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Schwesternschere

Die liebe Familie: Heimkehr in ein fremdes Haus

Sie flanierten durch Herditz und kauften im Supermarkt ein. Fisch, Gemüse und ein paar Flaschen Bier.

»Beeilung. 15 Uhr gibt es im Heim Kaffee«, mahnte Greta.

Der Parkplatz zum Seniorenheim war voller Autos. Thorben quetschte seinen VW-Bus in eine schmale Lücke zwischen zwei protzige Luxus-Limousinen, deren Insassen sicher auch bei Verwandten vorbeischauten.

»Große, helle Gebäude, mehrere Eingänge, überdachte Außenterrassen. Da kann man sich wohlfühlen«, sagte Greta.

»Wenn man nicht alt wäre«, murmelte Milda. Dann betraten sie Oma Ediths Zimmer.

Dort saß Liane!

I

hre Blicke hätten töten können. Sie begrüßte keinen und zischte Milda an: »Der Schlüssel steckte am Tor. Licht brannte in der Bodenkammer und wieso steht Haukes Auto in unserer Garage? Wir sprechen uns noch!«

Sie sprang wütend auf, drückte Mutters Hand und rauschte schnaubend davon.

Mildas Herz klopfte bis zum Hals. Sie fühlte sich stark bedroht. Wieso rege die sich so auf, das wäre doch nicht schlimm, meinte Greta, zur Tür blickend. Sie müssten schnell nach Hause, beeilte sich Milda zu sagen.

Ava tippte sich an die Stirn. Bloß, weil ihre Tante durchdrehe? Nun seien sie bei Oma. Die Aufgeregten könnten warten. Wenn die riefen, springe Ava doch nicht.

Milda fühlte sich besser. Die Kinder waren cool. Die brächte niemand so leicht aus der Fassung. Ein Glück, dass Milda nichts falsch gemacht hatte, als sie allein, ohne ihre Kinder, bei Edith gewohnt hatte! Der Gedanke war im Nachhinein beruhigend. Nach anderthalb Stunden saßen die sechs bereits wieder in Muttis Küche. Tee vor den Frauen, Bier vor den Männern.

Lianes Nahen war durch alle Zimmer zu hören. »Ach, hier wird wohl Party gefeiert, während Oma im Pflegeheim ist! Was fällt euch ein? Erst heißt es, eine Nacht, und nun wird ein Wochenende draus! Habt ihr Oma gefragt, ob ihr hier schlafen dürft?«

»Ich habe dich doch angerufen und du selbst hast gesagt, die Schwabacher sollten bei Oma schlafen.«

»Ja, aber was schnüffelt ihr überhaupt im Haus herum. In der Rumpelkammer brannte Licht. Was habt ihr da gesucht? Oma ist noch nicht tot!«

»Wieso geschnüffelt? Ich zeigte Hauke die alte Bodenkammer und wir verglichen sie mit der neuen. Die hat Reinhardt sehr gut ausgebaut. In deiner Wohnung war niemand, wozu auch? Ganz abgesehen davon, dass wir gar keinen Schlüssel haben«, entgegnete Milda. Ein ungutes Gefühl beschlich Milda, die sich wieder verteidigte, wie so oft, wenn sie angegriffen wurde.

Sie drehte den Spieß um: »Es ist ja auch mein Elternhaus. Die Kammer rechts gehört zu meiner Haushälfte. Ich laufe rum, wo ich will. Und bei mir in Lotheim verbiete ich dir auch kein Zimmer, wenn du zu Besuch bist, was selten genug vorkommt!«

»Das ist schon lange nicht mehr dein Elternhaus! Das ist jetzt meins!«, schrie Liane.

»Jetzt beruhige dich mal wieder. Es tut uns leid, dass wir das Licht brennen ließen«, mischte sich Greta ein.

»Das passiert«, fuhr sie fort, »wir waren mit den Nerven fertig, weil Oma sich an mich schmiegte, furchtbar weinte und sagte, sie wäre ganz allein. Sie tat uns so leid und wir heulten auch.«

»Das ist kein Grund, sich hier einzunisten und euer Auto in unsere Garage zu stellen«, fauchte sie Greta scharf an.

»Eine Seite von der Doppelgarage gehört mir, laut Testament!«, brüllte Milda nun ihrerseits. Liane rannte aus der Küche. Vom Flur aus drang Geschrei bis zu ihnen.

Reinhardt stürmte herein, Liane hinter ihm. Er riss jäh den rechten Arm nach vorn, zackig wie zum Hitlergruß, und donnerte mit sich überschlagender Stimme: »Raus hier! Wenn ihr in fünfzehn Minuten nicht verschwunden seid, schmeiß’ ich eure Sachen aus der Bodenkammer auf die Straße! Und ich ruf’ die Polizei! Verdammtes Dreckspack!«

»Hör auf! Komm! Lass doch!«, rief seine Frau und versuchte ihn zu halten. »Und wehe, wenn was fehlt!«, drohte er schrill.

Gleich reißt er sich los! Ein Verrückter! Milda erstarrte. Erschüttert blickte sie auf den tobenden Schwager, den Liane aus dem Zimmer zerrte. Als die Tür zuschlug, sprang Hauke hinterher und verschloss die Wohnung.

Geschockt saßen die Übrigen am Tisch. Dann explodierte die Stille. Alle schrien durcheinander. Mia rannte aus der Küche in die Wohnstube und wieder zurück. Sie rief: »Ich muss hier weg! Ich muss hier weg!«

Greta versuchte sie zu halten.

Mia riss sich los. »Ich muss hier weg! Ich muss hier weg!«, wiederholte die Kleine schreiend. Milda giftete: »Ich lass mich doch nicht aus meinem Elternhaus schmeißen, der spinnt wohl! Der zerschneidet das Tischtuch! Unverschämter Kerl! Der hat mir gar nichts zu sagen!«

Ava schimpfte: »Das Arschloch hat sich entpuppt! Wie hast du das hier ausgehalten, Mutti?« Keine Antwort.

»Beeilt euch!«, rief Hauke.

»Wieso, ihr wollt doch nicht etwa das Feld räumen, ihr zwei starken Kerle?! Ihr werdet doch mit dem fertig! Ich weiche keinen Meter. Das ist die Wohnung meiner Mutter und ihr seid die Enkel. Wir haben ein Recht darauf, hier zu sein!«, empörte sich Milda Balow.

»Wenn wir die Kleine nicht dabei hätten, wäre das was anderes. Der bringt es fertig und holt ein Messer. Wie der geschäumt hat! Wir müssen abhauen. Wenn die Polizei unsere Ausweise verlangt, wird deutlich, dass wir nicht hier wohnen«, entgegnete Hauke aufgeregt.

Es rüttelte an der Tür. »Aufmachen! Was fällt euch ein abzuschließen?«, hörten sie Liane rufen. Hauke schloss auf. Liane fegte wütend herein. Hauke sagte: »Ihr seid ja gemeingefährlich. Ich musste abschließen.«

Liane schnappte Mutters Wohnungsschlüssel und wollte gerade wieder umkehren, als ihr einfiel, weshalb sie runtergekommen war. Sie drückte ihrer Schwester ein Kästchen in die Hand, mit sämtlichem Schmuck, den sie je von ihr geschenkt bekam, auch dem von voriger Woche, zu ihrem Geburtstag, und sagte mit mühsam beherrschter Stimme: »Wenn du kämpfen willst, musst du das tun!«

Greta machte Anstalten, Liane zum Bleiben zu bewegen. Mit einer entschiedenen Handbewegung schnitt Liane ihrer Nichte das Wort ab, drehte sich um und eilte aus der Wohnung.

Milda hatte inzwischen angefangen zu weinen, als sie merkte, dass alle im Aufbruch waren. Sie erhob sich lethargisch und wollte den Filter aus der Kaffeemaschine nehmen. Dabei fiel ihr die Abdeckung entgegen. Zitternd versuchte sie, den Deckel einzuhaken. Währenddessen klackerten ihre Tränen auf die Maschine.

»Wehe, wenn was fehlt. Wehe, wenn was kaputt ist«, jammerte sie verzweifelt.

Thorben nahm sie in den Arm.

»Ich mach’ das schon. Setz dich hin. Ich packe deine Sachen zusammen. Wo ist deine Waschtasche?«

Er führte Milda zum Stuhl und nickte ihr beruhigend zu. Seine Schwiegermutter sackte zusammen. Sie weinte laut. Mia setzte sich neben sie und streichelte wortlos ihr Ömchen. Um die beiden herum wuselte es.

Nachdem die sechs in Windeseile gepackt hatten, verließen sie das schreckliche Haus. Auf der nächtlichen Straße drei Autos mit laufendem Motor. Milda begann, sich zu verabschieden.

»Du kannst doch jetzt nicht nach Hause fahren, in deinem Zustand! Und wir auch nicht. Wir müssen uns eine Unterkunft suchen, und das im Dunkeln«, sagte Ava.

Thorben fand per Smartphone eine große Ferienwohnung bei Ratussek, dem Fleischer in der Seilergasse.

Sie redeten bis zum Morgen über diesen unerhörten Vorfall in Mildas und Lianes Elternhaus. Dann fielen sie todmüde ins Bett und schliefen sofort ein. Außer Milda. Es ratterte in ihrem Kopf. Wieder und wieder drängten sich ihr die entsetzlichen Szenen auf. Hätte sie doch dies gesagt oder jenes, dann wäre alles vielleicht so oder so verlaufen! Es wurde hell.

Sie schrieb Hanne eine Mail:

Liebe Hanne,

meine Familie und ich sind gestern Abend von Reinhardt und Liane aus Muttis Wohnung geworfen worden. Die Berliner, die Schwabacher und ich mussten im Dunkeln eine Pension suchen.

Liane hatte Tage zuvor ihren Geburtstag mit Reinhardt außerhalb gefeiert. Bei der Rückkehr empfanden sie unseren Aufenthalt in Muttis Wohnung als Invasion. Sie regten sich furchtbar darüber auf, dass auf dem Boden Licht brannte, in der Garage Haukes Auto stand und ich am Gartentor den Schuppenschlüssel hängen ließ. Hasserfüllt nannte uns Reinhardt »Dreckspack«. Nie hatte es je einer gewagt, uns so unverschämt zu beschimpfen.

Nun liege ich schon die ganze Nacht wach. Unfassbar, welch’ übermächtige Wut in Liane und Reinhardt schlummerte! Mir fehlen die Worte. Ich kann das alles nicht begreifen. In vier Stunden werde ich nach Lotheim fahren müssen. Ich weiß gar nicht, wie ich nach einer solchen Nacht über 500 Kilometer bewältigen soll. Bei Mutti wollen wir vorher auch noch reinschauen und uns verabschieden. Wir haben uns entschieden, ihr von alldem nichts zu sagen. Sie würde sich zu Tode grämen, wenn sie es erfasste. Meine Kinder sind sehr lieb zu mir, trösten und unterstützen mich. Was hätte ich wohl ohne sie gemacht, wenn diese Bombe vorher geplatzt wäre?

Liebe Grüße sendet dir Milda.

schizoid

am fuchtelnden arm

ein dreckspack brüllender kopf

das zwergige ego spritzt ätzenden hass

auf die mühsam gehütete maske

gehäutet die natter

am busen genährt

verstört und zitternd das kind in kalter nacht

kein hüsung im verwaisten elternhaus

unter der erde der vater

im heim die mutter

hinterm brüllenden kopf die schwester

Metapher für Metapher rann aufs Papier.

Das Gedicht kriegt Liane - im weißen Kuvert mit Trauerrand - Auge um Auge - Zahn um Zahn. Papiervergeudung - ein kaltes Herz blutet nicht. Besser wäre es, wenn Wieland die schändliche Tat in einen schwarzen Grabstein meißeln würde - für alle Ewigkeit. Ein Schwerlastkran müsste mit mörderischem Krach den Grabstein in euerm mediterranen Garten abladen - ihr herzlosen Barbaren! Unter Flutlicht - in mondloser Nacht - unter den Augen von Reni Opper.

Mildas Hirn schaltete das Kopfkino ab. Tranceähnlicher Schlaf übermannte sie.

Carmen Gauger:
Schwesternschere.
Eine verletzte Familie
KUUUK-Verlag
342 S., kt., 17,00 €

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