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Einmal in Stalins Sessel

Schloss Cecilienhof zeigt eine neue Ausstellung zum 75. Jahrestag der Potsdamer Konferenz

  • Von Tomas Morgenstern
  • Lesedauer: 4 Min.

Schloss Cecilienhof im Potsdamer Neuen Garten zeigt sich dieser Tage von seiner schönsten Seite. Die 1917, noch kurz vor dem Sturz der Monarchie, fertiggestellte Hohenzollernresidenz ist vor zwei Jahren saniert worden, rundum grünt und blüht es üppig. Und am Vortag erst hat Matthias Simmich, der Kurator der neuen Sonderausstellung, die am Dienstag in dem stattlichen Gebäude eröffnet wurde, eigenhändig die Fahnen der UdSSR, der USA und Großbritanniens in die Halterungen über dem Eingangsportal gesteckt.

Mit coronabedingt siebenwöchiger Verspätung widmet die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten (SPSG) ihre Ausstellung »Potsdamer Konferenz 1945 - die Neuordnung der Welt« einem weltpolitischen Ereignis, das an diesem Ort vom 17. Juli bis zum 2. August vor 75 Jahren stattfand. Sie wird nun, wie Kurator Simmich bekannt gab, auch zwei Monate länger, nämlich bis zum 31. Dezember 2020 zu sehen sein.

Es gibt dieses historische Foto, dass die drei führenden Köpfe der Antihitlerkoalition in einer Beratungspause zeigt: Josef Stalin, Harry S. Truman und Winston Churchill, recht unbeholfen nebeneinander in Korbstühlen auf der sonnigen Terrasse von Schloss Cecilienhof sitzend. Jenseits der staatsmännischen Pose, so scheint es, hat die Chemie zwischen den Staatenlenkern der Sowjetunion, der USA und Großbritanniens bereits wenige Wochen nach dem Sieg über Nazi-Deutschland nicht mehr gestimmt. Das Foto ist heute längst eine Ikone, man verbindet es automatisch mit der damals vor den Toren des zerstörten Berlin abgehaltenen Konferenz der Siegermächte, auf der die Grundlagen zumindest für die europäische Nachkriegsordnung ausgehandelt worden, auf der die Sowjetunion ihren Anspruch demonstrierte, als Großmacht auf Augenhöhe mit den Koalitionspartnern zu verhandeln. Eine Konferenz, die auch die Grundlagen für das folgende Zerwürfnis, die politische Spaltung des Kontinents und den kalten Krieg der Systeme legte.

Als einer der Sponsoren hat die Ostdeutsche Sparkassenstiftung Kopien der drei weißen Korbsessel anfertigen lassen - die Originale sind längst verschwunden. Noch stehen die Kopien verwaist auf der Terrasse - einmal auf Stalins Sessel, es wird wohl ein gefragtes Fotomotiv werden.

»Unsere Schlösser und Gärten sind nicht nur Kunstdenkmäler, Garten- und Architekturdenkmäler und großartige Sammlungen, sie sind bedeutende Schauplätze der Geschichte«, betonte SPSG-Generaldirektor Christoph Martin Vogtherr. In besonderem Maße treffe das auf Cecilienhof zu. Die hier gezeigte Exposition sei im Rahmen des von Kulturland Brandenburg 2020 organisierten Themenjahres »Krieg und Frieden. 1945 und die Folgen in Brandenburg« entstanden. Die Stiftung zeichnet mit der aufwendig gemachten Multimedia-Ausstellung in Cecilienhof jene schicksalhaften Tage im Sommer 1945 auf vielfältige Weise nach. Einerseits lässt sie die Räumlichkeiten auf die Besucher wirken, die zeitweiligen Arbeits- und Aufenthaltsräume der Delegationen, ausstaffiert mit manch historischem Ausstattungsdetail. Das Feldtelefon auf Churchills Schreibtisch etwa, das Stalin-Porträt »Der Morgen unseres Vaterlandes« des sowjetischen Malers Fjodor S. Schurpin, das im Quartier der sowjetischen Delegation hing. Der zeitlichen Einordnung dienen dokumentarische Fotos - von den politischen Akteuren, Aufnahmen von den Kriegsschauplätzen, historische Zeitleisten. Und immer wieder Szenen von Kampf, Leid und Triumph der Menschen. Filmaufnahmen führen gleich zu Beginn in die kriegszerstörte Potsdamer Innenstadt. Ein großes Thema sind die unmittelbaren und auch die bis heute spürbaren Auswirkungen dessen, was sich im Sommer 1945 in Potsdam abspielte. Bis hin zu der Tatsache, dass US-Präsident Truman am Rande der Konferenz den Atombombeneinsatz gegen Japan befahl.

Sehr bewegend wirkt etwa, wie die Ausstellungsmacher dem Besucher die damals 19-jährige Joy Milward, die als Sekretärin der britischen Delegation Winston Churchill nach Potsdam begleitet hatte, beim Rundgang quasi zur Seite geben. Die heute 94 Jahre alte Dame hat damals ein berührendes Tagebuch geführt, aus dem an verschiedenen Orten zitiert wird. Auch die heutige Joy Milward kommt in Ton und Bild zu Wort. Und sie wird, sofern möglich, bald auch persönlich nach Schloss Cecilienhof kommen.

Der Start der Ausstellung scheint geglückt. »Das Haus war schon gut gefüllt«, sagte am Nachmittag Stiftungssprecher Frank Kallensee. Das ist relativ, denn Schloss Cecilienhof, das letztes Jahr 140 000 Besucher zählte, darf in seinen Räumen wegen der Pandemiebestimmungen nur 215 Besucher pro Tag einlassen - maximal 30 Personen für jeweils 90 Minuten.

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