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Russland

Wem gehört Geschichte?

Russland rückt nach rechts und feiert den Antifaschismus.

Von Felix Jaitner

In Deutschland gelten Militärparaden als Ausdruck überkommener militaristischer Traditionen. Nicht so in Russland. Aufmärsche mit Waffenschau sind oft ein zentraler Bestandteil der staatlichen Gedenktradition, etwa am 9. Mai - dem Tag des Sieges über das faschistische Deutschland. Wegen der Corona-Pandemie verlegte die russische Regierung die diesjährige Parade auf den 24. Juni, ein nicht minder symbolträchtiges Datum. Vor genau 75 Jahren fand in Moskau die erste Parade nach Kriegsende statt.

Doch die Paraden, die an das Ende des Zweiten Weltkriegs erinnern sollen, werden verstärkt zu einer Exklusivveranstaltung Russlands und seiner Verbündeten. Auch in diesem Jahr kamen Gäste aus Belarus, Serbien oder China, deutsche oder andere westliche Staatschefs sieht man dagegen immer seltener.

Die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg war immer schon umkämpft: Im Westen wird der sowjetische Anteil am Sieg über Deutschland gerne kleingehalten. Eine Würdigung der Opfer, mit der die sowjetische Bevölkerung für den Sieg bezahlen musste, bleibt oft aus.

Seit der Auflösung der Sowjetunion mehren sich sogar Stimmen, die den Staatssozialismus auf eine Stufe mit dem Faschismus stellen. So geschehen in der Resolution des EU-Parlaments aus dem September 2019. Ein weiteres Beispiel ist der EU-Gedenktag für die Opfer aller totalitären und autoritären Regime am 23. August, an dem explizit den Opfern der Nazidiktatur und der stalinistischen Repression gedacht und damit die systematische Verfolgung politisch Andersdenkender, Juden, Sinti und Roma, Homosexueller im Nationalsozialismus verharmlost wird.

Diese Relativierung der nationalsozialistischen Verbrechen stößt sowohl bei der europäischen Linken als auch bei der national-konservativen russischen Regierung auf heftige Kritik. In einem Beitrag für das konservative US-Journal »The National Interest« aus der vergangenen Woche wirft der russische Präsident Wladimir Putin dem Westen besonders im Hinblick auf den Zweiten Weltkrieg und dessen Ausgang »Geschichtsrevisionismus« vor.

Seine Absicht sei es keineswegs, »eine neue Runde internationaler Informationskonfrontation im Feld der Geschichte auszulösen«, so Putin. Allerdings würden europäische Politiker bis heute das Münchener Abkommen und die dramatischen Folgen der Zerschlagung der Tschechoslowakei »unter den Teppich kehren«. Der westliche Geschichtsrevisionismus reiche aber noch weiter, denn Aussagen polnischer Regierungsvertreter gegenüber Hitler hätten als Allianz gegen die UdSSR gewertet werden können. Der Molotow-Ribbentrop-Pakt sei daher ein Schritt gewesen, die sowjetische Isolation zu durchbrechen.

Die russische Seite gibt sich alle Mühe, den Westen als moralische Instanz zu entzaubern. Allerdings täuscht das schändliche Vorgehen der Vertragsstaaten des Münchener Abkommens nicht darüber hinweg, dass die UdSSR gemeinsam mit Deutschland in Polen ganz ähnlich vorging: Das geheime Zusatzprotokoll sah in klassisch imperialistischer Manier die Aufteilung Osteuropas in eine deutsche und eine sowjetische Interessensphäre vor. Die Zerschlagung Polens und der sowjetische Einmarsch im Baltikum waren eine Folge davon. Doch eine kritische Auseinandersetzung mit diesem Teil der sowjetischen Geschichte sucht man in Putins Artikel vergebens. Mit keinem einzigen Wort erwähnt wird das Massaker von Katyn und die gezielte Ermordung von 22 000 bis 25 000 polnischen Offizieren, Polizisten und Intellektuellen während der sowjetischen Besatzung. Es gebe zwar einen »geheimen Teil über die Aufteilung bestimmter Territorien«, schreibt der russische Präsident, »aber wir wissen nicht, welche geheimen Absprachen es in den Vereinbarungen der anderen europäischen Staaten mit Hitler« gegeben habe.

Im Kampf um die geschichtliche Deutungshoheit drehen die Polittechnologen des Kremls den Spieß einfach um: Der Westen ist schuld, unser Vorgehen war alternativlos. Putins Vorwurf, der Westen betreibe Geschichtsrevisionismus, verliert dadurch nicht an Wahrheit, aber an Glaubwürdigkeit und bleibt einseitig.

Die Geschichtsrevisionismusdebatte macht deutlich: Die Erzählung von Geschichte ist längst Teil der Auseinandersetzungen zwischen Russland und dem Westen. Mit der Gleichsetzung von Faschismus und Kommunismus geben die westeuropäischen Staaten ihr antifaschistisches Erbe weitgehend auf. Anderenfalls müssten sie den Widerstand zahlreicher Kommunist*innen und Sozialist*innen angemessen würdigen. Damit bleibt Russland übrig als einzige der vier Siegermächte, die sich auf staatlicher Ebene konsequent zu seiner antifaschistischen Geschichte bekennt.

Doch die russische Führung schreibt die Geschichte ebenfalls aktiv um, ignoriert unliebsame Fakten und nutzt Geschichte zur Herrschaftslegitimation. Den Sieg über Deutschland habe man in erster Linie dem eigenen Nationalstolz zu verdanken, so Putin. »Selbstlosigkeit, Patriotismus, die Liebe zur Heimat, zur Familie und zum Vaterland bleiben fundamental und wesentlich für die russische Gesellschaft bis zu diesem Tag.« Die russische Führung nationalisiert den antifaschistischen Kampf und beraubt ihm dadurch weitgehend seiner progressiven Natur. Antifaschismus ist mehr als der Kampf gegen den Faschismus, er ist auch ein Kampf für eine positive Utopie: für eine offene, demokratische Gesellschaft und internationale Solidarität.

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