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Wasserkrieg im Hochgebirge

Für China ist das Wasser aus dem Himalaya überlebenswichtig, sagt der Soziologe Boike Rehbein. Für viele andere Staaten in Asien ebenso

  • Von Alexander Isele
  • Lesedauer: 5 Min.

Die neun längsten Flüsse Asiens entspringen auf chinesischem Staatsgebiet im Himalaya. Der Brahmaputra fließt nach Bangladesch, der Mekong bis nach Vietnam, der Indus durch den äußersten Norden Indiens und Pakistan. 1,3 Milliarden Menschen leben entlang der Flüsse. Derzeit kochen einige Konflikte im Himalaya wieder hoch, allen voran der zwischen Indien und China. Wie wichtig ist das Gebirge für Süd- und Südostasien?
Historisch ist dieses Gebiet sehr wichtig: Indus, Brahmaputra, Mekong und Roter Fluss entspringen allesamt dem Tibetischen Plateau. Sie waren für das Bergland Süd- und Südostasiens das, was heute die Autobahnen sind. Waren, Menschen und Ideen wurden im bergigen Festlandsüdostasien über das Wasser transportiert.

Und heute?
Viele Konflikte in diesem Gebiet drehen sich um Wasser. Das hat zwei Aspekte: Einerseits geht es um Wasser konkret, also um den Stoff zum Trinken, zur Bewässerung. Zum anderen geht es um Energieerzeugung. Das Problem beim Stauen der Flüsse ist, dass sich sowohl das Ökosystem verändert als auch die Gesamtwassermenge flussabwärts abnimmt. Anrainerstaaten und die Menschen, die flussabwärts angesiedelt sind, müssen Einbußen hinnehmen, wenn ein Staat weiter flussaufwärts Energie erzeugt. China macht beides, es entnimmt Wasser aus den Flüssen und errichtet Staudämme.

Allein in den vergangenen zehn Jahren mindestens zehn. Wie wichtig ist die Energiegewinnung durch Staudämme für China?
China ist insgesamt eher ein trockenes Gebiet, außerhalb des Himalayas gibt es nicht so viele Flüsse. Und da die, die es gibt, immer noch zu einem großen Teil schiffbar sein müssen, ist das Tibetische Plateau für die chinesische Energiegewinnung im Hinblick auf Wasserkraft enorm wichtig.

Wie reagieren die Anrainerstaaten auf die Staudämme in China?
Für die jeweilige Staatsmacht besteht erst mal nur das Problem der Souveränität und des Eingriffs in die Handlungsmöglichkeiten durch die chinesische Politik. Inwieweit die Staaten sich darüber hinaus noch um die Menschen kümmern, ist eine andere Frage.

Die Menschen haben aber überall unter dem massiven Rückgang der Wassermengen zu leiden. Bangladesch zum Beispiel existiert nur durch den Brahmaputra und würde ohne dessen Wasser nur einen Bruchteil der Bevölkerung ernähren können. Der Fluss fließt vorher durch Assam in Nordostindien. Das enorm fruchtbare Tal, 1000 mal 50 bis 200 Kilometer groß, könnte vom Potenzial wahrscheinlich ganz Indien ernähren. Diese beiden Gebiete leiden enorm unter dem Rückgang des Wassers. Experten gehen davon aus, dass durch die Wasserentnahme und die Staudämme auf chinesischer Seite der Fluss bis zu 50 Prozent weniger Wasser führt als noch vor zehn oder 20 Jahren. Das bedeutet die Vernichtung von Existenzgrundlagen für Menschen entlang des Brahmaputra. Ähnlich, wenn auch nicht ganz so schlimm, ist es entlang der anderen Flüsse.

Um das Himalaya-Gebirge gibt es viele Grenzstreitigkeiten wie zwischen Indien und Nepal oder Indien und China. Inwiefern geht es da um die Kontrolle über Wasser?
Im Fall von China und Indien ist das vielleicht der Hauptgrund. Ich bin selber den Brahmaputra Richtung China hochgereist. Ganz Nordostindien ist bis auf Assam schlecht erschlossen, es gibt eigentlich nur Feldwege als Straßen. Die einzige Ausnahme ist die Straße, die genau an der Stelle an die Grenze führt, an der der Hauptzufluss des Brahmaputra die Grenze überquert - in über 5000 Meter Höhe. Entlang dieser Straße wurde das indische Militär stationiert. Auch China hat eine Bahnlinie bis an die Grenze gebaut. Die Infrastruktur dient nur dem Militär. Da es in dieser Gegend nichts anderes gibt, um das man sich streiten könnte, bleibt das Wasser. Zwar wurde in den vergangenen 15 Jahren ein riesiges Erdgasfeld, das bis nach Myanmar hineinreicht und das alle erschließen wollen, zu einem Nebenschauplatz. Doch der Schwerpunkt des Konflikts bleibt der Brahmaputra.

In der Mekong River Commission sprechen sich die Regierungen von Kambodscha, Laos, Vietnam und Thailand ab, um ihre geteilten Wasserressourcen zu managen. Wie gut funktionieren Absprachen von Anrainerstaaten mit China?
Der Mekong ist für ganz Festlandsüdostasien zentral, für diese vier Länder ist er quasi die Lebensader. Da diese Länder mit China zusammenarbeiten, sind die Konflikte entlang des Mekongs nicht ganz so ex-trem wie zum Beispiel beim Brahmaputra. Beim Indus verhält es sich wieder etwas anders, weil Pakistan sehr stark von China abhängig geworden ist und kaum gegen die Interessen Pekings protestieren kann. Ähnlich ist es beim Irrawaddy in Myanmar. Bezüglich des Roten Flusses in Vietnam gibt es immer mal wieder Streitigkeiten zwischen Vietnam und China, wobei die beiden Länder sich in den vergangenen zehn Jahren angenähert haben.

Nach dem sehr trockenen Frühjahr 2016 haben Vietnam und Kambodscha China gebeten, mehr Wasser in den Mekong zu leiten. China kam der Bitte nach - macht das nicht die Abhängigkeit von China deutlich?
Das ist eine schwierige Frage, denn die Abhängigkeit besteht ja auf vielen Ebenen, nicht nur beim Fluss. Die mächtigere Seite darf ihre Vorteile nicht überstrapazieren, das ist der chinesischen Führung bewusst. Sie versucht, den schwächeren Staaten entgegenzukommen, denn sie will deren Wohlwollen. Der Mekong ist aber in einem wirklich schlechten Zustand, denn nicht nur China baut Staudämme, auch Laos. In der Umgebung von Vientiane flussabwärts sieht man, dass der Mekong in der Trockenzeit fast kein Wasser mehr führt. Angeblich, da bin ich aber keinesfalls Experte, leidet das Ökosystem schwer.

Der Himalaya gilt mit seinen riesigen Süßwasserreserven als der dritte Pol der Erde, die dortigen Gletscher leiden unter dem Klimawandel. Was bedeutet das für die dort entspringenden Flüsse?
Ich habe mit sehr vielen Menschen gesprochen, die in dieser Region leben, und ohne Ausnahme sagen alle, dass sie den Klimawandel spüren und Trockenphasen zunehmen und problematischer werden. Gleichzeitig nehmen Starkregen mit Überschwemmungen zu, aber die können die Trockenphasen nicht aufwiegen, weil das Wasser abfließt.

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