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Schule in Berlin

Mit Steinzeitpädagogik zum Erfolg

Schulleiter Michael Rudolph setzt bei seinen Schülern auf Zucht und Ordnung

Von Rainer Rutz

Schräg hinter dem Schreibtisch von Michael Rudolph hängen drei Flaggen: die Berliner, die Europa- und die Deutschlandfahne. Dazu ein akkurat ausgerichtetes Bild des Bundespräsidenten, den der Leiter der Friedrich-Bergius-Schule im Berliner Bezirk Tempelhof-Schöneberg nach eigener Auskunft sehr schätzt. Von komplizierten demokratischen Mitbestimmungsprozessen im Schulbereich, seinem Bereich also, hält Rudolph trotzdem nicht sonderlich viel. Jemand habe mal gesagt, Schule sei kein demokratisches System. »Da ist eine Menge dran«, findet er.

Rudolph leitet die ehemalige Real- und heutige Integrierte Sekundarschule seit mittlerweile 15 Jahren. Und er leitet sie nach Prinzipien, die wie aus der Zeit gefallen wirken. Pünktlichkeit, Ordnung, Disziplin, dazu »ein Unterricht, der den einzelnen Schüler an seine Leistungsgrenzen führt« - das ist dem 66-Jährigen wichtig. Angeschaltete Handys sind in dem wuchtigen Schulhaus am Perelsplatz ebenso verboten wie das Tragen von Basecaps. Hinzu kommt eine restriktive Vorgehensweise gegen Zuspätkommer.

Bis zum Beginn der Coronakrise bekamen Schüler, die es nicht rechtzeitig zum Unterrichtsbeginn um 7.30 Uhr geschafft hatten, Strafarbeiten im und am Schulgebäude aufgebrummt. Schulhof fegen, Müll aufsammeln und andere Dienste für die Allgemeinheit. Dass Rudolph auf dieses Kadettenanstaltsprogramm momentan verzichtet und Zuspätkommer stattdessen »nur« nach Hause schickt, liegt einzig daran, dass ihm in der aktuellen Teilzeitbeschulungsphase das Personal fehlt, das die Kinder und Jugendlichen beaufsichtigen könnte. Rudolph sagt zu seinen rigiden Erziehungsmaßnahmen: »Das muss sich im Gehirn des Schülers festsetzen: Das war falsch!« Er sagt solche »Erziehung muss auch wehtun«-Sätze in einem fort, dozierend und mit fester Stimme. Dabei schaut er sein Gegenüber ganz freundlich an.

Rudolph arbeitet gern mit Zahlen und Prozenten, vielen Zahlen und Prozenten. Nun denn: Rund 420 Schüler besuchen die Bergius-Schule. Über die Hälfte von ihnen ist lernmittelbefreit, weil ihre Eltern Hartz IV, Arbeitslosengeld oder andere Sozialtransferleistungen beziehen. Fast 80 Prozent kommen aus Familien nichtdeutscher Herkunftssprache, viele aus der Gegend um den »Sozialpalast« genannten Wohnkomplex an der Schöneberger Pallasstraße, der lange Zeit als sozialer Brennpunkt galt.

Genau diesen Ruf hatte auch die Bergius-Schule, als Rudolph 2005 deren Leitung übernahm. Gewaltvorfälle vor und im Schulgebäude seien damals ganz normal gewesen, sagt er. Das hatte sich herumgesprochen, auch bei den Eltern. Die Folge: Für die 116 Plätze in der siebten Klasse meldeten sich in jenem Jahr 2005 gerade einmal 38 Schüler an. Heute hat die Schule mehr Anmeldungen als Plätze. Darauf ist Rudolph stolz: »Unsere Schule ist bereits zum elften Mal in Folge übernachgefragt.« Für ihn ist das ein klares Zeichen, dass vielen Eltern aus unteren Einkommensschichten an Zucht und Ordnung für ihren Nachwuchs gelegen ist.

Als Erfolg seiner pädagogischen Methoden verbucht Rudolph auch, dass die Bergius-Schule eine im Berlinvergleich unterdurchschnittliche Schulabbrecherquote hat und über die Hälfte der Jugendlichen in der zehnten Klasse eine Empfehlung für die gymnasiale Oberstufe erhalten - wovon sie vier Jahre zuvor noch weit entfernt gewesen wären. Wie der gebürtige Westberliner betont, habe er sich selbst auch aus »kleinen« Verhältnissen hocharbeiten müssen. Sein Vater war Mechaniker bei der Post, seine Mutter Hausfrau. Niemand aus seiner Familie habe zuvor studiert, erzählt Rudolph. Für ihn steht fest: »Die Schule ist wie ein Trainingslager fürs Leben.« Wieder einer dieser ruhig vorgetragenen technokratischen Rudolph-Sätze, der Hardliner jubeln lässt - und bei anderen entgeistertes Kopfschütteln hervorruft.

Letzteres war der Fall, als die Schulinspektion der Bergius-Schule vor zwei Jahren einen Besuch abstattete. Ihr Bericht fiel vernichtend aus. Bemängelt wurde unter anderem, dass »eine strukturierte und programmatische Schulentwicklungsarbeit unter Partizipation der am Schulleben beteiligten Gruppen« nicht stattfinde. Hinzu komme der »lehrkraftzentrierte« Frontalunterricht, bei dem die individuelle Lern- und Kompetenzentwicklung der Schüler auf der Strecke bleibe. Kurzum: Die Bergius-Schule weise »erheblichen Entwicklungsbedarf« auf. Der damalige Bildungsstaatssekretär Mark Rackles (SPD) sprach mit Blick auf Rudolphs Methoden von »Steinzeitpädagogik«.

Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) drückt sich heute etwas diplomatischer aus: »Man muss einfach anerkennen, was Michael Rudolph an seiner Schule geleistet hat und leistet: die geringe Schulabbrecherquote, die niedrige Zahl der Zuspätkommer - und letztlich dann eben die Übernachfrage. Ich habe ihm aber stets auch meinen Standpunkt zu Fragen demokratischer Teilhabe deutlich gemacht«, so Scheeres zu »nd«.

Rudolph sagt, das Etikett »Steinzeitpädagogik« störe ihn nicht: »Ich nehme das als Ehrentitel.« Dieses Selbstbewusstsein basiert auch darauf, dass auf den Bericht der Schulinspektion eine öffentliche Auseinandersetzung folgte, aus der Rudolph als Sieger vom Platz ging. Der Bericht ging durch die Presse, Empörungswellen schlugen hoch. Vorzeigeschule wird von ideologisch getriebenen Inspektoren aus dem rot-rot-grünen Senat zum Problemfall degradiert, so der Tenor.

Als Rudolph dann im vergangenen Jahr die Pensionsgrenze erreichte und eine zunächst einjährige Verlängerung seines Dienstverhältnisses beantragte, stellte sich die Bildungsverwaltung quer und lehnte seinen Antrag ab. Es folgte abermals Protest. In einer Erklärung der Bezirksverordnetenversammlung Tempelhof-Schöneberg stellten sich mit Ausnahme der Linken alle Fraktionen hinter Rudolph. Kurz darauf bekam der Schulleiter seine Vertragsverlängerung.

Martina Zander-Rade, die schulpolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion im Bezirk verteidigt ihren Einsatz bis heute. Rudolph sei »beliebt und erfolgreich«. Ihr gehe es um Vielfalt: »Für viele Eltern ist die Schule von Herrn Rudolph nun mal die richtige.« Ganz anders sieht das Elisabeth Wissel von der Tempelhof-Schöneberger Linksfraktion. Rudolph, sagt Wissel, wende »lieber Sanktionen als überzeugende Pädagogik« an. Die Linke sei der Meinung, dass »er das Pensionsalter erreicht hat und jüngere, vielleicht fortschrittlichere Lehrkräfte damit verhindert«.

Umgekehrt war auch Rudolph nie ein Freund der Linken. Schon in den Nullerjahren sorgte seine Ablehnung der Sozialisten dafür, dass er nach über 30 Jahren SPD-Mitgliedschaft sein Parteibuch abgab. Klaus Wowereit hatte damals gerade den Koalitionsvertrag mit der PDS unterzeichnet. Ausgerechnet Wowereit, mit dem Rudolph Anfang der 70er an einem Lichtenrader Gymnasium in einem Jahrgang gebüffelt hatte. »Das wollte ich nicht unterstützen«, sagt Rudolph. Mit einer sozialistischen Tageszeitung unterhält er sich trotzdem. Und er scheint die Verblüffung zu genießen, dass ein »harter Hund« wie er überhaupt einmal SPD-Mitglied war.

Erfolge über Erfolge: Als während des Gesprächs mit Rudolph eine Lehrerin in sein Direktorenzimmer hereinrauscht und anfängt, verbal auf die Bildungsverwaltung einzudreschen, lässt sich der Schulleiter für einen Moment in seinem Redefluss unterbrechen. Die Kollegin schimpft: »Das regt mich auf, dass wir in dieser Coronazeit alles immer erst aus der Zeitung erfahren.« Rudolph scheint das nicht aufzuregen. Er wirkt zufrieden. In ein paar Tagen beginnen die Sommerferien, dann ist sowieso Ruhe. Im August geht es weiter. Natürlich. Sein Vertrag wurde gerade ein zweites Mal um ein Jahr verlängert. Danach ist endgültig Schluss. So will es das Gesetz. Und Ordnung muss sein.

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