht mehr beschafft werden, russische seien anders genormt. »Früher haben die Arbeiter ihren Plan erfüllt, aber jetzt lassen die materiellen Voraussetzungen das nicht mehr zu.« Den Streik in Antrazyt sieht er vor allem als Symbol für den erwachenden Kampfgeist der Kumpel.

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