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Oberstleutnant Anastasia Biefang in der Kurmark-Kaserne in Storkow
Bundeswehr

Soldatin und Mensch

Oberstleutnant Biefang ist die erste Transgender-Kommandeurin der Bundeswehr.

Von Andreas Fritsche

Nervt es Oberstleutnant Anastasia Biefang, immer wieder und nur danach gefragt zu werden, dass sie ein Mann war und nun nach einer Geschlechtsangleichung eine Frau ist - und damit die erste Transgender-Kommandeurin der Bundeswehr? Die Antwort lautet kurz und bündig: »Ja.«

Trotzdem steht sie bereitwillig für Interviews zur Verfügung und hat zugelassen, dass ein Dokumentarfilm über ihre Transition gedreht wurde. Denn die 46-Jährige will jungen Betroffenen helfen, ihnen einen »Orientierungspunkt« geben. Sie sollen nicht auch 20 Jahre warten, sich zu outen. Schon als Jugendliche hat Biefang gespürt, dass etwas mit ihr los ist, wenn sie an den Schrank ging, um Kleider ihrer Mutter anzuziehen. Die Furcht, sich zu offenbaren, war nicht unbegründet. Hatten doch die Streitkräfte bis zur Jahrtausendwende Homosexuellen Berufswege verstellt und Karrieren verhindert. 2001 offenbarte sich ein Transgender-Soldat, den Biefang kannte. Da sei kein Beifall geklatscht worden. »Es war nicht einfach.«

Bei Biefang lief es 2015, als sie noch im Bundesverteidigungsministerium tätig war, sehr viel besser. Blieb die Frage, wie es beim Informationstechnikbataillon 381 in Storkow klappen würde, dessen Führung sie 2017 übernahm. Vor Ort gab es die spöttisch geäußerte Befürchtung, dass nun die Regenbogenfahne gehisst werde. Doch in der persönlichen Begegnung gelang es schnell, Vorurteile zu überwinden. Biefang wollte nicht vor angetretener Mannschaft Vorträge über Transgender halten. Wer eine Frage hatte, sollte sich persönlich bei ihr erkundigen. Ein paar haben das getan. Ansonsten galt für die Kommandeurin: »Es kommt nicht die Transsexuelle. Es kommt Oberstleutnant Anastasia Biefang, Punkt.«

Stolz stellt sie fest, dass die Bundeswehr in dieser Hinsicht oftmals weiter sei als andere Institutionen oder die zivile Wirtschaft. Es liegt der Truppe inzwischen ein Leitfaden zum Umgang mit dem Thema vor, es gibt Beratung und Möglichkeiten zur Beschwerde bei diskriminierender Behandlung. Biefangs Vorbild macht Mut. So hatte sie sich das gewünscht. Aber hätte es ein einfacher Soldat genauso hinbekommen wie sie als Oberstleutnant? »Ich hoffe ja«, sagt sie recht zuversichtlich und doch mit der nötigen Vorsicht.

Biefang schaut aber auch über den Tellerrand hinweg. Dass der Hass und die Übergriffe auf Homosexuelle und Transpersonen sogar im Szenekiez in Berlin-Schöneberg zuletzt zugenommen haben, bereitet ihr Sorgen. In der Selbsthilfegruppe lernte sie Transmenschen aus anderen Lebensbereichen kennen, die alles verloren haben - Freunde, Familie, Beruf. Ob es mit ihrer Karriere aus sein würde, wusste Biefang vor ihrem Outing im Jahr 2015 nicht hundertprozentig. Dabei liebt sie ihren Beruf sehr, kann sich im Moment nichts Schöneres denken, als das im brandenburgischen Storkow beheimatete Informationstechnikbataillon 381 zu führen. Im Oktober 2020, nach genau drei Jahren »vielfältiger und prägender Tätigkeit« als dessen Kommandeurin, so sagt sie, übernimmt die 46-Jährige eine neue Aufgabe als Referatsleiterin im Kommando Cyber- und Informationsraum in Bonn.

Der gefürchtete Kasernenhof-Ton ist übrigens nicht ihre Sache. »Schreien hat für mich nur Sinn, wenn man den Gefechtslärm übertönen muss«, schmunzelt sie. Soweit das zu beurteilen ist, wird in der Kurmark-Kaserne ein kameradschaftlicher und respektvoller Umgang miteinander gepflegt. Selbstverständlich gilt in der Bundeswehr wie in jeder anderen Armee auch das Prinzip von Befehl und Gehorsam. Gleichwohl heißt es in der Ratgeberliteratur für Führungskräfte in Wirtschaft und Verwaltung: »Wer führen will, muss Menschen mögen.« Genauso werde das in Schulungen für Führungskräfte der Bundeswehr vermittelt, sagt Biefang. Wenn man der Kommandeurin in die Augen schaut, ihr zuhört, sie erlebt, so besteht kein Zweifel, dass sie das genannte Motto verinnerlicht hat und gern mit Menschen arbeitet.

Sie gerät da ins Schwärmen, selbst wenn sie militärisch knapp die Aufgaben des Bataillons beschreibt: »Vereinfacht gesagt: Wir sind die Telekom der Bundeswehr.« 700 Soldatinnen und Soldaten vom freiwillig Wehrdienstleistenden über den Zeitsoldaten bis zum Berufsoffizier als auch ihr ziviler Mitarbeiterstamm sorgen dafür, dass bei Auslandseinsätzen unter widrigen Umständen Telefonanschluss, Funkverbindung und Computertechnik funktionieren. In Storkow lernen und üben sie das. Zuletzt war das Bataillon in Afghanistan im Einsatz, ab Herbst geht es zur UNO-Friedenstruppe ins afrikanische Mali.

Das Komische dabei: Biefang hatte früher nie Interesse an Technik - »auch nicht an Sport und frühem Aufstehen«, wie sie lachend bemerkt. Also an den Dingen, die klassisch mit dem Armeedienst in Verbindung gebracht werden. An der Universität der Bundeswehr in München hat sie Pädagogik studiert und so ein gutes Rüstzeug für den Umgang mit Menschen erhalten. Eine friedliche Welt, in der das Militär überflüssig wäre, die wäre wünschenswert, gibt Oberstleutnant Biefang gern zu. Was sie in einem solchen Fall machen würde? Sozialarbeiterin werden. Da muss sie nicht nachdenken. Die Frage nach der beruflichen Alternative ist ihr schon öfter bei Lehrgängen der Bundeswehr gestellt worden.

Zwei Mal war sie je sieben Monate im Auslandseinsatz in Afghanistan. In ein Gefecht ist sie nie geraten und musste deshalb auch bis jetzt niemals auf einen Menschen schießen - zum Glück, wie sie betont. In Gedanken durchgespielt, wie das sein würde, hat sie nicht. Sie verlässt sich darauf, dass in einer solchen Situation der erlernte Automatismus funktioniert. Sie vertraut ihrer guten Ausbildung und hatte auch in brenzliger Lage keine Angst. Anders ihre Mutter. Die habe nie gewollt, dass eines ihrer beiden Kinder Berufssoldat wird. Der Vater war bei der Luftwaffe. Die Mutter hoffte, sich keine Sorgen mehr machen zu müssen, wenn er in Pension geht. Nun ist er im Ruhestand, aber Anastasia bleibt aktiv. Sie ist Soldatin und Transgender, möchte aber nicht darauf reduziert werden, will einfach als Mensch gesehen und behandelt werden - als Mensch, der gern lebt, sich öffentlich engagiert, gern feiert und in Berlin regelmäßig Technoclubs besucht.

Vorurteile erlebt sie einerseits als Transgender, andererseits als Berufssoldat. In der queeren Community wird sie oft verständnislos oder scheel angesehen, wenn sie verrät, dass sie Soldatin ist.

In der linken Szene ist es ähnlich. Dort herrschen zwei Ansichten über die Bundeswehr vor: Variante eins nach dem Ausspruch von Kurt Tucholsky: »Soldaten sind Mörder!« Variante zwei: »Soldaten sind Faschisten!«

»Es gibt auch Strukturen und Netzwerke in der Bundeswehr, die rechtsextrem sind, wo es rassistische Übergriffe gibt«, sagte die neue Wehrbeauftragte des Bundestags, Eva Högl (SPD), neulich dem Rundfunk RBB. Doch die meisten Soldaten stünden »fest auf dem Boden des Grundgesetzes«, versicherte Högl.

Es gibt in der Truppe so wie in der Bevölkerung Menschen mit verschiedenen politischen Ansichten und durchaus auch wie Biefang linksorientierte beziehungsweise linksliberale Soldaten. Anastasia Biefang scheut keine kritische Diskussion über die Bundeswehr. Aber die anderen wollen dann manchmal plötzlich nicht mehr mit ihr reden, obwohl sich im Gespräch einiges klären ließe.

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