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Theodor Fontane

Dem Todschießen nah

Geburt des Erzählers: Theodor Fontanes Bericht »Kriegsgefangenen«

Von Klaus Bellin

Eben erst, am 4. Oktober 1870, hatte er seiner Frau Emilie in einem langen Brief erläutert, wie seine Reise durch Frankreich weitergehen werde. Theodor Fontane war nun beinahe acht Tage unterwegs und ziemlich enttäuscht. Akzeptabel fand er lediglich die Betten, von Luxus jedoch, Komfort und Eleganz keine Spur, das Frühstück gar erbärmlich. Er schrieb aus Tours, einem Nest »etwa wie Spandau vor dreißig Jahren«, wollte aber gleich weiter, später dann über Paris nach Sedan und Metz. In Saarbrücken sollte seine Expedition zu den Schlachtfeldern des Deutsch-Französischen Krieges enden.

Aber schon am nächsten Tag waren alle Pläne hinfällig. Fontane sah sich gezwungen, seinem Schreiben am 6. Oktober eine Nachricht hinterherzuschicken. Sie enthielt gleich im ersten Satz die Hiobsbotschaft: »Seit gestern bin ich ein Gefangener und befinde mich in der Mitte Frankreichs. Es muß getragen sein.«

Es sollte sein drittes und hoffentlich letztes Kriegsbuch werden. Am 8. August 1870 hatte sich Fontane bereit erklärt, für den Berliner Verleger Rudolf von Decker über den Deutsch-Französischen Krieg zu schreiben und sich »die Sache anzusehen«, aber dann wartete er doch lieber erst einmal ab. Am 2. September, sechs Wochen nach Beginn der Feindseligkeiten am 19. Juli, kapitulierten die Franzosen bei Sedan, am 23. September fiel auch die Festung Toul. Jetzt erst brach Fontane auf und reiste über Straßburg und Lunéville nach Nancy.

Am 5. Oktober erreichte er Domrémy, die Geburtsstadt der Jeanne d’Arc, und natürlich wollte er sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen, auch ihr Denkmal zu sehen. Er klopfte gerade an der Statue herum, um herauszufinden, ob sie aus Bronze oder gebranntem Ton besteht, als er von einer Gruppe bewaffneter Zivilisten gestellt, festgenommen und zum Verhör gebracht wurde. Man hielt ihn für einen verkappten preußischen Offizier. Seine Situation, schrieb er an Emilie, wolle er gar nicht beschreiben. Sie war alles andere als rosig.

Man schaffte Fontane nach Langres (»so daß ich das Spießrutenlaufen durch eine feindlich gesinnte Bevölkerung gründlich kennenlernte«), die Straßenjugend verlangte lautstark, ihn zu füsilieren, in der Vernehmung sollte er endlich gestehen, Angehöriger des preußischen Militärs zu sein. Nachts fing er »in furchtbarer Angst« an, alles aufzuzählen, was gegen ihn sprach. Es war viel: »Ich war dem Totschießen nah.« Er war bewaffnet gewesen und hatte eine Rote-Kreuz-Binde getragen, die er nach Ansicht der Franzosen gar nicht besitzen durfte. »Ich war fertig mit allem«, wird er in seinem Bericht »Kriegsgefangen« schreiben, »und bat Gott, mich bei Kraft zu erhalten und mich nicht klein und verächtlich sterben zu lassen.«

Das Buch über den Krieg, das ihn als »Schlachtenbummler« nach Frankreich geführt hatte, konnte er vergessen. Der Krieg ging ohne ihn weiter, denn die zwei Monate bis zu seiner Freilassung (in die sich sogar Bismarck einschaltete) verbrachte Fontane, vom Spionagevorwurf bald entlastet, in privilegierter Gefangenschaft, die längste Zeit auf der Atlantikinsel Oléron. Tröstlich immerhin: Er hatte Zeit und konnte schreiben. Und begann nun, die Geschichte seiner Gefangenschaft festzuhalten.

Fontane war ja längst ein erfahrener Autor. Er hatte über England, die Mark Brandenburg, den Schleswig-Holsteinischen Krieg von 1864 und die böhmischen Schlachtfelder geschrieben, aber erst jetzt, in der Haft, zurückgeworfen auf sich selbst, reifte er zum Schriftsteller, zum souveränen Erzähler. Er beschrieb seine bedrückende Situation, beschrieb Landschaften und Bauten, die Forts und Gefängnisse, mit denen er Bekanntschaft machte, die Teestunden und Regentage, die Lektüre und natürlich die Menschen, französische Offiziere und deutsche Kriegsgefangene, Kriminelle und Gendarmen.

Von einem jungen Gefreiten aus Pforzheim lernte er alles über den Juwelenhandel, eine Welt, die er bisher nicht kannte. Ein anderer Deutscher, der fast alle bedeutenden Städte Europas gesehen hatte, ebenfalls als Spion verhaftet, eine »wunderliche Figur, gutmütig und schlau«, bestärkte ihn in der Auffassung, dass die Welt oft schlechter ist, »als wir sie nehmen, aber noch öfter vielleicht ist sie besser«. Kaum in der Zitadelle von Oléron angekommen, empfing ihn Kapitän Forot in seinen Privaträumen mit Straßburger Bier und der Voraussage, er werde seine Gefangenschaft auf der Insel noch segnen: »Sie werden einen guten Stoff gewinnen und Ihr zukünftiger Biograph einen noch besseren.«

Forot hat sich nicht geirrt. Die zwei Monate lieferten reichlich Material für ein respektables und packendes Buch, durchsetzt mit leisem Humor sowie einer ansehnlichen Prise Ironie und Selbstironie. Wunderbar gelassen und ohne jede nationale Überheblichkeit erzählte Fontane von seinen Abenteuern, die mit seiner Entlassung noch nicht ausgestanden waren, denn er musste auf vorgeschriebener Route allein reisen, von Norden durch ganz Frankreich bis zum Mittelmeer, für einen Deutschen eine heikle, nicht ungefährliche Angelegenheit. Aber er hatte Glück, erreichte ungeschoren die Schweiz und schrieb zu Hause rasch seinen Bericht zu Ende, den man nach dem Vorabdruck in der »Vossischen Zeitung« Anfang 1871 schon kaufen konnte. Da war der Krieg noch immer nicht vorbei.

»Kriegsgefangen«, dieser liebenswerte Erlebnisbericht, der meist im Schatten der großen Erzählungen und Romane steht, liegt jetzt, hundertfünfzig Jahre nach Beginn des Deutsch-Französischen Krieges, bei Aufbau in einer von Christine Hehle kompetent betreuten Neuausgabe wieder vor. Das Buch, ins Russische, später auch ins Französische übersetzt, war Fontanes bislang schönster Erfolg, geschätzt und geliebt vor allem von den Berlinern. Nur Kritiker, darunter der eigene Sohn George, der in den preußischen Reihen mitgekämpft hatte, murrten. Sie fanden es viel zu franzosenfreundlich.

Theodor Fontane: Kriegsgefangen. Erlebtes 1870. Aufbau, 264 S., geb., 20 €.

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