Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Was tun, wenn’s knallt?

Jugendvertreter der IG Metall Berlin befürchten massiven Abbau von Ausbildungsplätzen im Zuge der Coronakrise

  • Von Rainer Rutz
  • Lesedauer: 3 Min.

Zugegeben, so richtig selbsterklärend ist das am Mittwochnachmittag vor dem Haus der Wirtschaft in Charlottenburg aufgeführte kleine Spektakel der zehn Jugendvertreter der IG Metall Berlin eigentlich nicht. Ein als Pac-Man verkleideter Darsteller bringt nacheinander fünf Riesenluftballons zum Platzen. Auf dem Kostüm von Pac-Man - einer in den 80er und 90er Jahren beliebten Videospielfigur - steht »Einsparung«, auf den Luftballons »Verantwortung«, »Perspektive«, »Zukunft«, »Innovation«, »Ausbildung«. Fünf Mal knallt es, dann ist die Aktion vorbei.

Mit den zerplatzenden Luftballons wollen die Junggewerkschafter auf die ihrer Ansicht nach miserable Ausbildungsbilanz in der Berliner Metall- und Elektrobranche aufmerksam machen, erklärt Simon Sternheimer, Jugendsekretär der IG Metall. Tatsächlich ist die Hauptstadt im bundesweiten Vergleich Schlusslicht bei der Ausbildungsquote. Im vergangenen Jahr bildeten nur 11,3 Prozent der Berliner Betriebe überhaupt aus, deutlich weniger als der Bundesdurchschnitt von 19,7 Prozent. Zugleich ist die Quote in Berlin im laufenden Jahr nach Angaben der Gewerkschaft noch einmal massiv zurückgegangen, in den IG-Metall-Bereichen Rohstoffgewinnung, Produktion und Fertigung um fast ein Viertel.

»Unsere Befürchtung ist, dass die Unternehmen im Zuge der Coronakrise anfangen, die Ausgaben zu drücken, und dass diesem Sparwahn dann auch langfristige Investitionen im Ausbildungsbereich zum Opfer fallen«, sagt Sternheimer. Genau darauf spiele die Kunstaktion an. Die Zerstörungswut von Pac-Man stehe für das »kurzfristige Krisendenken« mancher Betriebe, die Ballons seien ein Symbol dafür, »was es bedeutet, wenn man den Rotstift bei der Ausbildung ansetzt«.

Der Ort der Performance ist dabei mit Bedacht gewählt. Schließlich befindet sich im Haus der Wirtschaft nahe dem Ernst-Reuter-Platz unter anderem die Hauptgeschäftsstelle des Verbandes der Metall- und Elektroindustrie Berlin-Brandenburg (VME), der rund 130 Unternehmen in der Region vertritt. Wenig verwunderlich ist, dass VME-Sprecher Carsten Brönstrup die Rede vom »kurzfristigen Krisendenken« der Betriebe »so nicht stehen lassen« will.

Die Befürchtung der Gewerkschaft, die Unternehmen würden aufgrund etwaiger Umsatzeinbrüche beim Nachwuchs sparen, sei unberechtigt, so Brönstrup zu »nd«. »Grundsätzlich wissen die Unternehmen, dass Ausbildung wichtig ist.« Das sei auch eine demografische Frage. »Viele Fachkräfte gehen in den nächsten Jahren in den Ruhestand. Es gibt daher einen enormen Ersatzbedarf.«

Zugleich verweist der Arbeitgebersprecher darauf, dass in Berlin derzeit noch rund 1000 Ausbildungsplätze in der Elektro- und Metallindustrie unbesetzt sind. »Die Angaben der IG Metall stimmen, wenn man allein die aktuelle Statistik betrachtet. Wir glauben aber, dass es da noch deutliche Verbesserungen in den kommenden Wochen und Monaten geben wird«, sagt Brönstrup. In der Coronakrise seien die Unternehmen »vielleicht weniger mit dem Thema Ausbildung« als mit der »Absicherung« des laufenden Betriebs beschäftigt gewesen. Hinzu käme, dass die Vermittlung schwierig gewesen sei und viele Bewerbungsgespräche nicht wie geplant hätten stattfinden können. »Insofern warnen wir vor einer Dramatisierung, was die Entwicklung der Ausbildungszahlen in Berlin betrifft.«

Das sieht die IG Metall Jugend dann doch etwas anders. »Dass die Ausbildungsquote jetzt noch weiter gesunken ist, weil Vorstellungsgespräche nicht durchgeführt werden konnten, halte ich für ein sehr schwaches Argument«, sagt Gewerkschafterin Fabienne Gehrke. »Schon mal was von digitalen Formaten gehört?« Auch ihr Mitstreiter Jim Frindert sagt: »Mein Eindruck ist, dass sich die Arbeitgeber hier gerade versuchen, mit Verweis auf die Coronakrise ihrer Verantwortung für die Nachwuchsausbildung zu entziehen.«

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln