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Vom Irrsinn zur Sensation

Nach einem »Motivationstritt« könnte der Deutsche Volleyball-Verband mit seiner Beach-Serie zum Vorbild werden

  • Von Lars Becker
  • Lesedauer: 4 Min.
Alexander Walkenhorst (r.) hat die Beach-Liga in Düsseldorf organisiert. Dafür bekommt er Lob von allen Seiten. Und mit seinem Partner Sven Winter führt er nach sieben Spielen die Tabelle der acht Teams an.
Alexander Walkenhorst (r.) hat die Beach-Liga in Düsseldorf organisiert. Dafür bekommt er Lob von allen Seiten. Und mit seinem Partner Sven Winter führt er nach sieben Spielen die Tabelle der acht Teams an.

Es ist einen Monat her, dass sich die Satiresendung »Extra 3« des NDR über die Corona-Übergangsregeln des Deutschen Volleyball-Verbandes (DVV) im Beachvolleyball lustig gemacht hat. In der Rubrik »Realer Irrsinn« wurden die absurden Vorschläge - wie ein Verbot des Blockspiels am Netz oder eine Sperrzone in der Mitte des Feldes zur Kontaktvermeidung zwischen den beiden Spielern eines Teams - mit einem Augenzwinkern durch den Kakao gezogen.

Um die Blamage für den DVV noch größer zu machen, spielen seit Mitte Juni jeweils acht deutsche Frauen- und Männerduos in Düsseldorf eine unabhängige Beach-Liga. Mit einem strengen Hygienekonzept, ohne Zuschauer - aber den sonst gewohnten Regeln. Organisiert wird sie nicht etwa vom Verband, sondern von einem Trio um den Essener Profi Alexander Walkenhorst, der sich zuvor ebenfalls amüsiert hatte: »Über die Regeln des DVV lacht die ganze Welt.« Die Athleteninitiative hingegen ist zweifellos ein Erfolg: Mehr als eine Million verschiedene User schauten sich auf der Streamingplattform Twitch die ersten Spiele der Beach-Liga an.

Während der telefonischen Pressekonferenz des DVV am Montag, in der es hauptsächlich um die eigene Turnierserie »Road to Timmendorf« ging, wurde die Beach-Liga trotzdem erst nach 34 Minuten und erst auf Nachfrage erwähnt. »Die jungen Wilden waren schneller. Das ist völlig okay«, sagte Volker Braun. Der kommissarische Geschäftsführer der DVV-Vermarktungsagentur sprach zugleich von einer »partnerschaftlichen Zusammenarbeit, keiner Konkurrenz«. Und so beginnt die verbandseigene Serie am 17. Juli in Düsseldorf. Genau dort, wo am 12. Juli die Finals der Beach-Liga steigen sollen.

Laut Braun wurde dem DVV von den umtriebigen Hobby-Turnierorganisatoren »eine Tür aufgemacht«. Man könnte auch von einem Motivationstritt reden. Und immerhin darf man sagen, dass der bis dato schläfrige Verband diese Chance genutzt hat. Ab 17. Juli werden jeweils an den Wochenenden von Freitag bis Sonntag vier Turniere in Düsseldorf und zwei in Hamburg für die besten Acht der deutschen Beach-Rangliste und zusätzlich Qualifikationsspiele für weitere acht Teams stattfinden. Zudem soll vom 3. bis 6. September die Deutsche Meisterschaft im Beachvolleyball in Timmendorfer Strand mit Zuschauern über die Bühne gehen. Das wäre in Coronazeiten im deutschen Sport eine Premiere - und eine echte Sensation.

Im Bundesland Schleswig-Holstein gilt derzeit eine Verordnung, die für Events im Freien mit bis zu 1000 Teilnehmern die Erteilung einer Ausnahmegenehmigung ermöglicht. Und die ersten Signale des Gesundheitsministeriums Ostholstein auf das DVV-Konzept sind durchaus positiv. Die Pläne des Verbandes sehen laut Braun vor, dass »mit gebührendem Abstand bis zu 600 Zuschauer« auf den Tribünen Platz finden können. Das ist natürlich kein Vergleich zu den mehr als 6000, die bei den Meisterschaftsfinals in den Vorjahren zuschauen wollten. Aber diese 600 sind immerhin ein Hoffnungsschimmer. Der Ansturm auf die personalisierten Tickets dürfte nicht nur deshalb riesig sein. Schließlich könnten die Titelkämpfe die erste Sportveranstaltung in Deutschland sein, bei der Fans wieder live dabei sein dürfen. Coronatests für Zuschauer oder Journalisten soll es dabei nicht geben. Aber natürlich für alle Sportler, Schiedsrichter und sonstige direkt am Turniergeschehen beteiligte Menschen.

Wer nicht live dabei sein darf, kann sich die wichtigsten Spiele der Titelkämpfe und der Vorbereitungsturniere im frei empfangbaren Fernsehen auf Sport1 anschauen. Mehr als 21 Stunden will der Sportsender in den kommenden Wochen live berichten, auch das ist ein bemerkenswerter Erfolg des DVV. Das Preisgeld bei der Meisterschaft soll sich an dem der Vorjahre orientieren - 2019 kassierten die Sieger 10 000 Euro. Starten sollen bei der neuen Verbandsturnierserie alle Nationalteams, darunter Olympiasiegerin Laura Ludwig mit ihrer Partnerin Margareta Kozuch sowie die Vizeweltmeister Julius Thole und Clemens Wickler.

»Es ist bislang kein internationales Turnier in diesem Jahr bestätigt. Deshalb stehen nur die drei Turniere und die Deutsche Meisterschaft in unserem Kalender. Dafür sind wir sehr dankbar. Und das Timmendorfer Turnier wird für uns das absolute Highlight sein«, sagte Thole bei der Pressekonferenz am Montag. Vor einem Monat war genau jener Weltklasseathlet im Satirevideo des NDR über die Corona-Beachregeln übrigens noch mit den Worten »12 neue Regeln. Pures Chaos« aufgetreten.

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