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Verleumdet und vergessen

Empfehlenswert für die Traditionspflege in der Bundeswehr: die »Weißen Raben«

Beschimpft, verleumdet, ausgegrenzt, verfolgt und vergessen - waren auch jene deutschen Offiziere, die nach dem Erlebnis des Ersten Weltkrieges der Gewalt- und Militärpolitik eine Absage erteilten und sich der Friedensbewegung anschlossen. Sie engagierten sich für Versöhnung mit Polen und Franzosen, bekämpften Antisemitismus und Fremdenhass und wandten sich gegen revanchelüsterne Kräfte im eigenen Land. Den »alten Kameraden« galten sie als »Verräter« und »Volksverderber«. Von diesem Makel sind sie bis heute nicht wirklich »befreit«. Deshalb verdient es der jüngst von Wolfram Wette und Helmut Donat herausgegebene Band über pazifistische Offiziere, als ein Meilenstein begriffen zu werden.

Zu den »weißen Raben« gehörte der ehemalige Kolonialoffizier und Kapitänleutnant a. D. Hans Paasche (1881- 1920), der die Schuld des deutschen Kaiserreichs und Militärs am Ersten Weltkrieg anprangerte und die Verantwortlichen für das Völkergemetzel vor Gericht stellen wollte. Er hatte den Verlust der deutschen Kolonien begrüßt und »Afrika den Afrikanern!« gefordert - und wurde am 21. Mai 1920 feige ermordet. Die Untat blieb ungesühnt. Der Bremer Verleger Helmut Donat, der Paasche vor über 40 Jahren wiederentdeckt hatte, wandte sich Ende Januar dieses Jahres wiederholt an den Bremer Bürgermeister mit dem Vorschlag, eine Straße in der Hansestadt nach dem Antimilitaristen zu benennen - und wartet bis heute auf eine Antwort.

Als ein Symbol des Widerstands scheint im heutigen Deutschland aus regierungsamtlicher Sicht auch nicht Generalmajor Paul Freiherr von Schoenaich (1866-1954) zu taugen, der 1929 zum Präsidenten der Deutschen Friedensgesellschaft gewählt worden war und in dem hier anzuzeigenden Band mit 16 weiteren ehemaligen Offizieren gewürdigt wird. Nach ihm wurde 1945 in seinem Heimatort Reinfeld in Holstein ein nicht mehr opportuner Adolf-Hitler-Platz umbenannt. Mehr als lokale Ehrung erfuhr er jedoch nicht, trotz CDU-Mitgliedschaft. Der Grund ist offensichtlich. An pazifistische Militärs zu erinnern, passt nicht zu einer sich wieder zu Kriegseinsätzen ins Ausland begebenden Bundeswehr. In seinem 1947 veröffentlichten »Geheimen Tagebuch« hatte Freiherr von Schoenaich über die deutschen Generäle, die er »schwer mitschuldig« nannte, geschrieben: »Solange alles gut ging, haben sie zu 99 Prozent zu Hitler gestanden. Die Aufrüstung brachte ihnen das hochwillkommene gute Avancement, und im Krieg steckten sie die ersten Siegeslorbeeren stolz an ihre Helme.« Zur Erinnerung: Die Legende von der »sauberen Wehrmacht« feierte dagegen in der Bundesrepublik bis in die 90er Jahre hinein fröhliche Urständ.

Hans-Georg von Beerfelde (1877- 1960), Spross einer märkischen Junkerfamilie, 1914 Kriegsfreiwilliger, zunächst Anhänger der Alldeutschen, verweigerte im Ersten Weltkrieg an der Westfront einen Befehl, der seine Untergebenen das Leben gekostet hätte. Der trotzdem im März 1917 in den Großen Generalstab berufene Hauptmann machte sich hernach darum verdient, die Schuld der zivilen und militärischen Reichsleitung am Völkergemetzel aufzudecken und dokumentarisch zu belegen, was ihm Haft einbrachte. Nach seiner Befreiung am 9. November 1918 lernte er Paasche kennen, gleich dem er in den Vollzugsrat des Arbeiter- und Soldatenrates gewählt wurde, quasi die Exekutive der Revolution. Hunderttausendfach verbreitet wurde Beerfeldes Schrift »Michel wach auf!«, in der er die deutsche Kriegsschuld anprangerte. Fortan wurde er auch von der SPD verunglimpft. Nach 1933 schlugen ihn die Nazis zum Krüppel. Nach 1945 setzte er sich für weltweite Abrüstung ein. Sein Schicksal hat in diesem Band Lothar Wieland nachgezeichnet, der ihm bereits eine eindrucksvolle Biografie gewidmet hatte, die im selben Verlag erschienen ist.

Kapitänleutnant a. D. Heinz Kraschutzki (1891-1982) wiederum, der in der Weimarer Zeit bei der pazifistischen Wochenzeitung »Das Andere Deutschland« mitwirkte, machte sich insbesondere bei der Enthüllung der geheimen, den Versailler Vertrag verletzenden Aufrüstung verdient. Juristischer Verfolgung entzog er sich 1932 durch Flucht nach Mallorca, wo er vom Franco-Regime auf Betreiben der Nazis 1936 zu Zuchthaus verurteilt wurde. Nach 1945 wieder in Deutschland, engagierte er sich in der Friedensbewegung, versuchte im Ost-West-Konflikt zu vermitteln - und wurde verleumdet. In seinen unveröffentlichten Erinnerungen heißt es: »Es ist nicht wahr, dass wir Pazifisten unser Vaterland nicht lieben. Wir wollten nur nicht, dass es so aussähe, wie es 1945 tatsächlich aussah.«

Dieses Buch sollte Standardlektüre im Verteidigungsministerium und in der sogenannten Truppe sein.

Wolfram Wette (Hg.): Weiße Raben. Pazifistische Offiziere in Deutschland vor 1933. Mit Helmut Donat. Donat-Verlag, 496 S., geb., 29,80 €.

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