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  • Politik
  • Umweltschutz und Gewerkschaften

Wir müssen reden!

Aber weniger über die Industriegewerkschaften als vielmehr mit ihren Mitgliedern.

  • Von Fanny Zeise
  • Lesedauer: 4 Min.

Lautstarke schalt der IG Metall Vorsitzende Jörg Hoffmann die SPD-Vorsitzende. Saskia Esken hatte sich gegen eine Kaufprämie für PKW mit Verbrennungsmotoren im Konjunkturpaket gestellt. Die Schelte vom Gewerkschaftsboss entsetzte viele Klimaaktive – und nicht nur die – mit Recht.

Bei der Gewerkschaft wird es anscheinend als brüske Zurückweisung empfunden, wenn die Politik der mächtigen Autoindustrie einmal einen Wunsch ausschlägt.

Trotz dieses Vorfalls ist es aber verfehlt, von einer strukturellen Feindschaft zwischen Klimabewegung und Industriegewerkschaften zu sprechen. Stattdessen gilt zu ergründen, wo die Spannungen ihren Ursprung haben und wie die sozial-ökologische Linke produktiv damit umgehen kann.

Der Vorfall zeigt zweierlei:

1. Teile der IG Metall sind so nah an den Autokonzernen, dass sie die Interessen der Autoindustrie und diejenigen der Beschäftigten nicht immer sauber sortiert bekommen. Das liegt daran, dass die Betriebsräte der großen Konzerne seit Jahren einen - immer wieder von kleineren Konflikten durchbrochenen – Co-Management-Kurs verfolgen. Trotz Abbau übertariflicher Leistungen und zunehmender Arbeitsverdichtung bedeutet das immer noch relativ hohe Löhne und Sicherheit für den Kern der Beschäftigten. Allerdings versperrt er den Weg für eine eigene, alternative sozial-ökologische Konversionsstrategie. So trägt die IG Metall mittlerweile den von den wichtigen deutschen Autokonzernen beschlossenen Ausbau der E-Mobilität mit, obwohl mit dem neuen Antriebsstrang Beschäftigungsabbau und Dequalifizierung drohen. Immerhin wurde damit die Bekämpfung des Klimawandels als ein wichtiges Ziel der IG Metall in der Organisation gesetzt und Offenheit gegenüber der Klimabewegung demonstriert.

2. Die eine IG Metall gibt es so nicht, wie auch die ambivalente Haltung ihres Vorsitzenden hinsichtlich des Antriebsstranges zeigt. In ihr kommen unterschiedliche unmittelbare Interessen, politische Überzeugungen und Gewerkschaftsstrategien zusammen. Es lohnt sich, bei ihren Mitgliedern – auch den potentiellen – nach Anknüpfungspunkten zu suchen.

Denn auch Beschäftigte in der Autoindustrie haben Angst vor der Klimakatastrophe oder die Einsicht, dass immer mehr Autos zum Verkehrskollaps führen. Gleichzeitig wissen die

Kolleg*innen im Betrieb aber am besten um die technischen und ökologischen Probleme der E-Mobilität sowie der Absatzkrise und fürchten um ihre Jobs. Sie als Bewahrer oder Co-Manager abzuschreiben und möglicherweise an die AfD zu verlieren, wäre fatal und würde die Klimabewegung gesellschaftlich schwächen.

Stattdessen sollte die Linke mit ihnen in den Dialog über ein kohärentes, sozial-ökologisches Transformationskonzept treten. In einem solchen Konzept sollten die Interessen der Arbeitenden nicht hinten runter fallen und Möglichkeiten zum Erhalt von Jobs und Wege alternativer Produktion aufgezeigt werden. Denn Beschäftigte werden nur für eine Verkehrswende eintreten und mit der Klimabewegung kooperieren, wenn sie sich sicher sind, dass die soziale Dimension ernst gemeint ist.

Auch wenn Demonstrationen, Proteste und ein verändertes gesellschaftliches Bewusstsein gegenüber dem Auto einiges bewirken kann: Ohne eine offensive Strategie der IG Metall wird es in absehbarer Zeit keine Durchsetzungsperspektive für ein Transformationsprojekt geben, das sich gegen die Profitinteressen der Autoindustrie stellt.

Immerhin stehen angesichts der tiefen Krise in der Autoindustrie und der bevorstehenden Kämpfe gegen Entlassungen und Betriebsschließungen die Chancen gut, eine ernsthafte Diskussion mit den Kolleg*innen zu beginnen und sich aus der bloßen Beobachterposition zu lösen.

Rückenwind kann die Kooperation von Klimabewegung und Gewerkschaft in einer anderen Branche, dem ÖPNV, geben. Hier arbeiten Fridays for Future und ver.di anlässlich der Tarifkampagne Nahverkehr schon seit über einem halben Jahr zusammen, um bessere Arbeitsbedingungen und den Ausbau des öffentlichen Verkehrs durchzusetzen. Wenn es ihnen im September dieses Jahres hier gelingt substanzielle Schritte zu erreichen, wird auch für Beschäftigte in der Autobranche eine sozial-ökologische Verkehrswende greifbarer. Statt eines Projekts ökologischer Träumer und städtischer Besserverdiener kann sie als gemeinsame Auseinandersetzung gegen Klimawandel, für sichere und gute Jobs und Mobilität für alle wahrgenommen werden, in der die Beschäftigten der Mobilitätsbranchen eine zentrale Rolle spielen.

Fanny Zeise ist Referentin für Arbeit, Produktion, Gewerkschaften bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung.

Der Text ist eine Antwort auf nd-Kolumnist Tadzio Müller. In seinem Beitrag »Wir müssen reden« sucht er die Debatte über die Haltung der großen Industriegewerkschaften zum Thema Klimagerechtigkeit.

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