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Fleischfabriken

Im Dienste des Formfleischschinkens

Leo Fischer über die dreifache Quälerei bei der industriellen Verarbeitung von Tieren

Von Leo Fischer

So läuft der Neustart der Wirtschaft nach dem sogenannten Corona-Lockdown prächtig an: mit einem Bundeswehr-Einsatz. Nach den Neuinfektionen in der Fleischfabrik von Tönnies hat der Kreis Gütersloh bei der Bundeswehr um Hilfe für Reihentests gebeten.

Seit diesem Wochenende sollen nun Militärs mit medizinischen Vorkenntnissen dafür sorgen, dass der Laden wieder brummt. Wenn inmitten der Pandemie die deutsche Wirtschaft nur mit vorgehaltener Waffe in Schwung kommt, dann muss das eben so sein. Schüler*innen aus Gütersloh, die man gerade sinnloserweise zurück in die Schulen gelassen hat, werden nun ebenso sinnlos wieder nach Hause geschickt. Doch kein Opfer ist zu groß für die ununterbrochene Versorgung der Bevölkerung mit Formfleischschinken und Knochenbrei-Nuggets!

Fleisch kann mal leider nicht im Homeoffice erschaffen werden! Fleisch ist Handarbeit, und leider geht es dabei nicht immer appetitlich zu. Ja, Fleisch muss doppelt und dreifach geschunden werden: Gequält wird das Fleisch der Arbeiterschaft, die die menschenunwürdigen Bedingungen in der Industrie nur wenige Jahre erträgt, wo grauenvolle Betriebsunfälle und lebenslange Verstümmelungen durch die rasiermesserscharfen Zerlegungsinstrumente ein reales Berufsrisiko sind; in Verhältnissen, wo deutsche Arbeitsschutzgesetze rein symbolische Funktion haben. Gequält wird das Fleisch der Tiere, brachial zugerichtet vor und nach dem Tod. Gequält wird aber auch das Fleisch der Endverbraucher*innen, denen das widerwärtige Produkt widerwärtiger Verhältnisse die Adern verstopft, Darmkrebs, Nierenleiden, Rheuma und Diabetes verschafft.

Dennoch gibt es einen linken, sozialdemokratischen Kult ums Fleisch, der seinesgleichen sucht: kein Gewerkschaftsfest, keine SPD-Feier ohne rituellen Bockwurstverzehr, ohne Lob auf Schnitzel und Co., ohne feixende Seitenhiebe auf Vegetarier. Noch immer wird hier Fleisch gefeiert wie in den 50ern, als Zeichen hart erkämpften Wohlstands.

Seine Herstellung dagegen ist in Deutschland ausschließlich als Produkt aktiver Entsolidarisierung, durch willentliche Duldung vordemokratischer Verhältnisse möglich: mit sklavereiähnlichen Zuständen und rassistischen Sonderregelungen für ausländische, weitestgehend schutz- und hilflose Hilfskräfte, denen die Pässe abgenommen, die in bizarre Werksverträge hineingezwungen werden, in denen sie noch für Schutzkleidung selbst zahlen müssen, um sich nicht schon bei Schichtbeginn den Arm abzusäbeln. Eine Hölle, aus der niemand entfliehen darf. Man muss kein Tierfreund sein, um Zustände wie diese abschaffen zu wollen. Menschenfreund zu sein, reicht völlig aus.

Entsolidarisierend ist auch der Streit um die Fleischpreise, in beide Richtungen: Während die grüne Ökobourgeoisie in der Verteuerung die Rettung sieht, will die traditionelle Sozialdemokratie die Preise niedrig halten. Beide tun dies jeweils, um nicht von höheren Löhnen reden zu müssen; beide tun dies, um den separaten, unreglementierten Fleischarbeitsmarkt im Kern unangetastet zu lassen.

Wie nun weiter verfahren mit dem Fleischkönig von Nordrhein-Westfalen, Armin Laschet, dem die Gefahren eines frühen Neustarts der Wirtschaft ständig vorgehalten wurden und der jetzt »Rumänen und Bulgaren« die Schuld geben möchte statt den skrupellosen Fleischbaronen und ihren willfährigen Bütteln in Politik und Verwaltung? Die »Stimme der Vernunft« fordert: Im Sinne einer Imagekampagne fürs Fleisch soll sich Armin Laschet einen Monat lang ausschließlich von Produkten der Firma Tönnies ernähren. Wenn er dann noch lebt, kann man auch gerne die Wirtschaft wieder neu starten.

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