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Única blickt aufs Meer

Hinter den Sandstränden liegen die Müllberge und eine vage Hoffnung

Viel eher aus alter Gewohnheit denn aufgrund eines weltenordnenden Prinzips ging die Sonne auf und hielt am Hügelkamm kurz inne, als würde sie erst im letzten Moment beschließen, noch einen weiteren Tag zu leuchten, statt sich in den Abgrund der vergangenen Nacht zu stürzen.

Da es im Westen nichts Neues gab, gähnten die Fliegen und die Geier schüttelten sich Reste vom frühen Morgen aus den Federn. Inmitten des hartnäckigen Nieselregens und der giftigen Dämpfe jenes Meeres, das keine Vergangenheit hatte, zogen die Frühaufsteher unter den Tauchern Bilanz über die aus der Tiefe geborgene Fracht. Noch bevor die Taucher von der Tagschicht ebenfalls mit ihren Kraulbewegungen beginnen würden, suchten sie flink ihre Beute zusammen, Essbares und Handelsgüter; in letztere Kategorie fielen Aluminiumdosen, Glasflaschen, jede Art von Papier und verschiedene andere Metalle, für die man von den Gießereien ein winziges bisschen mehr bekam. Die Taucher, die bei Tag arbeiteten, reckten und streckten sich und öffneten die Türen ihrer notdürftig zusammengezimmerten Behausungen an den Stränden jenes Meeres der Plastikfische. Alle, die von weiter herkamen, kletterten ein weiteres Mal den Abhang aus versteinertem Lehm hinauf, um zu dem Ort zu gelangen, an dem das schlechte Gewissen der Stadt lagerte.

Gegen sechs Uhr morgens erwachten auch zwei riesige Traktoren, von Hunger getrieben. Ihre weit aufgerissenen Tyrannosaurus-Mäuler konnten die vielen Tonnen Abfall kaum erwarten, die ihnen die Stadt Tag für Tag schickte. Die Fahrer frühstückten auf eine so geduldige Art und Weise, wie man sie sich nur durch Routine aneignen kann, ihre üblichen Milchbrötchen mit Kaffee, bevor sie die Maschinen bestiegen und in Präzisionsarbeit - wie bei einer künstlichen Ebbe und Flut - den beständig zuströmenden Müll, der ohne Unterlass mit den Müllwagen aus der Stadt kam, erst auftürmten, dann durchpflügten und von einem Ort zum nächsten verschoben. Um acht Uhr beleuchtete die Sonne bereits schwach die sterblichen Überreste eines im Dauerregen ersoffenen Oktobers.

Von fern wirkte der Hügel, der die Müllhalde als Tagebau in seinen aufgerissenen Eingeweiden trug, wie ein Ameisenhaufen, auf dem es von Frauen unbestimmbaren Alters wimmelte, von Männern und Kindern, die gar kein Alter besaßen, von Ratten und Mäusen, Hunden und Geiern und hunderttausenden Insekten, allesamt ununterscheidbar beim Durchwühlen dessen, was die Stadt für unbrauchbar befunden hatte, auf der Suche nach etwas, das der Zufall weggeworfen hatte; dies alles im Auf und Ab des Abfalls, im Wellenschlag der Traktoren.

Kein Mitglied der über zweihundert Familien, die zu der Zeit auf der Müllhalde in Río Azul ihr tägliches Leben bestritten, wusste zu sagen, ob es an diesem Ort einmal einen Fluss gegeben hatte; und erst recht nicht, ob dieser Fluss, wenn er denn je hier durchgeflossen war, blau gewesen war. Jetzt gab es aber ohnehin nur noch das Meer mit seinen Gezeiten, ausgelöst von den beiden Traktoren, die von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang tonnenweise den Abfall aufstapelten, den ihnen die Stadt in immer großzügigeren Mengen zukommen ließ.

Am Fuß des Hügels versuchten die angrenzenden Viertel vergebens, sich durch einen Eisenzaun gegen die Müllhalde abzuschirmen. Die Zufahrt war durch ein breites Tor gesichert. Den Zugang kontrollierte ein Mann in einem Wachhäuschen, der sich die Genehmigungen der Fahrer ansah, bevor er sie mit ihrer unangenehmen Fracht hereinließ. Auch die Schule des Viertels lag direkt am Zaun.

Ein fauliger Geruch erfüllte die fettige Luft, die man rund um Río Azul atmete: Der Gestank einer Suppe, gekocht aus all den gereiften Tonnen zerdrückten Abfalls, deren Brühe sich wie ein giftiger Fluss in jeden Riss des schwärenden Leibs der Erde ergoss. Jener tödliche Fluss musste, wie alle Flüsse, anfangs ein Bach gewesen, dann angeschwollen und schließlich ins Meer geflossen sein. Doch in diesem Fall entsprang, verlief und vollendete er sein Dasein am selben Ort und sickerte als Leichnam in die wasserführenden Bodenschichten. Die Taucher an der Oberfläche hatten keine Vorstellung von der bösartig wuchernden Geschwulst unter ihnen. Lange Jahre waren sie auf jenem Treibsand umhergeklettert und hatten sich schon an den Abfallteppich gewöhnt, der sich erbarmungslos ausbreitete und alles unter sich begrub.

Tag für Tag versammelten sich die Taucher zu den unmöglichsten Stunden, um den Müll zu durchsuchen, so wie immer, so wie früher, als dieser noch auf Pritschenwagen und in riesigen Fässern angeliefert wurde; so wie dann auch später, als er anfing, erster Klasse zu reisen, in speziellen Müllwagen, deren Bäuche sich öffneten und mithilfe ihrer komplexen Hydraulik alle Müllsäcke zermalmten.

Die Taucher vermissten die althergebrachten, kaum noch üblichen Transporte schmerzlich, weil bei den Pritschenwagen die Sachen pfleglicher behandelt und weder die Flaschen zerbrochen noch die Geräte zerstört wurden, die der Zufall und nicht der Vorsatz der Leute weggeworfen hatte und die unterschiedslos im Abfall gelandet waren.

In den Anfangsjahren der Müllhalde hatte der Abfall vorwiegend aus Biomüll bestanden. Es landeten Essensreste und Gemüseschalen dort. Der Rest war etwa zu gleichen Teilen Glas, Aluminium und das Holz ausgedienter Möbel, die auf der Müllhalde wieder hochgeschätzt wurden und zur Ausstattung der Behausungen oder als Feuerholz dienten.

Die Aluminiumdosen und Glasflaschen wurden verkauft. Wenn eine Dose aus Zink dabei war, verstärkte man mit ihr, selbst wenn sie rostig war, irgendeine Wand oder einen Teil des Daches. Natürlich rechnete niemand damit, dass eine solche Dose in gutem Zustand weggeworfen werden würde.

Mithilfe derartiger Materialien aus zweiter, dritter oder x-ter Hand hatte sich Única Oconitrillo ihren Sinn im Leben neu zusammengezimmert. Sie hatte immer geschworen, dass man sie aus dem Klassenzimmer direkt auf den Friedhof tragen würde. Auf der Müllhalde angekommen lernte sie, nichts mehr zu schwören. Mehrere Gründungsmitglieder der Gemeinschaft der Taucher hießen die Lehrerin willkommen und halfen beim Errichten ihrer Behausung, teils sogar mit großzügig gespendeten Versatzstücken aus angrenzenden Behausungen. Única, eine unverbesserliche Optimistin, fühlte sich glücklich und sicher in ihrem neuen Zuhause.

»Hier gibt es zwar nichts, aber es lässt sich alles finden.«

»Es könnte schlimmer sein.«

»Seien Sie ganz ruhig, Doña Única!«

»Ich bin ja ganz ruhig.«

»Doña Única, die erste Nacht ist immer die schlimmste. Wenn Sie irgendetwas brauchen, melden Sie sich bei uns!«

»Danke!«

»Es gibt überall gute Menschen«, dachte Única Oconitrillo an diesem ersten Abend, als sie zwar unter der geliehenen Decke, aber auf ihren eigenen Kartons lag. Sie fühlte sich nicht allein und schlief ein. Zweieinhalb Stunden später wachte sie auf, rollte einen Zipfel der Decke zusammen, biss fest hinein und weinte bis zum Morgengrauen.

Beim ersten Tageslicht suchte die neu angekommene Única Oconitrillo nach Wasser, um sich Gesicht und Hände zu waschen. Beim ersten Tageslicht lernte die Neuangekommene auch gleich, dass sie dafür, einen Eimer in der Hand, den Hang hinuntersteigen, dort jemanden aus der Nachbarschaft um Wasser bitten und es dann zu ihrer Behausung schleppen musste.

Was ihr niemand sagte war, dass es immer schwieriger wurde, jemanden aus der Nachbarschaft zu überzeugen, den Tauchern Wasser zu geben. Fragen mussten sie, weil keine Leitung auf den Hügel führte, schließlich war dieser Ort nie dafür bestimmt gewesen, von Menschen bewohnt zu werden. Schon bald nachdem die ersten Leute auf die Hügelkuppe der Müllhalde gezogen waren, ahnten ihre Nachbarn nämlich, zu welchem Problem sie sich mit der Zeit auswachsen würden, weshalb sie beschlossen, ihnen die humanitäre Hilfe zu kürzen, um sie davon zu überzeugen, abends wegzugehen und erst morgens wieder zur Müllhalde zu kommen, so wie man sich das bei einem normalen Arbeitstag vorstellte. »Ja, aber es gibt überall gute Menschen«, dachte Única noch einmal, als sie wieder oben war, mit sauberem Gesicht und einem vollen Eimer.

Zu Única Oconitrillos spärlichen Habseligkeiten zählte ihre Schürze. Die legte sie sich um, atmete tief durch und ging los, um sich zu den anderen zu gesellen, die schon seit einer Stunde tauchten. Am späten Vormittag hatte sie bereits zwei Einkaufstüten voll.

»Davon ist nichts brauchbar, Doña Única. Sie müssen entweder was zum Essen oder was zum Verkaufen suchen.«

Da verdorrte ihr der Mut, da fiel ihre vorletzte unschuldige Naivität von ihr ab und zerschellte auf dem Boden, als sie begriff, dass »von Müll leben« keine Metapher war, sondern erbarmungslose Realität.

»Weinen Sie doch nicht, Mädchen! Am Anfang fällt es jedem schwer, aber dann gewöhnt man sich daran.«

»Aber findet ihr das nicht eklig?«

»Eklig ist nur, nichts zum Essen zu haben.«

Da keimte neuer Mut in ihr auf: Única blickte in jedes einzelne Gesicht: Sie sah Don Conce und Don Retana, die schon so alt waren und so unerschütterlich am Leben hingen, obwohl sie ihr Brot den Baggerschaufeln entreißen mussten. Ihr Blick wanderte von Gesicht zu Gesicht weiter, wie ein Schmetterling von einer ausgetrockneten Blüte zur nächsten, und in jedem Gesicht sah sie Zustimmung. Am Ende der Reihe war Única Oconitrillo davon überzeugt, dass man ihr eine neue Wahrheit eröffnet hatte: »Eklig ist nur, nichts zum Essen zu haben.« Nie wieder verzog sie bei ihrem täglichen Brot das Gesicht, auch wenn sie tief im Herzen weiterhin das Gefühl hatte, dass eine Müllhalde kein geeigneter Ort für Menschen war. Fast hätte sie es laut ausgesprochen, konnte in jenem Augenblick diese Gewissheit aber nicht in Worte fassen, die sie in ihrer Brust spüren würde, solange sie eine Brust hätte …

Gegen Abend rief Única ihre Nachbarn zusammen, sprach mit ihnen über Nächstenliebe und rief den Brauch ins Leben, gemeinsam zu Abend zu essen, unter der Bedingung, dass jeder etwas zu dem Mahl beitrug.

»Sie ist eine Lehrerin …«

Fernando Contreras Castro:
Única blickt aufs Meer
Aus dem costa-ricanischen
Spanisch von Birgit Weilguny
Maro-Verlag
144 S., geb., 20,00 €

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