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Etwas lockerer

Hochhausbewohner in Göttingen dürfen unter Auflagen und mit Maske das Haus verlassen

  • Von Reimar Paul
  • Lesedauer: 3 Min.

Die Ausgangsbeschränkungen für die Bewohner des Göttinger Wohnkomplexes, in dem sich mehr als 120 Menschen mit Corona infiziert haben, gelten weiter, wurden aber etwas gelockert: Wer zweimal negativ getestet wurde, darf seit Montagabend das Gebäude unter Auflagen und maximal in Dreiergruppen verlassen. Wer einkaufen oder eine Runde mit dem Hund drehen will, muss Maske tragen und sich an den abgesperrten Zugängen zu dem Gelände ab- und wieder anmelden.

Am Montagabend und Dienstagmorgen waren Beobachtungen zufolge zunächst nur wenige Bewohner der Anlage unterwegs. Im Komplex leben rund 700 Menschen, darunter etwa 200 Kinder und Jugendliche, in äußerst beengten Verhältnissen. Viele sind Hartz IV-Empfänger und Migranten. Nach dem Corona-Ausbruch mit zunächst etwa 100 Infizierten hatte die Stadt den Wohnblock abriegeln und unter Quarantäne stellen lassen.

Die Bewohner werden von der Stadtverwaltung und Hilfswerken mit Lebensmitteln versorgt. Am Sonnabend war es an einem der Eingänge zu heftigen Auseinandersetzungen gekommen. Bis zu 100 Bewohner hatten versucht, die Absperrungen zu überwinden. Sie wurden von der Polizei unter massivem Einsatz von Pfefferspray zurückgedrängt. Vom Hof und aus Fenstern flogen Gegenstände auf die Beamten, acht seien dabei verletzt worden, sagte eine Polizeisprecherin. Ein Mann wurde vorläufig festgenommen.

Gleichzeitig hatten am Sonnabend bis 250 Menschen in der Nähe der Wohnblocks gegen Wohnungsnot und für eine dezentrale Unterbringung der betroffenen Familien demonstriert. Die Forderung wird auch in einer Online-Petition an Göttingens Stadtverwaltung erhoben. Die bis Dienstagmorgen über 400 Unterzeichner erklären, dass besonders das Wohl der Kinder gefährdet sei, wenn 700 Menschen auf engstem Raum eingesperrt würden. Auch für Erwachsene sei die Lage unerträglich. »Es geht hier und anderswo so konkret wie prinzipiell um den Umgang des Staates mit Menschen, die ohnehin Ausgrenzung erfahren, um das Wohl hunderter Kinder, um Humanität«, sagte Fluchtforscherin Miriam Schader, die die Petition initiiert hat. Aktivisten halten vor dem Haus eine Dauermahnwache ab. »Dabei geht es einerseits darum, die Polizei kritisch zu beobachten und andererseits die Bewohner zu unterstützten«, erklären sie.

Mit Blick auf die prekären Wohnverhältnisse im betroffenen Block forderte der Göttinger CDU-Bundestagsabgeordnete Fritz Güntzler die Stadt zum Handeln auf. Sie müsse endlich an Lösungen arbeiten, wie derartige soziale Brennpunkte auf Dauer verändert und besser geschützt werden könnten. »Es wurde jahrelang weggeschaut, zu lange weggeschaut.« Die Stadt habe in der Vergangenheit dort Wohnungen angemietet. Die nun als Schrottimmobilien gehandelten Wohnungen fänden nur Käufer, weil die Stadt für die Mieten garantiere.

Durch den massenhaften Corona-Ausbruch sind die Infektionszahlen im Landkreis Göttingen stark gestiegen, am Montagabend lagen sie bei 247 Infizierten. Der Alarmwert von 50 angesteckten Personen pro 100 000 Einwohner in einer Woche ist damit erreicht, die Zahl liegt bei 50,34. Anfang Mai hatten Kanzlerin und Länderchefs vereinbart, dass bei Erreichen der Quote in einem Landkreis konsequente Maßnahmen zur Beschränkung der Pandemie zu ergreifen sind. Einen Lockdown für das Göttinger Kreisgebiet wird es aber nicht geben, erklärten Göttingens Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler und Landrat Bernhard Reuter (beide SPD). »Der aktuelle Corona-Ausbruch ist auf den Wohnkomplex am Rand der Innenstadt beschränkt und unter Kontrolle«, so Köhler.

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