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  • Politik
  • Coronakrise in Griechenland

Das öffentliche Gesundheitssystem hat uns gerettet

Lungenarzt Kostas Eleftheriou über die glimpflich überstandene erste Welle von Covid-19 in Griechenland

  • Von Carolin Philipp
  • Lesedauer: 4 Min.

Internationale Medien loben Griechenland für die gute Bewältigung der Coronakrise. Wie hat es Griechenland geschafft, nur 190 Todesfälle durch Corona zu erleiden?

Im Vergleich zu Italien kann dies als Erfolg gewertet werden. Wenn wir jedoch genauer hinsehen, weisen Osteuropa und die Balkanländer im Allgemeinen eine niedrigere Sterblichkeitsrate auf, vielleicht aufgrund von weniger internationalem Handel.

Ich denke, dass der Erfolg Griechenlands in Bezug auf Covid-19 hauptsächlich mit der frühen Ausgangssperre zu tun hat und damit, dass die Regeln befolgt wurden, auch aufgrund der bedrohlichen Situation in Italien. Das mag seltsam klingen, da allgemein angenommen wird, dass die Menschen in unseren Ländern den Anweisungen von Regierungen weniger gehorchen.

Griechenlands Gesundheitssystem ist inzwischen stark privatisiert. Wo wurden die Covid-Patienten behandelt?

Die große Mehrheit der Patienten wurde in öffentlichen Krankenhäusern behandelt, auch wenn es sich um wohlhabende Menschen handelte. Das ist ironisch, weil die rechtskonservative Regierung grundsätzlich gegen den öffentlichen Sektor ist, wenn es um Krankenhäuser, Bildung und anderes geht. Und jetzt wurde die ganze Krise durch das öffentliche System überstanden. Das muss betont werden, weil es nicht sehr bekannt ist und von öffentlichen und privaten Medien nicht erwähnt wird.

Das Gesundheitspersonal im Evangelismos-Krankenhaus hat sich organisiert. Allerdings wurde eine dieser Versammlungen von einer Spezialeinheit der Polizei gestürmt. Was ist da passiert?

Am Anfang der Corona-Krise war das Gesundheitspersonal besorgt. In unserem Krankenhaus wurden Versammlungen mit dem gesamten Personal organisiert. Wir stellten Forderungen an die Krankenhausleitung, hauptsächlich für Schutzkleidung. Eine weitere wichtige Forderung war mehr Personal. Evangelismos hat die größte Intensivstation des Landes, die Intensivbetten wurden von 30 auf rund 60 erhöht. Dies sollte eigentlich mindestens doppeltes Personal bedeuten. Aber es gab aber keine wirklichen Neueinstellungen, sondern nur einen Transfer aus anderen Krankenhäusern.

Aber warum hat die Polizei die Versammlung gestürmt?

Ich war an diesem Tag nicht dabei, bin aber gut informiert darüber. An diesem Tag gab es einen Protestveranstaltung im Eingangsbereich von der offiziellen Gewerkschaft des Gesundheitspersonals. Die Polizei betrat das Krankenhausgelände mit der Begründung, dass während des Protestes die Abstandsregeln nicht eingehalten wurden. Natürlich gab es eine starke Reaktion der Teilnehmer und die Polizei musste sich zurückziehen. Während der Coronazeit gab es einen Diskurs darüber, dass Ärzte und Krankenpfleger Helden sind. So war es total widersprüchlich, sie von der Polizei verprügeln zu lassen. Wieder berichtete ein großer Teil der Medien nicht darüber. Andere präsentierten die Gewerkschaftler als lächerliche Kommunisten, die die Sicherheitsmaßnahmen gefährdeten. Dies ist von entscheidender Bedeutung: In Griechenland ist die große Mehrheit der Medien mit der Regierung verbunden und sie betonen nur die positiven und nicht die negativen Aspekte dieser Regierung. Ein Teil der offiziellen Erfolgsgeschichte von Corona in Griechenland ist auch die Art und Weise, wie sie präsentiert wurde.

Während des Lockdowns, der restriktiven Ausgangssperre, sollten die Griechen zu Hause bleiben und sich physisch distanzieren, während die Lage in den Lagern von Geflüchteten ganz anders aussah ...

Das war ebenfalls ein großer Widerspruch. Die Regierung hat die Menschen in den Lagern eingeschlossen: Die entgegengesetzte Strategie! Geflüchtete werden nicht wie Menschen behandelt. Wenn wir das Virus eindämmen wollen, müssen wir die Risikogruppen schützen und zumindest sie aus den Lagern entfernen. Das ist aber nicht geschehen. Es ist sehr besorgniserregend, aber generell die Politik dieser Regierung. Sie behandeln Migranten wie Feinde. Geflüchtete sollen so davon abgehalten werden, nach Griechenland zu kommen.

Wird das offen so von der Regierung vertreten?

Jetzt schon. Aber das erste Mal, dass ich so etwas gehört habe, war um 2007. Thanasis Plevris, ein Politiker der extrem-rechtspopulistischen LAOS sagte öffentlich: »Behandle sie so schlecht, dass sie nicht kommen wollen.« Damals wurde das als rassistisch verurteilt. Nicht nur von linken Parteien, auch die jetzt regierende Nea Dimokratia war gegen solche Aussagen. Nun ist es die offizielle Politik geworden. Die Hälfte der LAOS-Politiker ist zu Nea Dimokratia übergetreten. Plevris und auch Entwicklungsminister Antonis Giorgiadis, Landwirtschaftsminister Makis Voridis und viele andere. Wenn man jetzt sagt, eine solche Aussage sei rassistisch, wird man als linksextrem betrachtet.

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