ostddeutsche Fotografie

Altlasten

In seinem fotografischen Essay »Deponie« geht Ostkreuz-Fotograf Tobias Kruse den Verwerfungen in der ostdeutschen Gesellschaft nach.

Von Tobias Kruse (Fotos) und Frank Schirrmeister (Text)

Die Deponie Schönberg in Mecklenburg war zu Zeiten der DDR der Ort, an dem der Westen kostengünstig seinen Sondermüll entsorgen konnte. Die DDR freute sich über die Devisen, in der BRD war man froh, den Dreck der Konsumgesellschaft billig loszuwerden. Für Tobias Kruse, der in der Nähe aufwuchs, war diese Deponie, in der im übrigen heute noch Giftstoffe aus ganz Europa verklappt werden, Sinnbild und Ausgangspunkt seiner Recherche über ostdeutsche Seelenzustände. Für seine Werkserie »Deponie« reiste Kruse 8000 Kilometer durch den Osten der Bundesrepublik, um Gefühle der Angst, Wut und Aggression in der gegenwärtigen ostdeutschen Gesellschaft einzufangen und in assoziativen Bildern zu verarbeiten.

Kruse verbrachte seine Jugend in Mecklenburg in den 1990er Jahren, einer Zeit, über die seit einiger Zeit in den sozialen Medien unter dem Stichwort »Baseballschlägerjahre« intensiv debattiert wird. Gemeint ist damit jene Nachwendezeit, in der nach dem Zusammenbruch der autoritären DDR-Strukturen in nahezu rechtsfreien Räumen Neonazis begannen, den ostdeutschen Alltag zu dominieren. Gerade in der Provinz, den Dörfern und Kleinstädten wurde der Rechtsextremismus fast flächendeckend sichtbar und diejenigen, die von Nazis als Feinde angesehen wurden, also Migranten, Alternative oder auch engagierte Christen, wurden beleidigt und bedroht – manche sogar zu Tode geprügelt. Clemens Meyer hat dieses Nachwendephänomen in seinem Roman »Als wir träumten« gut beschrieben. Inzwischen gibt es einen breiten Diskurs über die Frage, welche psychologischen Verheerungen die ökonomische Schockstrategie nach der Wiedervereinigung in ostdeutschen Köpfen hinterlassen hat. Die Brüche in den Biografien wirken bis heute nach; die Anfälligkeit für extreme Ideologien allein darauf zurückzuführen, greift freilich zu kurz. Neonazis gab es schon in der DDR und ebenso im Westen.

Die Kinder und Jugendlichen der 1990er sind heute erwachsen und haben ihrerseits Kinder, denen sie ihr Gedankengut weitergeben. Es ist nicht übertrieben, von einer mittlerweile tradierten rechten (Jugend-) Kultur zumindest in den ländlichen Gegenden zu sprechen. Die Leerstellen, welche die Schließung von Jugendklubs und anderen sozialen Einrichtungen hinterlassen haben, sind nur allzu gern von rechten Ideologen gefüllt worden. Sie haben dem NSU und später Pegida den Nährboden geliefert. Die Akzeptanz, die es heute gegenüber rechten, rassistischen Einstellungen gibt, ist in den 1990er Jahren gesät worden. Jetzt profitiert die AfD davon.

Für Kruse evozieren die Bilder, die er gefunden hat, die Erinnerung an seine damalige Jugend in den »Neuen Ländern« und übertragen sie in die Jetztzeit. Der Werktitel »Deponie« mag dabei für die Altlasten und Verwerfungen der Wendezeit stehen, die bis heute wie ein alter Abszess vor sich hin schwären und ihr Gift absondern. Seine Beschreibung (ost-)deutscher Zustände arbeitet mit Zeichen und Symbolen, die zunächst irritieren, sich aber in der Gänze zu einer essayistischen Annäherung an Befindlichkeiten formen.

Beispielhaft dafür kann das Bild der Chemnitzer Karl-Marx-Statue stehen. Kruse lässt den »Nischel« unheimlich, gar bedrohlich wirken, wie ein Menetekel. In seiner dämonischen Ausstrahlung wirkt er wie ein Symbol des Scheiterns einer Gesellschaft – damals, aber vielleicht auch heute wieder? Mit kleinen Andeutungen zeichnet er das Bild einer Jugend, die in exzessiven Ausschweifungen und mit Gewalt den Verlust des inneren Kompasses kompensiert. War es in den 1990er Jahren die Elterngeneration, die im eigenen Kampf um einen Platz im neuen System ihre Kinder im Stich ließ, ist es heute die Sinnleere einer Gesellschaft im Konsumwahn, die von rechten Rattenfängern gefüllt wird.

Kruses Blick auf Deutschland hat kein Happy End und lässt wenig Raum für einen optimistischen Blick. Im Gegenteil macht sich eine Ahnung breit, dass unsere Gesellschaft in ihrer gegenwärtigen Verfasstheit den Zenit überschritten hat und wir – wie vor 30 Jahren schon einmal – vor einer Zeitenwende stehen. Angesichts der europaweiten autoritären und reaktionären Tendenzen besteht dieses Mal jedoch kein Grund zur Vorfreude. Mit »Deponie« ist es Tobias Kruse gelungen, ein Zeitgefühl in Bilder zu fassen, welches im Dahinschwinden aller unumstößlich geglaubten Sicherheiten besteht.

Tobias Kruse wurde 1979 in Waren/Müritz geboren und wuchs in Schwerin auf. Nach einem Studium zum Grafikdesigner in Anklam und einigen Jahren der Arbeit als solcher, studierte Kruse von 2004 bis 2007 Fotografie an der renommierten Ostkreuzschule in Berlin bei Prof. Ute Mahler. Seit 2009 arbeitet er freiberuflich als Fotograf. 2011 wurde er Mitglied bei Ostkreuz – Agentur der Fotografen und ist seit 2017 selbst Dozent an der Ostkreuzschule.
Die Werkgruppe »Deponie« entstand im Rahmen des »recommended«-Stipendiums der Firma Olympus und wird noch bis zum 30. August im Haus der Photographie in den Hamburger Deichtorhallen ausgestellt. Weitere Stationen sind anschließend das FOAM Fotografiemuseum Amsterdam sowie das Fotografie Forum Frankfurt.

www.tobias-kruse.com
www.deichtorhallen.de

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