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Denkmäler

Abstiegskandidaten

Gedenkkultur und Denkmalstürze nach dem Polizeimord an George Floyd

Von Reiner Oschmann

Erinnern Sie sich noch an die Bilder? Wie die Statue Saddam Husseins in Bagdad, Gesicht im Sternenbanner, vom Sockel gezogen wurde? Wie das Lenin-Denkmal, allein der Kopf vier Tonnen, in Berlin abgebaut wurde? Wie man seit 1989 mit Kränen, Traktoren und Ketten in sowjetischen und osteuropäischen Städten immer wieder Ebenbilder bisheriger Granden in den Staub beförderte? Unabhängig von der Bewertung jedes Einzelfalls ist sicher: Die meisten Menschen denken wenig über Denkmäler nach, solange sie an ihnen vorübergehen. Ein Denkmalsturz dagegen lässt keinen gleichgültig. Er wird bejubelt oder betrauert. So sind wir offenbar gestrickt.

Die jüngsten Proteste in den USA seit dem Polizeimord an George Floyd wendeten sich nach wenigen Tagen auch gegen Denkmäler und eine Erinnerungskultur, die in den Augen vieler mitverantwortlich ist für serielle Gewalt in Uniform, Rassismus und Diskriminierung. Der keineswegs neue, nach Floyds Erstickungstod unter einem Polizistenknie aber hochkochende Protest zielt auf eine Gedenkpraxis, die in Stein gemeißelte oder Bronze gegossene Männer zu Helden erklärt, obwohl sie zu Lebzeiten von der Sklaverei profitierten. Die mit Gewalt ein System verteidigten, das nicht halb so reich geworden wäre, hätte es Millionen von Schwarzen nicht das Menschsein versagt. Eine Nebenwirkung des Floyd-Dramas ist daher die Forderung - in den USA und Britannien, Belgien, Frankreich und anderswo - nach Beseitigung von Denkmälern für rassistische Helden, aber auch nach der Umbenennung von US-Armeebasen, die 155 Jahre nach dem Ende der Sklaverei mit Repräsentanten der Sklaverei werben.

Kein Wunder, dass der Streit ums Erinnern die amerikanische Tagespolitik erfasst. 2020 ist Wahljahr, Donald Trump sucht verzweifelt die Wiederwahl, nicht zuletzt, um durch Verbleib im Amt möglicher Strafverfolgung zu entgehen, und historisches Verständnis oder Augenmaß zur Moderation einer schwierigen Debatte gehören weder zu Trumps Ausstattung noch zu seinem Ehrgeiz. Die Forderung war kaum im Raum, die zehn Stützpunkte der US-Armee, die nach Generälen der sklavenhaltenden Südstaaten benannt sind, umzubenennen, da ließ er wissen, solche Änderungen nicht mal zu erwägen.

»Diese monumentalen und sehr mächtigen Stützpunkte sind Teil eines großartigen amerikanischen Erbes und einer Geschichte des Gewinnens, Sieges und der Freiheit«, radebrechte der Oberste Sprengkopf der Nation. Basen wie die Forts Bragg, Benning oder Hood - alle im Süden - seien »heilige Stätten« zur Ausbildung von »Helden«. Die Vorsitzende des Repräsentantenhauses, Nancy Pelosi (Demokraten) forderte Überdenken beim Gedenken. Sie verlangt die Entfernung von Denkmälern für Führungsfiguren der Südstaaten aus dem Sitz des Kongresses im Kapitol in Washington. Elf sind dort noch ausgestellt, darunter Jefferson Davis, Präsident der abtrünnigen Konföderierten Staaten, und General Robert E. Lee, Kommandeur seines Militärs. Mit ihnen, so Pelosi, werde »dem Hass gehuldigt«.

Nach jüngsten Angaben der Anti-Rassismus-Organisation Southern Poverty Law Center existieren in den USA derzeit 1750 Objekte, die von Staats wegen Führer des Sklavenhalter-Bundes ehren. Unter ihnen sind 800 Denkmäler, 80 Bezirke und Städte, 100 Schulen sowie besagte zehn Armeestützpunkte. Von denen ist Fort Bragg die größte Basis der US Army überhaupt, mit einer Belegschaft von fast einhunderttausend Personen - Militärs, Zivilangestellte und Familienangehörige. Eine Großstadt.

Im ersten Bürgerkriegsjahr, 1861, umfasste die Konföderation elf Staaten mit einer Gesamtbevölkerung von zwölf Millionen - darunter vier Millionen Versklavte und vier Millionen weiße Frauen ohne Wahlrecht. Einer der Männer, deren Denkmäler im Kapitol stehen, war Alexander Stephens, Stellvertreter von Davis. Zu Beginn des Bürgerkriegs begründete er die Abspaltung so: Der Grundgedanke der US-Verfassung beruhe »auf der Annahme der Gleichheit der Rassen«, das neue Regierungssystem des Südens aber, für das dieses nun Krieg führe, »gründet sich auf den exakt gegenteiligen Gedanken: Seine Grundlagen, sein Eckstein beruhen auf der großen Wahrheit, dass der Neger dem weißen Mann nicht gleich ist; dass die Sklaverei (...) sein natürlicher und moralischer Zustand ist. Dieses unser neues Regierungssystem ist das erste in der Geschichte der Welt, das auf dieser großen physischen, philosophischen und moralischen Wahrheit beruht.«

So widersprüchlich Gedenkkultur weltweit erfolgt, so maßvoll ist das jetzige Anliegen einer Öffentlichkeit, die Männer wie Stephens nicht zur Unperson machen, ihnen jedoch den Anspruch des Vorbilds nehmen will. Solch Herangehen ist differenziert und mit Blick auf die Welt durchaus nicht gängige Praxis. Wie viele Köpfe waren bis zu ihrem Sturz und ihrer Tilgung aus den Büchern angehimmelt worden! Nicht nur die sowjetische Geschichte ist voll solcher Beispiele. Die meisten Proteste nach Floyds Tod dagegen wollen die Sklavenhalter nicht aus der Verantwortung, sondern vom Sockel nehmen und musealisieren. Nicht immer geht es um Denkmalsturz, stets jedoch um ein Ende einäugiger Verehrung und die Bereitschaft zum genaueren zweiten Blick.

Auch Großbritannien erlebte seit Floyds Tod Aktionen gegen rassistische Symbole. Eine der aufsehenerregendsten davon in der Hafenstadt Bristol, wo die Statue von Edward Colston ins Hafenbecken geworfen wurde. Künftig könnte auch sie zum Museumsstück werden, an dem sich die beschönigende Perspektive britischen Empire-Gedenkens erläutern lässt. Colston wird bis dato als ein Großmäzen der Stadt geführt, während unterbelichtet blieb, dass sein Vermögen aus Mord und Versklavung von Schwarzen rührte, die mit seinen Schiffen von Afrika in die Karibik befördert wurden.

Die Historikerin Charlotte Lydia Riley von der University of Southampton sieht in Colston einen typischen Fall. »Die Behauptung, der Sturz der Colston-Statue wäre ein ›Weißwaschen‹ der Geschichte, gaukelt vor, dass Denkmäler wie dieses Teil einer differenzierten Debatte über Britanniens imperiale Vergangenheit darstellen. Genau das sind sie nicht. Wir haben zwar Statuen für Sklavenhalter, aber keine für die Opfer des Sklavenhandels oder andere Opfer imperialer Gewalt. Seit 2007 gibt es ein Museum der Sklaverei in Liverpool, doch es gibt kein Museum des Empire - wiewohl unsere Museen voll geplünderter Schätze aus einstigen britischen Besitzungen stecken -, und es gibt kein nationales Denkmal für die Opfer des Sklavenhandels.«

Der momentan ebenfalls erhobene Vorwurf der »Neuschreibung von Geschichte« stört die Historikerin kein bisschen. Das Überprüfen der Geschichtsschreibung »ist geradezu unser Beruf«. So wie sich unsere Ideen von der Welt änderten, »so natürlich ist es, dass sich unsere Sichten auf die Helden und Siege wandeln, die unsere Vorfahren für erinnerungswürdig erachteten. Wenn jene Helden alles andere als heroisch waren, wäre ihr Verbleib auf dem Sockel eine Beleidigung der modernen Werte, denen wir verpflichtet sind. Wir haben es nicht mit finsterer Geschichtsauslöschung zu tun. Vielmehr handelt es sich um ihre Neubewertung auf Basis neuer Beweise und Ideen. Genau das meint Geschichtsschreibung.«

Ob sich die Hoffnungen der Historikerin erfüllen? Offen. Mitunter, siehe Stalin, kommt es ja zu neu inszeniertem Kult um vorübergehend enthauptete Götter. Und wie geschichtsverleugnend manche Deutsche, auch Parteien, noch 75 Jahre später auf das Ende der Nazikatastrophe blicken, ist ein Kapitel für sich. Nicht nur Hans Joachim Schädlich erinnert jüngst in seinem bewegenden Buch »Die Villa« daran, dass manchen Deutschen nach dem Krieg nicht leid tat, »dass sie den Krieg verursacht haben, sondern dass sie ihn verloren haben«.

Hier wie in anderen Fällen widerspiegelt sich, wie interessengeleitet Geschichtsbewertung stattfinden kann - wie zur Bestätigung von William Faulkners Beobachtung, dass das Vergangene »nicht tot«, ja »nicht einmal vergangen« sei. Die vergangenen Wochen immerhin zeigen, dass Sockelhelden wie Davis und Lee, Stephens und Colston Abstiegskandidaten sind. Aufklärung jedoch ist in den ewigen Interessenskonflikten, die vor der Erinnerungskultur niemals haltmachen, zwar immer die vernünftige, aber nicht immer die wahrscheinlichste Option. Schienbeine und Hoffnungen, wusste bereits vor zweitausend Jahren Epiktet, soll man nicht zu weit hinausstrecken.

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