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»Ich bin mir sicher, dass es die Polizei war«

In Brasilien flammen nach dem Mord an einem 15-jährigen Schwarzen in São Paulo wütende Proteste auf

  • Von Niklas Franzen, São Paulo
  • Lesedauer: 4 Min.
Angehörige von Guilherme Silva Guedes, der am Sonntag gestorben ist, weinen während eines Protests.
Angehörige von Guilherme Silva Guedes, der am Sonntag gestorben ist, weinen während eines Protests.

Christopher Henrique Carlos hält ein Poster in die Höhe. Ein lächelnder Jugendlicher ist darauf zu sehen. »Da ist mein Cousin Guilherme. Sie haben ihn ermordet«, sagt der 18-Jährige mit Afro, glitzernden Ohrsteckern und Schutzmaske mit Nike-Logo. Carlos läuft schnellen Schrittes in einer Demonstration im Süden der Megametropole São Paulo. »Ich bin mir sicher, dass es die Polizei war.«

Am Sonntag verschwand der 15-Jährige Guilherme Silva Guedes unweit seines Wohnhauses im armen Stadtteil Vila Clara. Einige Stunden später wurde die Leiche des schwarzen Jugendlichen gefunden. Der Junge wurde durch zwei Kugeln in den Kopf hingerichtet, sein Körper wies Spuren von Folter auf.

Die Meldung des Mordes machte im Stadtteil schnell die Runde. Am Montagabend kam es zu ersten Demonstrationen, mehrere Busse gingen in Flammen auf, Anwohner*innen lieferten sich die ganze Nacht Auseinandersetzungen mit der Polizei. Videos in sozialen Netzwerken zeigen, wie Polizisten Bewohner*innen schwer misshandeln. Die Auseinandersetzung wurden schnell mit den Aufständen in den USA verglichen, wo es seit der Ermordung des Afroamerikaners George Floyd zu massiven Protesten kommt.

Am Dienstag später beginnt alles ruhig. Vor dem Haus der Familie haben sich Verwandte und Freund*innen des Jungen versammelt. Die Oma des Opfers steht weinend vor ihrer Eingangstür, in der Hand hält sie ein Poster. »Danke, dass du Teil unseres Leben warst«, steht darauf. Umringt von Journalist*innen bewegt sich die Gruppe schweigend zu einem angrenzenden Gelände, das von den städtischen Wasserwerken benutzt wird. Dort wurde Guedes entführt.

Videos einer Überwachungskamera zeigen, wie sich zwei Männer dem Gelände nähern. Einer von ihnen ist bewaffnet. Bei den Männern handelt es sich um zwei Polizisten, bei nebenbei als Sicherheitsmänner auf dem Gelände arbeiteten. Die ermittelnde Zivilpolizei geht davon aus, dass sie die Mörder sind. Es wird vermutet, dass die Männer Guedes mit Jugendlichen verwechselten, die am Samstag in einen Schuppen der Wasserwerke einbrachen.

Regelmäßig verschwinden Jugendliche in São Paulo nach Polizeieinsätzen. Ende November wurde der 14-Jährige Lucas tot aufgefunden, nachdem er von Polizisten in einer Favela verhaftet wurde. Der 23-jährige David dos Santos wurde Ende April von Polizisten verschleppt und kurze Zeit später mit Folterspuren tot aufgefunden. Videos zeigen, dass er - entgegen der Aussage der Polizisten - unbewaffnet war. Oft handelt es sich um Racheakte oder Auftragsmorde. In armen Stadtteilen führen Polizist*innen häufig Selbstjustiz durch, nicht selten trifft es Unbeteiligte.

Lesen Sie auch: Es hat sich was geändert - aber nicht zum Besseren. Der Rassismus bei der Polizei äußert sich vielfältig - und nicht erst seit gestern

Trotz der Corona-Pandemie hat die Polizeigewalt in Brasilien stark zugenommen, wie Statistiken zeigen. Alleine im April tötete die Polizei des Bundesstaates São Paulo 116 Menschen – ein Anstieg um 54 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Auch in anderen Städten wurden in den letzten Wochen überdurchschnittlich viele Menschen durch Polizist*innen getötet. Wie Guedes sind die meisten Opfer sind arm und schwarz.

»Mit unserer Hautfarbe«, sagt Carlos, Cousin des Opfers, und hält seinen Arm hoch. »sind wir ständig Ziel der Polizei.« Auch er erlebe fast täglich Schikane und Rassismus. »Wenn ich ins Einkaufszentrum gehe, folgen mir direkt die Detektive. Hier in der Favela werde ich ständig kontrolliert.«

Ein Demonstrant hält während eines Protests ein Plakat mit dem Foto von Guilherme Silva Guedes, der am Sonntag gestorben ist.
Ein Demonstrant hält während eines Protests ein Plakat mit dem Foto von Guilherme Silva Guedes, der am Sonntag gestorben ist.

Die Polizei hat an diesem Dienstagabend wieder ein Großaufgebot aufgefahren. Zwei Hubschrauber kreisen am Himmel, Polizisten einer Spezialeinheit stehen schwer bewaffnet am Rand der Demonstration. Aus Angst vor Brandanschlägen dürfen keine Busse in den Stadtteil einfahren. Am Ende des Abends kommt es zu wieder zu kleineren Auseinandersetzung zwischen Anwohner*innen und Polizist*innen. Aufstände nach Polizeigewalt sind keine Seltenheit in Brasilien – allerdings wird nur selten darüber berichtet. Seit den antirassistischen Revolten in den USA scheint das Thema aber präsenter zu sein. Über den Mord an dem 15-Jährigen in São Paulo wurde sogar in den allabendlichen Fernsehnachrichten berichtet.

Im Laufe des Abends schließen sich immer mehr Anwohner*innen dem Protest an. Angeführt wird die Demonstration von Verwandten, sie tragen weiße T-Shirts mit dem Porträt des Jungen. Die Freunde des Getöteten, schwarze Jungs mit Basecap und Fußballtrikots, liegen sich schluchzend in den Armen, aus einer Box dröhnt ein sentimentales Lied. Immer wieder rufen die Demonstrant*innen: »Gerechtigkeit, Gerechtigkeit...«

Einer der besonders laut ruft, ist Paulo Roberto. Der schwarze 18-Jährige mit Basecap und Schnurrbart-Ansatz war ein guter Freund von Guedes, sie lernten sich in der Schule kennen. »In den Vierteln der Reichen würde die Polizei so etwas niemals tun«, sagt er und kämpft um die Fassung. »Für uns ist das Alltag. Ich könnte der nächste sein.«

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