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Wiederholte Angriffe von rechtsradikalen Türken auf Kurden und Linke in Wien

»Graue Wölfe« stören Demo gegen Gewalt gegen Frauen und versuchen, Häuser zu stürmen

  • Von Stefan Schocher
  • Lesedauer: 3 Min.
Der auch in Österreich verbotene sogenannte Wolfsgruß.
Der auch in Österreich verbotene sogenannte Wolfsgruß.

Grant, also eine zelebrierte Misslaune, gehört zu Wien wie die Melange – mitunter auch schon mal hasserfüllt. Aber Aggression, offene Gewalt mit Messern, Eisenstangen und Flaschen, das ist etwas, das Wien auch in aufgeheizten Zeiten nicht gesehen hat. Ausschreitungen in Problemvierteln wie in Paris – in Wien gab es all das nicht. Im Bewusstsein der Wiener ist diese Stadt doch irgendwie ein großes Dorf. Und jetzt: Die zweite Nacht in Folge kam es bereits zu schweren Auseinandersetzungen zwischen Rechtsradikalen größtenteils türkischen Hintergrunds und Linken im weitesten Sinne – ausgetragen mit Messern, Eisenstangen und Flaschen.

Seinen Anfang genommen hatte die jüngste Serie bei einer Demo gegen Gewalt gegen Frauen. Rechtsextreme störten den Demozug mit Sprechchören und Handzeichen, die auf eine Anhängerschaft der türkischen Regierungspartei AKP sowie der faschistischen türkischen Untergrundorganisation »Graue Wölfe« schließen lassen. Bis spät in die Nacht versuchten diese Rechtsextremen dann ein besetztes Haus (EKH) im zehnten Wiener Gemeindebezirk zu stürmen, in dem mehrere linke und auch türkische linke Vereine sowie Aktionsgruppen ihren Sitz haben. Es kam zu einer stundenlangen Belagerung. Auch das Lokal eines kurdischen Vereins in der Umgebung wurde angegriffen. Und in der ganzen Region wurden Autos demoliert und Geschäftslokale beschädigt.

Am Mittwoch erweckten die Tumulte noch eher den Anschein einer spontanen Aktion. Anders am Donnerstag: Zunächst kam es rund um eine linke Demo angesichts der Eskalationen vom Vortag zu zahllosen Störaktionen. Später am Abend berichteten Bewohner des EKH, dass mehrere hundert türkische Faschisten das Haus stürmen hätten wollen. Wieder kam es zu einer Belagerung. Auf einer nahen Geschäftsstraße sollen die Nationalisten zwischenzeitlich Barrikaden errichtet und im ganzen Viertel gezielt Jagd auf Linke gemacht haben.

Fazit am Freitag: Mehrere Festnahmen wegen tätlicher Angriffe und dem Zeigen des verbotenen Wolfsgrußes aber eine laut Polizei überraschend geringe Zahl an Verletzten. Die Grüne-Politikerin Berivan Aslan übt indes schwere Kritik an der zögerlichen Vorgehensweise der Polizei. Aslan erwartet weitere Auseinandersetzungen. Sie fordert auch die Einbestellung des türkischen Botschafters, nachdem die Angreifer vor allem am Donnerstag mit türkischen Fahnen aufmarschiert waren.

Tatsächlich brillierte die Wiener Polizei während der Ausschreitungen aber vor allem durch Abwesenheit – wohl auch durch Erfahrungsmangel. Tatsächlich scheint die Sicherung der Kundgebung am Donnerstag gut gelaufen zu sein: Störaktionen wurden unterbunden und der Auftritt der Beamten vor Ort machte sehr wohl den Eindruck, als seien diese zum Schutz der Demo im Einsatz und nicht zu deren Einkesselung. Nach der Demo wirkte alles aber sehr chaotisch.

Was von all dem bleibt: Die Gewissheit, dass hier gerade ein Konflikt hochkocht, der lange mit Blick durch einen Wien-Weichzeichner gesehen wurde: Wenn in Paris oder Berlin Autos brennen und Steine fliegen, kommt es in Wien bestenfalls zu einem Gerangel. Und: Dass Wien mit seiner großen türkischen Community ein massives türkisches Nationalismusproblem hat. Vor allem aber, dass diese Subkultur über Kulturvereine, Moscheen, Kampfsportclubs und Unternehmen bestens organisiert ist.

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