Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.

Ampel schon auf Hellgrün

Mit Bedacht und »byrso« raus aus dem Lockdown / nd-Leserreise nach Bulgarien im September

Von Michael Müller

Wie anderswo kommt derzeit das Leben nach dem Corona-Lockdown auch in Bulgarien wieder ins Lot. Mit Bedacht, aber vielleicht noch einen Tick schneller als anderswo. Denn »byrso, byrso!« (dt. svw. »los, los!«) entspricht der spontanen, um nicht zu sagen: etwas aktionistischen, Lebensweise auf dem Balkan. In Einzelereignissen stellt sich das in den aktuellen bulgarischen Medien etwa so dar:

Dieser Tage wurde in Sofia eine repräsentative Fotoausstellung zum Lebenswerk des »Verhüllungskünstlers« Christo (1935, Gabrowo - 2020, New York) eröffnet. Auch die Jahrespräsentation der Plowdiwer Maler, Grafiker und Bildhauer, diesmal zum Titelthema »Zwetowe« (Blumen), begann mit dem Hygiene-Gesichtsequipment sowie mit einer geradezu ritualisierten 1,50-Meter-Distanz. In Warna berichteten Archäologen bei einem öffentlichen Workshop über eine jüngste, einmal mehr auch sensationelle Ausgrabung in der sich über fast 10 000 Quadratmeter erstreckenden antiken Therme der Stadt. Das Museum für Satire und Humor in Gabrowo begrüßt wieder Besucher und bereitet für 2021 seine 25. Biennale vor. Bars und Hotels funktionieren längst entlang der üblichen Sicherheitsauflagen, und am kommenden Dienstag will Bulgaria Air auch wieder die saisonalen Inlandflüge aufnehmen.

Großveranstaltungen gab und gibt es bislang ebenso wenig wie anderswo im Ausland. Auch der Gay Pride, in Sofia seit 2008 traditionell im Juni, fiel aus. Stattdessen lief eine kesse, kämpferische TV-Show, von der aus auch 1000 Regenbogenfahnen ihren Weg ins ganze Land nahmen. Die immerhin anderthalbstündige landesweit ausgestrahlte Sendung kann angesichts homophober Tendenzen in den Balkanländern als Achtungserfolg gesehen werden. Ganz offensichtlich taten das auch diplomatische Kreise in Sofia; die Inlandsmedien zitierten jedenfalls aus fast 20 entsprechenden Statements.

Die bulgarische Inflationsrate von Mai 2020 war mit plus 1,3 Prozent monatlich die niedrigste seit vier Jahren. Bei den Hotel- und Restaurantpreisen steht das Land laut jüngsten Eurostat-Angaben an letzter, also preisgünstigster Stelle in der EU (bei nur 53 Prozent des EU-Durchschnitts). Gegen den Trend in Westeuropa sank der Konsum von Schnaps und Wein in Bulgarien seit Mitte März signifikant. Die Inlandspreise für diese Produkte waren im Mai im Monatsvergleich zu 2019 um 30 Prozent gesunken (wobei privat Gebranntes bzw. Gekeltertes aus der Statistik herausgerechnet ist). Den Euro kann man in die Landeswährung Lew bis dato wie gewohnt 1:1,96 tauschen, also etwa so wie schon bald nach dem EU-Beitritt Bulgariens im Jahr 2007.

Für eine Kultur- und Bildungstour mit nd-Leserreisen steht die Ampel also mindestens schon auf Hellgrün. Weitere Normalisierungen in Kürze sind länderübergreifend zugesagt. Bulgarien, das historische Tor zur Balkanhalbinsel, denn das namengebende Balkangebirge durchzieht das Land, ist wieder offen - also hin zu aufgeschlossenen Leuten, interessanten Städten und Dörfern und augenschmeichelnden Landschaften, hin zu einem Fluidum zwischen Okzident und Orient. Das alles zu sehen, schmecken, riechen, hören und zu fühlen könnte unvergesslich bleibe - und ist es für viele.

In fremde Länder sollte man vor allem unvoreingenommen reisen, aber nicht unvorbereitet. Sonst kann sich manch anheimelnde Vorstellung und spannende Erwartung schnell in Luft auflösen. Man sollte also auch darauf vorbereitet sein: Bulgarien ist das ärmste EU-Land, mit dem niedrigsten Nettoinlandsprodukt pro Kopf und dem niedrigsten nominellen Lebensniveau. Beides ist unterwegs zu sehen und bei Gesprächen mit Leuten selbst über eine Sprachgrenze hinweg zu spüren. So auch Verdrossenheit über eine neue politische und wirtschaftliche Führungsschicht, die sich 1990 wendig und wahrlich mit Gewinn für sich und die ihren aus der alten herausgepellt hatte.

»Unredlich und abgründig falsch«, wetterte dagegen der Dichter Konstantin Pawlow. Ebendieser Pawlow (1933, Dorf Popowo - 2008, Sofia), den Anna Achmatowa, die Grand Dame der russisch-sowjetischen Dichtung, einst den »größten bulgarischen Poeten« nannte, der ihr »jemals begegnet« sei. Ihn hatten in der Volksrepublik Bulgarien die Verlage viele Jahre lang boykottiert. In der folgenden Republik Bulgarien war er flugs hoch geehrt, doch dann im Kulturbetrieb als Unbequemer wieder geschnitten worden. Leider ist er nicht zuletzt deshalb spärlichst ins Deutsche übertragen und hier so gut wie unbekannt. Auch solchen Schicksalen und Geschehnissen werden wir bei unserer nd-Leserreise versuchen tiefer auf den Grund zu gehen.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung
  • Lastschrift