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»Wir wissen viel zu wenig über antimuslimischen Rassismus«

Bündnis macht mit Aktionswoche auf antimuslimischen Rassismus aufmerksam

  • Von Ulrike Wagner
  • Lesedauer: 4 Min.
Rima Hanano
Rima Hanano

Rima Hanano ist stellvertretende Projektleitung und Pressesprecherin von Claim. Die Organisation vereint und vernetzt bundesweit 38 muslimische und nichtmuslimische Akteur*innen der Zivilgesellschaft. Claim organisiert eine Aktionswoche anlässlich des Tags gegen antimuslimischen Rassismus am 1. Juli. Ulrike Wagener sprach mit Hanano über die Notwendigkeit antirassistischer Zusammenschlüsse.

Derzeit läuft die Aktionswoche gegen antimuslimischen Rassismus. Betroffene klagen, dieser nehme zu: Welche Ursachen hat das?

Zunächst ist es wichtig zu verstehen, dass Rassismus in unserer Gesellschaft existiert und wir mit der Idee aufwachsen, dass ein Mensch mit einer anderen Hautfarbe woanders herkommt oder dass Muslim*innen besonders religiös sind oder besonders gewalttätig. Dabei trifft antimuslimischer Rassismus nicht nur Muslim*innen, sondern Menschen, die aufgrund ihres Aussehens, ihres Namens als muslimisch eingeordnet werden.


Erst vor zwei Wochen gab es einen Angriff auf eine syrische Bäckerei in Berlin-Neukölln ...

Ja. Noch wissen wir nichts über den oder die Täter. Es liegt nicht fern, dort antimuslimischen Rassismus zu vermuten, doch wir müssen die Ergebnisse der Ermittlungen abwarten. Allein im Jahr 2019 gab es 950 als islamfeindlich eingestufte Straftaten. Das ist für uns jedoch nur die Spitze des Eisbergs. Expert*innen gehen von einem sehr viel höheren Dunkelfeld aus, vermutlich gibt es etwa achtmal so viele antimuslimische Übergriffe.


Wie kommt die Differenz zustande?

Viele Betroffene haben Angst, solche Übergriffe zu melden. Es gibt eine Scheu, sich damit an die Sicherheitsbehörden zu wenden, und viele Betroffene wissen nicht, welche Beratungsstellen sie aufsuchen können. Manche ordnen einen Angriff auch selbst gar nicht als antimuslimisch ein. Es ist notwendig, hier auch die Behörden und die Polizei zu sensibilisieren, um antimuslimischen Rassismus zu erkennen.


Wird dort nicht genug getan?

Ich würde mich hüten, da nur die Polizei in den Blick zu nehmen. Rassismus ist ein gesamtgesellschaftliches Phänomen, das betrifft alle Bereiche und Institutionen – auch die Sicherheitsbehörden. Aber wir wissen viel zu wenig über antimuslimischen Rassismus. Unser Ziel ist es, ihn zu thematisieren, und zwar gesellschaftlich und politisch. Derzeit arbeiten wir an einer Arbeitsdefinition auch auf EU-Ebene. Das ist ein elementarer Schritt um antimuslimischen Rassismus zu erfassen.


So eine Definition gibt es noch nicht?

Nein, das reicht ja von Alltagsdiskriminierung bis zu gewalttätigen Übergriffen. Gerade gab es einen Fall in Hamburg, wo ein Supermarkt ein Mädchen nicht eingestellt hat, weil es sein Kopftuch nicht ablegen wollte. Das ist symptomatisch dafür, was als muslimisch gelesene Menschen in Deutschland täglich erleben. Aber nur wenige Fälle erreichen die Öffentlichkeit. Wir wissen auch viel zu wenig darüber, welche Auswirkungen dies auf Seite der Betroffenen hat.


Was kann man als Beobachter*in eines rassistischen Vorfalls tun?

Haltung beziehen und sich mit Betroffenen solidarisieren – das ist ein wichtiger Schritt. Zu zeigen, die attackierte Person ist nicht allein. Aber man muss natürlich schauen, ob die betroffene Person das überhaupt möchte.


Wie bei weißen Deutschen gibt es auch in der muslimischen Community Antisemitismus. Wie gehen Sie damit um?

Auch Minderheiten sind nicht frei von Vorurteilen gegenüber anderen Minderheiten. Unser Bestreben ist es, Rassismus ganzheitlich zu denken und Allianzen mit Akteur*innen verschiedener Betroffenengruppen zu bilden.


Wie könnten solche Allianzen aussehen?

Sich abstimmen, im Hinblick auf politische Prozesse und einen gemeinsamen Nenner entwickeln. Ohne die Bedürfnisse der einzelnen Communities aus dem Blick zu verlieren.


Würden Sie sagen, in der aktuellen Debatte nach dem Mord an George Floyd geht antimuslimischer Rassismus unter?

Nein, auf keinen Fall. Es war vielmehr unsere Sorge, dass die Aktionswoche den Eindruck erwecken würde, dass wir nun ein anderes Thema auf die Agenda setzen wollen. Aber die ist ja um einen festgelegten Termin geplant. Wir wollen nicht, dass Kämpfe gegen verschiedene Rassismen zueinander in Konkurrenz treten. Die Debatten um Antisemitismus und Rassismus gegenüber Schwarzen, Muslim*innen, Sinti*ze und Rom*nja und anderen Minderheiten sind alle elementar wichtig für die deutsche Gesellschaft.

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